Freitag, 23. August 2019

Warum Uber sowohl über- als auch unterbewertet ist "Glauben Sie eigentlich an Uber?"

Uber-Chef Dara Khosrowshahi beim Börsengang am 10. Mai

Uber ist ein Phänomen. Das Unternehmen schreibt gigantische Verluste. Jede Bäckereikette, jeder Maschinenbauer und jeder Autohersteller wäre mehrfach bankrott bei diesen Geschäftszahlen. Aber irgendwie ist Uber offenbar in Zahlen nicht zu fassen. Eines der wertlosesten oder wertvollsten Unternehmen der Welt. Vor kurzem fragte mich eine Zuhörerin während eines Vortrags: "Glauben Sie eigentlich an Uber?" Damit brachte sie es besser auf den Punkt als viele klassische Börsenanalysten: Uber ist vor allem eine Glaubensfrage. Die Aktien kaufen oder nicht - das hat mehr mit Religion, als mit Wirtschaftswissenschaft zu tun.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Glaubenssatz 1: Uber ist vollkommen unterbewertet

Uber ist nicht einfach nur ein Unternehmen, sondern das Symbol für die Digitalisierung der Mobilität. Selten hat es ein Unternehmen geschafft, innerhalb kürzester Zeit das Verhalten von Menschen so sehr zu verändern wie Uber. Gigantische Wachstumszahlen in Metropolen wie New York und San Francisco. Und auch in Deutschland, im Herzen der Taxilobby, beginnen althergebrachte Monopole zu wanken. Durch Dienste wie Uber Eats zeigt das Unternehmen, dass es Mobilität ganz neu denkt. Ob der Kunde zum Restaurant fährt oder das Essen vom Restaurant zum Kunden - es sind letztlich nur zwei Seiten desselben Anwendungsfalls. Uber wird möglicherweise in wenigen Jahren einer der Vorreiter des autonomen Fahrens sein. Und durch seinen gigantischen Bedarf an Fahrzeugen kann das Unternehmen sogar die Produktionsketten klassischer Automobilhersteller beeinflussen, wenn nicht diktieren. Man könnte also sagen: Selbst der Ausgabekurs der Uber-Aktie war drastisch unterbewertet. Angesichts des riesigen Potenzials ist Uber eine heiße Kaufempfehlung.

Glaubenssatz 2: Uber ist vollkommen überbewertet

Man muss Uber anrechnen, dass das Unternehmen ein Pionier ist. Dummerweise unterscheidet sich das Geschäft mit der Mobilität drastisch von dem anderer Technologiegeschäftsmodelle. Websuche à la Google ist ein weltweites Geschäft. Grenzenlos. Die Suche nach Ferienwohnungen über Airbnb ebenfalls. Und auch das Geschäft mit Videostreaming (Netflix, Amazon Prime) ist ein globales. Transport jedoch nicht. Selbst in seinen angestammten Märkten hat Uber starke Konkurrenz. Und in Deutschland sind die Märkte jetzt bereits deutlich härter umkämpft als in vielen amerikanischen Metropolen. Mytaxi, Flinkster, Nextbike und Foodora haben einen Vorsprung auf dem deutschen Mobilitätsmarkt. Klar, Uber expandiert in Städte wie Berlin und Köln, aber bereits in Hamburg und Hannover wartet der VW-Fahrdienst Moia mit einem ähnlichen Angebot. Uber versucht schon fast panikartig, Geschäftsfelder in diesen unterschiedlichen Mobilitätsbereichen aufzubauen. Und ist damit ganz klar kein Kauf.

Ein Investment in Uber ist ein Glaubensbekenntnis

Egal, wie lange man diskutiert und analysiert, am Ende landet man doch am selben Punkt: Man muss an die Uber-Story glauben - oder eben nicht. Dass sich Mobilität in den kommenden zehn Jahren schneller und radikaler verändern wird als in den vergangenen fünfzig Jahren, dazu braucht es keine prophetischen Fähigkeiten mehr. Die Anfänge dieser Veränderung sehen wir jetzt bereits täglich um uns herum. Und immer mehr Unternehmen überlegen, wie sie mit der Mobilität von morgen Geld verdienen können. In meinem neuen Buch "Digitale Gewinner", das in wenigen Tagen erscheint, beschreibe ich, wie selbst mittelständische Unternehmen dem Silicon Valley große Konkurrenz machen können. Der Gewinner dieses Rennens kann Uber heißen - ausgemacht ist das nicht.

Ob Uber wirklich die dominierende Kraft der künftigen Mobilität sein wird, ob es überhaupt eine dominierende Kraft in diesem Geschäft gibt oder ob Mobilität letztlich ein lokales Geschäft bleibt, ist derzeit eine Glaubensfrage. Schaut man die Veränderung an, die beispielsweise klassische Automobilhersteller gerade durchlaufen, wird deutlich, dass der Kampf um Marktanteile für Uber nicht einfach werden wird. Und selbst wenn die Automobilhersteller zu langsam sein sollten, warten in vielen Metropolen bereits Start-ups, die dort Marktanteile und einen Kundenstamm aufbauen. Uber wird in diesen Regionen oder Städten vor der gleichen Situation stehen wie es andere tun: Sie müssen sich irgendwann Wachstum dazu kaufen.

Das Fazit dieses Artikels? Es gibt keins. Ob Sie eher dem Für und Wider zuneigen, ist - wie das Investieren in Uber-Aktien - am Ende reine Glaubenssache.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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