Heiner Thorborg

Herausragende CEOs 2015 Elmar Degenhart hat es allen gezeigt

Heiner Thorborg
Von Heiner Thorborg
Elmar Degenhart: Der Continental-Vorstandschef hat im vergangenen Jahr nicht nur unseren Autoren beeindruckt, sondern auch die Harvard Business Review. Sie kürt regelmäßig die besten CEOs des Jahres, Degenhart kam auf Platz vier

Elmar Degenhart: Der Continental-Vorstandschef hat im vergangenen Jahr nicht nur unseren Autoren beeindruckt, sondern auch die Harvard Business Review. Sie kürt regelmäßig die besten CEOs des Jahres, Degenhart kam auf Platz vier

Foto: Lukas Schulze/ picture alliance / dpa

Was für ein Jahr! Volkswagen manipuliert Abgaswerte, Deutschbanker stehen wegen Prozessbetrugs vor dem Kadi, Toshiba fliegt wegen jahrelanger Bilanzfälschung auf. Ein Drama jagt das nächste. Es tut fast weh, darüber nachzudenken, welches Wertgefüge die Männer hinter diesen Skandalen antreibt. Mit derart schlechtem Geschmack im Mund will man nicht ins neue Jahr starten! Bevor wir also einen Schlussstrich ziehen unter das annus horribilis 2015, die Frage: Wer hat dieses Jahr Wert geschaffen, Innovation vorangetrieben und bei Anlegern und Mitarbeitern gute Laune verbreitet? Wer kann guten Gewissens noch als Manager-Vorbild dienen?

Alle Angaben ohne Gewähr - wer weiß schon, welche traurigen Nachrichten uns morgen aufschrecken! Auch ist das Gesetz vom 'Fall der Sterne' hinlänglich bekannt: Kaum bekommt ein Unternehmen oder Manager irgendwo offiziell einen positiven Titel wie "Manager des Jahres" verliehen, schon gibt es Ärger. Dennoch lohnt sich der Blick auf diejenigen, die - Stand Mitte Dezember 2015 - einen guten Job gemacht haben.

Starten wir mit Innovation, denn die wird für immer mehr Menschen in der Geschäftswelt immer wichtiger. Laut Boston Consulting Group zählen sie knapp acht von zehn Befragten unter die drei Top-Prioritäten ihres Arbeitslebens. Im Ranking der Berater der "most innovative companies" für dieses Jahr finden sich die üblichen Verdächtigen auf den ersten Plätzen: Apple, Google, Tesla, Microsoft und Samsung. Zum Glück auch BMW (Platz 7), Daimler (10) und Bayer (11). Volkswagen landet auf Rang 35 - vermutlich für den Einsatz von ach-so-kreativer Software.

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Foto: Manuel Fischer

Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Dabei wird auch Tempo immer wichtiger: Innovation schnell umzusetzen, ist aus Sicht der BCG-Studie der Schlüssel zum begehrten "return on innovation". Bekannt für hohes Tempo ist der spanische Modehändler Inditex, der Konzern hinter Zara. Er schafft es, neue Modetrends innerhalb von zwei bis vier Wochen in die Shops zu bringen. Gründer und Besitzer Amancio Ortega ist damit zum Krösus geworden: Forbes führt den Spanier auf seiner Liste der Reichsten der Welt 2015 auf Platz vier. Doch ist es wirklich so innovativ, die kreativen Ideen der Designer anderer, teurerer Labels einfach schnell und fröhlich zu kopieren, sie billig zu produzieren und damit Mode zu einem Wegwerfprodukt wie Einweggeschirr zu machen?

Überhaupt Geld. Wenn es nur darum ginge, würde vermutlich jedes Jahr Warren Buffett die Liste der besten Manager des Jahres anführen. Auf der Forbes-Liste hält der Investmentguru Platz drei nach Bill Gates von Microsoft und dem lateinamerikanischen Telco-Unternehmer Carlos Slim Helu - doch Buffett ist immer noch aktiver CEO seiner Berkshire Hathaway, während die anderen quasi nur noch als Ehren-Aufsichtsräte fungieren. Er hat ein ungeheures Gespür für lukrative Investments, das ist wirklich beeindruckend.

Auch die Harvard Business Review (HBR) sucht regelmäßig nach den besten CEOs des Jahres. Wesentliches Kriterium dabei ist die finanzielle Langzeitleistung der Manager aus Sicht der Kapitalgeber - frei nach Howard Schultz, dem Starbucks-Gründer: "The only ingredient that works in this environment is performance - so we have to perform."

In den vergangenen Jahren landete nach dieser Messlatte wiederholt Amazon-Chef Jeff Bezos auf Rang eins, obwohl er sich ziemlich publikumsträchtig mit Verlegern und Autoren angelegt hatte. Am Ende überzeugte jedoch sein Credo, das "am meisten kundenorientierte Unternehmen der Welt" führen zu wollen. Eigentlich ist die Ironie köstlich: Der Chef, der sich seit Jahren dem Druck der Wall-Street-Analysten widersetzt und eher auf langfristigen Cashflow als auf schnellen Nettoprofit setzt, aber nahezu nichts für Werbung oder PR ausgibt, schuf 2014 wieder mit den höchsten Unternehmenswert und landete auf der Bestenliste ganz oben.

