Wird Bayer/Monsanto zum Präzedenzfall? Warum die Moral Bayers Deal zu Fall bringen kann

Von Irina Kummert
Von Irina Kummert
Die Zeiten in denen Firmenübernahmen einzig auf der Basis sachbezogener Analysen geprüft und entschieden wurden, scheinen vorbei zu sein. Die aktuelle Diskussion über eine mögliche Übernahme des Saatgutherstellers Monsanto durch Bayer macht deutlich: Die Moral könnte Einzug in die Datenräume halten.
Das Image könnte besser sein: Demonstration gegen Monsanto vor wenigen Tagen in der Schweiz.

Das Image könnte besser sein: Demonstration gegen Monsanto vor wenigen Tagen in der Schweiz.

Foto: Jean-Christophe Bott/ dpa
Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Bayers Initiative, sich das US-Unternehmen einzuverleiben, gilt als ökonomisch wie strategisch mutiges Unterfangen: Zum einen fragen sich Investoren und Kommentatoren, ob der Brocken Monsanto  für Bayer  nicht eine Nummer zu groß sein könnte - das aktuelle Gebot der Leverkusener liegt bei 62 Milliarden Dollar. Zum anderen bestehe das Risiko, dass die Investition in die innovative, lukrative Technologie des Saatgutherstellers für Bayer auch zum Imageproblem werden könnte: Monsanto verdient sein Geld mit gentechnisch veränderten Pflanzen und umstrittenen Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat. Ist es sinnvoll und vor allem statthaft, ein solches Unternehmen zu kaufen?

Gerade in Deutschland wird der Einsatz von Gentechnik traditionell kritisch betrachtet, man erinnere sich nur an die Debatten um das Klonschaf Dolly und den Einsatz von Gentechnik in der Medizin. Das allerdings ist schon eine ganze Weile her und seitdem hat sich viel verändert - insbesondere die Verfügbarkeit von Informationen sowie deren Verbreitung über das Internet. Dadurch sind die Menschen einerseits aufgeklärter, andererseits aber auch manipulierbarer.

Moral mobilisiert Menschen - überall und jederzeit

Die Kombination aus beidem hat es in sich, vor allem wenn die Moral hinzukommt. Das machen sich in der aktuellen Debatte um Monsanto Initiativen wie Campact zunutze. Auf deren Internetseite heißt es, ihre Themen seien "von relevantem öffentlichen Interesse" und stünden in Einklang mit ihrer "Wertebasis". Pragmatiker mögen diese Position belächeln. Aber sie übersehen möglicherweise, dass Moral in Verbindung mit einer extrem leistungsstarken Informationstechnologie durchaus dazu in der Lage ist, zu jedem Zeitpunkt an beinahe jedem Ort dieser Welt viele Menschen für oder gegen eine Sache zu mobilisieren.

Das funktioniert nicht nur bezogen auf Konzerne wie Monsanto oder Bayer. Selbst die große Politik dürfte künftig davon betroffen sein. So hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor wenigen Wochen kundgetan, Facebook  sei aus moralischen Gründen verpflichtet, einen Kandidaten wie Donald Trump als möglichen Präsidenten zu verhindern. Brisant an dieser Aussage ist, dass eine Plattform wie Facebook tatsächlich die notwendigen technischen Voraussetzungen mitbrächte, um das Ergebnis einer derart bedeutenden Wahl maßgeblich zu beeinflussen.

Bei Unternehmenskäufen sind wir bislang davon ausgegangen, dass letztlich das ökonomische Kalkül ausschlaggebend ist. Die Risikoprüfung, die Due Diligence, erfolgt durch die Sammlung von Informationen in einem so genannten Datenraum auf der Basis von Unterlagen, die das Unternehmen, das verkauft werden soll, dem potenziellen Käufer zur Verfügung stellt. Moral spielte hier in der Vergangenheit als Entscheidungskriterium keine Rolle. Wie die aktuelle gesellschaftliche Debatte um eine mögliche Übernahme von Monsanto durch Bayer zeigt, könnte sich das jetzt ändern: Moral könnte zum Dealbreaker bei Unternehmenskäufen werden.

Moral ist ein Machtfaktor - Zeit, ihn anzuerkennen

Das öffentliche Interesse an den Aktivitäten von Unternehmen ist gewachsen, insbesondere wenn es um Beteiligungen oder Übernahmen geht. Die moralische Rezeption von angebotenen Produkten oder Dienstleistungen spielt mittlerweile eine zentrale Rolle für das Image eines Unternehmens. Sobald qua Größe oder hinsichtlich der Wirkweise von Produkten eine unkontrollierbare Marktmacht oder gar eine Gefahr für Leib und Leben vermutet wird, kommt die Moral ins Spiel. Sie sorgt für Kursabstürze, für Herabstufungen durch Ratingagenturen und ist damit mitverantwortlich für einen realen Wertverlust von Konzernen. Das galt für die Deutschen Bank  genauso wie für Volkswagen  und jetzt für Bayer.

Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem wir die Macht der Moral offiziell anerkennen sollten und ihr den Stellenwert bei strategischen Unternehmensentscheidungen einräumen, den sie faktisch hat - unabhängig davon, ob wir diese Entwicklung positiv werten oder nicht. Das Offensichtliche zu ignorieren und sich auf das scheinbar einzig Entscheidende, nämlich auf ökonomische Vorteile und mögliche Innovationspotenziale zu beschränken, könnte in der heutigen Zeit nach hinten losgehen. Stattdessen sollten mögliche und tatsächliche moralische Vorbehalte und ein damit einhergehender Imageverlust als risikorelevant antizipiert und in Überlegungen wie zum Beispiel einen Unternehmenskauf einbezogen werden. Indem man diesen Aspekt auch formal zum Bestandteil von Due-Diligence-Prüfungen macht, könnte man Initiativen wie Campact von vorneherein den Wind aus den Segeln nehmen.

Die Mechanismen der Moral haben informell längst das Zeug dazu, in Due-Diligence-Prüfungen zum entscheidenden Faktor zu werden. Es wird sich zeigen, ob der geplante Kauf von Monsanto durch Bayer hierfür zum Präzedenzfall im Jahr 2016 wird.

Irina Kummert ist ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.