Donnerstag, 22. August 2019

Chinesisch finanziertes Megaprojekt von Angry-Birds-Manager Esten zweifeln an 100-Kilometer-Tunnel unter der Ostsee

Tunnelbau-Verfechter Peter Vesterbacka

Skizze des Projekts

Estland könnte Teil der "FinEst Bay Area" werden - ein Großraum wie im Silicon Valley, gebildet aus den Kürzeln der Staaten Finnland und Estland; wenn nur ein Tunnel die Hauptstädte Helsinki und Tallinn verbände, die der an dieser Stelle 80 Kilometer breite Finnische Meerbusen trennt.

Ein großer Traum. Nach jetzigem Abstand wäre es mit großem Abstand der längste Bahntunnel der Welt. Die Frage jetzt ist allerdings, ob Estland das überhaupt will. Wie "Bloomberg" berichtet, hat die estnische Regierung ernste Zweifel an dem Vorhaben angemeldet. "Wir brauchen eine klare Vorstellung davon, woher das Geld kommt und in welcher Höhe", sagte Wirtschaftsminister Taavi Aas. "Wo sind die Garantien, dass es fertiggestellt wird?" Sein Kabinettskollege Jaak Aab, zuständig für Öffentliche Verwaltung, nennt das Ziel einer Eröffnung im Jahr 2024 völlig unrealistisch.

Nach eigenen Angaben hat das Projekt "FinEst Bay Area" schon im März Finanzzusagen für 15 Milliarden Euro erhalten, von einem chinesischen Fonds namens Touchstone Capital Partners. Der wiederum habe bereits Absichtserklärungen mit großen chinesischen Baukonzernen geschlossen.

Ein 100 Kilometer langer Tunnel einschließlich künstlicher Insel mit Geschäftszentrum und mehreren Hochhäusern sei davon gedeckt. "Im Zentrum Eurasiens" liegt der Ort laut Eigenwerbung, nicht etwa am Rand Europas. Die bestechende Logik: Kein EU-Staat sei so schnell per Flug von China aus zu erreichen wie Finnland.

Auf Staatshilfe sei man gar nicht angewiesen, beteuert FinEst-Bay-Macher Peter Vesterbacka, der zuvor sechs Jahre lang den Spieleentwickler Rovio (bekannt durch "Angry Birds") geleitet hatte. Auch am Rovio-Sitz in Espoo sollen die Expresszüge laut seinen Plänen Halt machen. Vesterbacka gibt sich in seinen Tunnelvisionen wie ein finnischer Elon Musk - nichts kann ihn aufhalten.

Anders als Musk, der in Kalifornien besonders kleine Röhren graben lässt, setzt Vesterbacka auf die größten Bohrmaschinen mit 17 Metern Durchmesser: weil das der Stand der Technik aus China ist, und weil man ja nie wisse, was in den kommenden Jahrzehnten noch alles zwischen Helsinki und Tallinn bewegt werden müsse. Auf eine bloße Schnellbahn wolle er sich nicht beschränken.

Die Idee, die beiden Hauptstädte zu verbinden, ist schon älter. In den vergangenen Jahren hatten die Stadträte gemeinsam eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis liegt seit 2018 vor.

Selbst im günstigsten Fall, schreiben die Gutachter, lägen die Kosten um einige Milliarden Euro über dem wirtschaftlichen Nutzen. Etwas werden könne es vielleicht, wenn die Europäische Union 40 Prozent der Kosten übernimmt. Das wäre möglich, weil die Strecke zusammen mit einer "Rail Baltica" genannten Hochgeschwindigkeitsbahn von Berlin und Warschau durch die drei baltischen Staaten seit Jahren in den EU-Plänen für transnationale Netze steht. Doch auch dann könne man vielleicht hoffen, den Bau 2040 fertigzustellen, nicht früher.

Beide Länder haben in diesem Jahr neue Regierungen gewählt. Die wollen ihre gemeinsame Position zum Tunnelbau noch finden - und sind irritiert, dass Vesterbacka mit seinem chinesischen Geld sie einfach links liegen lassen will.

"Wenn die Entwickler heute sagen, dass sie keine Staatsgarantien brauchen, können wir sich nicht einfach den Tunnel graben lassen", zitiert "Bloomberg" Estlands Wirtschaftsminister Taavi Aas. "So läuft das einfach nicht."

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