Mittwoch, 18. September 2019

Wettbewerber verweigerte Zertifikat für Unglücksdamm in Brasilien Die willigen Helfer vom Tüv Süd

Suche nach Opfern der Schlammlawine

"Mehr Wert. Mehr Vertrauen", wirbt der Tüv Süd für seine Expertise. Nach dem katastrophalen Dammbruch eines Rückhaltebeckens am brasilianischen Erzbergwerk Córrego do Feijão wird aber zusehends das Vertrauen in das Münchener Prüfunternehmen selbst erschüttert.

Das "Wall Street Journal" (kostenpflichtig) zitiert aus Ermittlungsakten, der Tüv Süd habe im September 2018 die Sicherheit des Damms bescheinigt, nachdem ein Wettbewerber die Unterschrift verweigert hatte.

Demnach hatte zwischenzeitlich das zum französischen Energiekonzern gehörende Unternehmen Tractebel den Auftrag, wollte das Zertifikat jedoch nicht vergeben - im Rückblick die richtige Entscheidung, denn ohne positiven Bescheid hätte der Bergbaukonzern Vale die Produktion in dem Werk stoppen müssen.

Als der Damm am 25. Januar tatsächlich brach, stürzte eine Millionen Tonnen schwere Schlammlawine talwärts zur nahe gelegenen Stadt Brumadinho. Bis heute wurden 186 Todesopfer gefunden, nach weiteren 122 Vermissten wird noch gesucht. Es sieht nach der schwersten Katastrophe dieser Art mit den meisten Todesopfern in den vergangenen Jahrzehnten aus.

Der Tüv Süd hatte anscheinend weniger Skrupel als die Kollegen von Tractebel. Laut "Wall Street Journal" sprangen die Deutschen kurzfristig ein. Sie hatten bereits im Juni 2018 eine gründlichere Untersuchung desselben Damms abgeschlossen - und möglicherweise schon damals wider besseres Wissen gehandelt. Einer von zwei Tüv-Süd-Mitarbeitern, die im Februar vorübergehend verhaftet wurden, hatte nach früheren Gerichtsakten intern gewarnt, dass "wir streng genommen nicht die Stabilitätserklärung für den Damm unterschreiben" könnten - was dann aber doch geschah, obwohl vom Tüv geforderte Sicherheitsmaßnahmen als zu teuer und langwierig verworfen wurden.

Mehrere Schwachstellen des Damms waren den Prüfern zuvor bereits bekannt. Der Tüv Süd war auch an mehreren weiteren Standorten des weltgrößten Eisenproduzenten Vale aktiv, einige davon als Hochrisikoprojekte eingestuft. Nach der Katastrophe von Brumadinho konnte der Tüv Süd auf mehrere weitere Probleme hinweisen.


Video: Dammbruch in Brasilien - Trauer und Wut in Brumadinho

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Bild: REUTERS

Das Münchener Unternehmen, das mehr als zwei Milliarden Euro Jahresumsatz schreibt und einem Verein aus mehreren Großkonzernen sowie einer Stiftung gehört, will sich zu den laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Der Tüv Süd äußert aber grundsätzliche Zweifel am brasilianischen System der Sicherheitserklärungen für Staudämme. Weitere Berichte werde man nicht mehr erstellen, bis dieses System gründlich überprüft sei. "Für Tüv Süd wäre es inakzeptabel, wenn Erklärungen entgegen besseren Wissens unterschrieben worden wären", heißt es in einer Pressemitteilung. "Ein solches Verhalten würde gegen alle Regeln des Unternehmens sowie sein Selbstverständnis verstoßen."

Der Großteil des Unmuts in Brasilien richtet sich jedoch gegen den Betreiber Vale. Am Wochenende sind Konzernchef Fábio Schvartsman und weitere Topmanager zurückgetreten, wenngleich ihnen selbst bislang kein Mitwissen über die Gefahr in Brumadinho nachgewiesen wurde. Der aktuelle Bericht diente den Behörden jedoch als Grundlage für die Empfehlung, Schvartsman abzuberufen.

Der Vale-Chef war 2017 mit dem Versprechen "Nie wieder Mariana" angetreten, in Erinnerung an einen ähnlichen Dammbruch 2015, der 18 Todesopfer forderte und das Flusssystem Rio Doce verseuchte.

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