Mittwoch, 13. November 2019

Vorbild Startup-Szene - Chief Philosophy Officers Philosophen in die Chefetagen - sie machen den Unterschied

Ein perfekter CEO: Sokrates-Statue in Athen

Eine bekannte Baumarktkette wirbt mit dem Slogan "wenn's gut werden muss" und macht sich damit zunutze, dass die Interpretation dessen, was unter "gut" zu verstehen ist, zwar individuell unterschiedlich, der Wert des Guten an sich aber für uns alle erstrebenswert ist. Die Philosophie beschäftigt sich seit Jahrtausenden unter anderem mit der profan klingenden Frage, was denn "das Gute" sei.

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Platon, antiker griechischer Philosoph, formulierte in seinem zwischen 390 und 370 vor Christus entstandenen Dialog Politeia nicht nur die These, dass es erst durch die Philosophie möglich wird, eine Idee des Guten zu erfassen. Platon geht sogar noch weiter: Für ihn sind Philosophen die einzigen, die in der Lage sind, einen Staat gut zu regieren. Er forderte, dass entweder die Herrscher Philosophen werden sollen oder die Herrschaft über einen Staat den Philosophen überantwortet wird und entwirft das Ideal eines Philosophenherrschers.

Philosophen gehören zu den Spitzenverdienern

Die von Platon kompromisslos verteidigte und ausführlich begründete Position, Philosophen eine Führungsrolle zuzuweisen, hat noch nicht auf Regierungs-, wohl aber auf Unternehmensebene Anhänger gefunden: Die US-amerikanische Startup-Szene profitiert längst von Philosophen. Der LinkedIn Co-Gründer Reid Hoffmann, der Gründer des Fotoportals Flickr, Stewart Butterfield, und Peter Thiel, Facebook-Investor und Mitgründer der Plattform PayPal, sind gute und nicht die einzigen Beispiele für eine Entwicklung, die auch bei uns Schule machen wird: Sie haben ein Fach studiert, das vielen als brotlose Kunst gilt und gehören nicht nur trotzdem, sondern vielleicht gerade deshalb, zu den Spitzenverdienern.

Jenseits der Startup-Szene wird auch bei den Unternehmen, die ich als Personalberaterin (und Philosophin) beraten darf, laut darüber nachgedacht, neben den klassischen Funktionen wie CEO und CFO, zunehmend CPOs - Chief Philosophy Officers - zu etablieren.

Die Anforderungen an Managerpersönlichkeiten haben sich verändert

Fester Bestandteil des Anforderungsprofils einer erfolgreichen Managerpersönlichkeit sind traditionell die Fähigkeit sowie die Bereitschaft, eigenverantwortlich und lösungsorientiert zu handeln sowie analytisch, strategisch geschickt, pragmatisch und intelligent zu agieren. In den letzten Jahren sind neue Aspekte hinzugekommen, was auch damit zu tun haben könnte, dass sich die Rahmenbedingungen, unter denen Manager und Managerinnen heute agieren müssen, geändert haben. Manager, die alles kontrollieren, alles selbst zu wissen glauben und nicht abgeben wollen, stehen sinnbildlich für eine "analoge Führungskultur", die längst nicht nur in der Startup-Szene Schnee von gestern ist.

In seiner Führungsstudie "Project Oxygen" veröffentlichte der Technologiekonzern Google acht Merkmale, die nach eigener Beobachtung eine gute Führungskraft ausmachen. Anders als das klassische Führungsideal sind sie deutlich stärker am Team orientiert. Betont werden Fähigkeiten wie die als Coach zu agieren, um das Team zu stärken, sich für den Erfolg, die Weiterentwicklung und das persönliche Wohlergehen der Teammitglieder einzusetzen, kein Mikromanagement zu betreiben, zuzuhören und Informationen zu teilen.

Der Netzwerkgedanke, dass Systeme nicht mehr über einen Gatekeeper, nicht mehr streng hierarchisch funktionieren, wo von oben einer sagt, was Phase ist, hat damit seinen Niederschlag in der Führungskultur gefunden. Geführt wird in Form einer Heterarchie (heteros=der Andere und archein=herrschen), die zirkulär funktioniert, die Intelligenz der Vielen nutzt und sich im Idealfall selbst organisiert.

Philosophen verkörpern eine digitale Führungskultur

Philosophen sind es gewohnt, vernetzt zu denken, mit Komplexität umzugehen, sie zu reduzieren und damit gleichzeitig etwas zu tun, was spätestens seit 2007/ 2008, dem Beginn der Finanzmarktkrise, zunehmend wichtiger geworden ist: das empfindliche Gleichgewicht zwischen Chancen und Risiken im Unternehmen auszubalancieren - ohne wie das Kaninchen vor der Schlange zu agieren, alle Risiken zu vermeiden und damit mehr zu blockieren als voranzugehen.

Der Ausgangspunkt für Platon ist die Frage nach der Gerechtigkeit - wie der letzte Bundestagswahlkampf gezeigt hat, ist das ziemlich lange nach Platon noch immer ein brandaktuelles Thema. Platon entwickelt in einem fiktiven Dialog seines Lehrers Sokrates mit dessen Schüler die These, dass die Wahrheit des Guten nur der Mensch erschaut (griechisch theorein), der sich durch die Auseinandersetzung mit der Philosophie von allem Sinnlichen und Gefühlsmäßigen seines subjektiven Wahrnehmens befreit hat.

Dann erst würde er die Dinge so sehen, wie sie von außerhalb des subjektiven Menschseins in ihrer absoluten Wahrheit aussehen. Wie die Debatten um Fakenews und postfaktisch zeigen, sind auch wir auf der Suche nach der Bedeutung von Wahrheit und Objektivität, von Echtheit. Wie wichtig Wahrheit und Objektivität wirklich sind und ob wir sie zum Leben brauchen, das ist beispielsweise eine der Fragen, die den Wert der Philosophie deutlich macht: Es geht darum, auch das zu hinterfragen, was zunächst richtig klingt, genau hinzusehen und andere Perspektiven einzunehmen. Der Philosoph Konfuzius, auf seiner Prioritätenliste ganz oben stand das gute Leben, fasste es in den von seinen Schülern aufgezeichneten Gesprächen so zusammen: "Wer nicht in den Spuren anderer wandelt, kommt nicht ans Ziel" (XI 20).

Philosophen machen den Unterschied. Aufgrund ihrer Art zu denken können sie gar nicht anders: Sie verkörpern, sie leben eine digitale, eine vernetzte Führungskultur. Dadurch sind sie bestens in der Lage, Menschen und damit Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung und zu Innovation mitzunehmen. Vielleicht besser als Volkswirte, Betriebswirte und Juristen. Auf jeden Fall aber anders.

Irina Kummert ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de . Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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