Größter deutscher Online-Reisevermittler in Turbulenzen Unister-Chef Thomas Wagner droht Freiheitsstrafe

Er galt als ostdeutscher Vorzeige-Gründer - doch inzwischen geht es für Thomas Wagner und seinen Internetkonzern Unister bergab. Nun soll ihm der Prozess wegen unerlaubten Vertriebs von Versicherungen gemacht werden.
Von Heinz-Roger Dohms
Pfundig: Unister-Werbung mit Werbefigur Reiner Calmund.

Pfundig: Unister-Werbung mit Werbefigur Reiner Calmund.

Foto: fluege.de
Thomas Wagner, Chef des Leipziger Unternehmens Unister

Thomas Wagner, Chef des Leipziger Unternehmens Unister

Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa

Einem der schillerndsten deutschen Internetunternehmer soll der Prozess gemacht werden. Das Landgericht Leipzig will in Kürze über die Zulassung der Anklage gegen Unister-Gründer und -Chef Thomas Wagner entscheiden. Es geht bei dem Verfahren um den Vorwurf des unerlaubten Vertriebs von Versicherungen - und damit um die Hinterziehung von Versicherungssteuer. Der Beginn der Hauptverhandlung sei für Mitte April geplant, heißt es in einem Gerichtsprotokoll, das manager-magazin.de vorliegt. Insgesamt sind dem Dokument zufolge 22 Prozesstage angesetzt, der letzte für kurz vor Weihnachten.

Für den finanziell angeschlagenen Unister-Konzern ("fluege.de"; "ab-in-den-urlaub.de") könnte der Prozess zur entscheidenden Belastungsprobe werden - denn nach dem Abgang fast aller Topmanager ist der größte deutsche Online-Vermittler stärker denn je von seinem Gründer und Chef Thomas Wagner abhängig.

Erst in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Boris Raoul, Geschäftsführer der wichtigen Travel-Sparte, das Unternehmen demnächst verlässt. Bereits im vergangenen Jahr waren die beiden Holding-Geschäftsführer Peter Zimmermann und Andreas Prokop ausgeschieden. Zudem überwarf sich Wagner im Herbst mit seinem Mitgründer Daniel Kirchhof. Auch der ist angeklagt, genauso wie zwei weitere Manager. Kirchhof wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

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Der Fall bekommt zusätzliche Brisanz dadurch, dass Unister sich seit mittlerweile mehr als einem Jahr bemüht sich Unister vergebens um den Einstieg eines Investors - trotz prominenter Interessenten wie ProSiebenSat.1  oder zuletzt des Ticketvermarkters CTS Eventim. Die Liquidität der Leipziger soll darum nach Recherchen von manager-magazin.de an angeblich rund 50 Millionen Euro hohen Krediten des Versicherers Hanse Merkur hängen. Offenbar im Gegenzug für die Darlehen werden Flüge und Urlaubsreisen auf den Unister-Portalen in vielen Fällen gemeinsam mit einer Reiseversicherung der Hanse vertrieben. Weder Unister noch die Hanse Merkur äußern sich zu diesem Komplex.

Ausgerechnet in diese Gemengelage hinein droht nun der Prozess - nachdem die Anklage rund zwei Jahre geprüft wurde. Dem Protokoll zufolge ist "im Hinblick auf die Angeschuldigten Wagner und Kirchhof eine weitgehende Eröffnung des Hauptverfahrens beabsichtigt". Allerdings folgen die Richter der Staatsanwaltschaft nicht in allen Punkten. Für den Tatvorwurf der "strafbaren Werbung" fehlt aus Sicht der Kammer momentan ein "hinreichender Tatverdacht".

Als mögliches Strafmaß ist nun eine Freiheitsstrafe auf Bewährung im Gespräch - das geht unter anderem aus einem Schreiben von Wagners Anwalt an den Vorsitzenden Richter hervor. Der Brief liegt manager-magazin.de und dem MDR vor, die in der Sache gemeinsam recherchierten. Darin teilt der Anwalt mit, dass sich Wagner nicht mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung einverstanden erklären könne - wohl aber möglicherweise mit einer Geldstrafe. Er betont aber auch, dass er gemeinsam mit Wagner davon ausgehe, dass dieser sich nicht strafbar gemacht habe.

Die Vorwürfe des Anwalts gegen die Justiz

Diese Verteidigungslinie hat offenbar auch damit zu tun, dass in der Causa Unister auch noch in anderer Sache ermittelt wird. Dabei geht es im Kern um eine Praxis, die in der Vergleichsbranche "Runterbuchen" genannt wird. Sie hat zur Folge, dass dem Endkunden angeblich ein höherer Preis in Rechnung gestellt wird, als das Vergleichsportal an den Veranstalter bezahlt. Dem Schreiben des Anwalts zufolge wird auch dieses Verfahren in Kürze zur Anklage gelangen. Wagner fürchtet offenbar, dass sich aus den beiden Komplexen letztlich eine Gesamtstrafe ergeben könnte, die dann womöglich in einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung mündet.

Interessanterweise macht Wagners Anwalt die Justiz für den schlechten Zustand von Unister verantwortlich. Das Strafverfahren habe unter anderem zur "Kündigung wichtiger Vertragspartner", zur "Absage zahlreicher Investoren" und zur "Kündigung diverser Kreditlinien" geführt, heißt es in dem Schreiben. Der entstandene Schaden belaufe sich bereits jetzt auf 43,5 Millionen Euro. Man könne darum "mit Fug und Recht behaupten, dass durch das Strafverfahren die Unister-Gruppe in ihrer Existenz gefährdet worden ist", so der Anwalt.

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Der Anwalt bittet im Namen seines Mandanten dringend darum, erst nach den Sommerferien mit den Verhandlungen zu beginnen. Das hat mit einer angeblichen Finanzierungsquelle zu tun, die in dem Brief sehr vage angedeutet wird. Säße Wagner bereits ab April auf der Anklagebank, so der Anwalt, müsse man davon ausgehen, dass die Finanzierung nicht zustande komme.

Wagner hat auf eine Bitte um Stellungnahme durch manager-magazin.de am Montagmorgen bis Dienstagmittag nicht reagiert. Unister teilte mit: "Unister ist überzeugt von der Unschuld von Thomas Wagner und unserer Mitarbeiter. (...) Sollten in dem Verfahren angeklagte Personen tatsächlich unter zu definierenden Umständen eine Geldstrafe akzeptieren wollen, so wäre dies nicht mit dem Unternehmen abgesprochen. Dies könnte nach unserer Ansicht allein dem Ziel dienen, weiteren Schaden vom Unternehmen abzuwenden."

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