"Auffällig unauffällig" - Degenharts langfristige Bilanz ist kaum zu toppen

Dieses Jahr nun veränderte Harvard Business Review die Kriterien. Der Finanzerfolg eines CEOs bestimmt nur mehr 80 Prozent der Gesamtwertung und Umweltbewusstsein, soziales Engagement sowie gute Governance stehen für den Rest. Zu Recht - wollen skandalgebeutelte Share- und Stakeholder doch zunehmend genauer wissen, wie es um die Kultur in einem Unternehmen bestellt ist.

Im Ergebnis landete Bezos, der sich gerne mal mit den Arbeitnehmern anlegt und andere Leute wie den US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump auf den Mond schießen will, auf Platz 87 - und ein relativ unbekannter Skandinavier auf Rang eins: Lars Rebien Sørensen, Chef des dänischen Novo Nordisk. Die schon vor Jahren gefallene Entscheidung von Novo Nordisk, sich auf Diabetes zu konzentrieren und die jüngste Explosion der Zahl der unter Zuckerkrankheit Leidenden, hat dem Unternehmen einen Geldregen beschert.

Das ist per se kein Grund zum Feiern. Dennoch verdient Sørensen, der seit 33 Jahren im Unternehmen ist, den Ritterschlag: Novo Nordisk verkauft Insulin in Entwicklungsländern mit gewaltigen Preisabschlägen, macht seine politische Lobbyarbeit transparent und setzt Tierversuche so sparsam ein wie möglich.

Der ruhige Ingenieur hat es allen gezeigt

Schön aus deutscher Sicht ist auch, dass nach den neuen Rankingprinzipien Elmar Degenhart von Continental auf Platz vier landet. Er hat den Reifenhersteller aus der Krise geführt und wurde dafür von der Zeit schon vor Jahren mit dem Titel "auffällig unauffällig" ausgezeichnet.

Interessant ist vor allem der Blick auf langfristigen Erfolg, denn er sortiert die Glücksritter aus, die nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren. Degenhart zum Beispiel ist seit 2009 am Ball - in der schnelllebigen Welt der Topjobs fast schon eine halbe Ewigkeit. Vorhersehbar war dieser Erfolg nicht. Als Degenhart mitten in der Finanzkrise das Zepter übernahm, war das Unternehmen angeschlagen vom Übernahmekampf mit Schaeffler und völlig überschuldet; der Aufsichtsrat zerstritten, das Führungsteam zermürbt. Degenhart, der Neue, galt als Bürokrat und "Schaeffler-Versteher", schließlich hatten ihn ja auch die Franken nach Hannover geschickt.

Der ruhige Ingenieur hat es allen gezeigt. Im Mai letzten Jahres ging das Unternehmen davon aus, 2015 mit 38,5 Milliarden Euro schneller zu wachsen als der Gesamtmarkt. Kann durchaus sein, dass die Autoabsatzkrise in China und Volkswagens Angriff auf das Markenzeichen "made in Germany" ihm da einen Strich durch die Rechnung machen. Dennoch ist der Wiederaufstieg von Continental eine Erfolgsstory, die durchaus gefeiert gehört: Die Schulden sind geschrumpft, die Belegschaft beruhigt. Im Ergebnis hat der Aktienkurs seit 2009 um mehr als 1500 Prozent zugelegt.

Continental-Aktienkurs hat seit 2009 um mehr als 1500 Prozent zugelegt

Degenhart versteht, dass so ein Unternehmen"langfristig nur überleben kann, wenn es gelingt, permanent innovativ zu sein". Degenharts eigene Worte. Er führt seine Leute "an der ganz langen Leine - solange sie erfolgreich sind". Und er hat den Mut, auch einem Traditionsladen mit Baujahr achtzehnhundertirgendwas einen Kulturwandel zu verordnen. Und den dann - anders als die Deutsche Bank - auch durchzuziehen. Beispielsweise hat Continental die gesamte Führungsmannschaft seiner chinesischen Reifen-Division gefeuert, weil sich einige bei Geschäften auch persönlich bedient haben.

Damit bekommt Degenhart neben den Punkten für die finanzielle Leistung sowohl welche in meinem persönlichen Innovationsranking als auch beim Thema gutes Management. Doch das Beeindruckenste ist am Ende die persönliche Bescheidenheit. Andere würden sich mit dieser Leistung unter dem Gürtel feiern lassen wie ein Rockstar. Nicht so Degenhart, was wohl der Auffassung geschuldet ist, dass Führungskräfte sich selber gefälligst nicht so wichtig nehmen sollten.

Chapeau nach Hannover!

Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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