Dienstag, 2. Juni 2020

Aufsichtsrat tagt Corona-Krise setzt Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz unter Zeitdruck

Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz, Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm: Die Zeit wird knapp
Rolf Vennenbernd/dpa
Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz, Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm: Die Zeit wird knapp

Die Corona-Krise kommt für den ohnehin kriselnden Traditionskonzern Thyssenkrupp zur Unzeit. Das Unternehmen steckt mitten in einer tiefgreifenden Sanierung. Der als Befreiungsschlag gedachte Milliardenverkauf des Aufzuggeschäfts könnte womöglich verpuffen. Konzernchefin Martina Merz drückt aufs Tempo. Derweil steigen die Verluste, und regelmäßig kehren Spekulationen über eine Fusion des derzeit verlustreichen Stahlgeschäfts zurück. Am Montag tagt der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp - und die wieder aufkochenden Gerüchte über eine Fusion der Stahlsparte bescheren der Aktie von Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen am Montag ein Plus.

Vorstandschefin Merz ist angetreten, den chronisch klammen Konzern nach mehren Strategieschwenks und Managementwechseln zu sanieren und neu aufzustellen. Dabei läuft ihr die Zeit davon. Denn die Corona-Krise belastet Thyssenkrupp schwer und dies zu einer Zeit, in der die Geschäfte ohnehin schwach verlaufen. So litt die Stahlsparte bereits vorher unter Preisdruck und Überkapazitäten, und im Automobilgeschäft musste der Konzern Einbußen wegen einer konjunkturbedingt schwächeren Nachfrage hinnehmen. Der Einbruch der Wirtschaft als Folge der Corona-Pandemie verschärft die Situation nun erheblich.

1,3 Milliarden Euro Verlust im ersten Geschäftshalbjahr

So häufte Thyssenkrupp im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2019/20 (per Ende März) einen Verlust von 1,3 Milliarden Euro an. Die Verschuldung nahm erheblich zu. Da die Nachfrage ausbleibt, fuhr der Konzern Werke herunter oder schloss sie zeitweise ganz. Das Management schickte mehr als 30.000 Mitarbeiter weltweit in Kurzarbeit. Für das zweite Halbjahr ist keine Besserung in Sicht.

Im Gegenteil: Thyssenkrupp dürfte noch mehr Geld verbrennen. Im bis Ende Juni laufenden dritten Quartal hält Finanzvorstand Klaus Keysberg einen Verlust im hohen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich "wahrscheinlich" und schließt ein Minus bis zu gut einer Milliarde Euro nicht aus.

Verkauf des Aufzugsgeschäfts bringt Milliarden in die Kasse

Einzige Perle war zuletzt das Aufzuggeschäft, das den absoluten Löwenanteil zum Ergebnis von Thyssenkrupp beiträgt, die Verluste jedoch nicht auffangen konnte. Um die Sanierung zu stemmen, verkauft der Konzern dieses für mehr als 17 Milliarden Euro an ein Konsortium um mehrere Finanzinvestoren. Doch ob dies zum erhofften Befreiungsschlag für Thyssenkrupp wird, wird wegen der Corona-Krise immer zweifelhafter.

Es sei jetzt schon klar, "dass Corona unseren Spielraum deutlich einschränken wird", räumte Merz in einer schriftlichen Stellungnahme zu den Halbjahreszahlen ein. Die Mitarbeiter hatte sie kürzlich bereits per Brief angesichts der ernsten Lage gewarnt, es dürfe "nichts mehr ausgeschlossen werden". Um finanziell über die Runden zu kommen, hat sich Thyssenkrupp einen Kredit über eine Milliarde Euro aus dem Sonderprogramm der Förderbank KfW gesichert. Die Geldspritze soll reichen, bis das Geld aus dem Verkauf der Aufzugsparte fließt, und dann zurückgezahlt werden.

Hat Thyssenkrupp schon im Tagesgeschäft genügend Brandherde zu löschen, steht der Konzern nun vor der existenziellen Frage, in welcher Form er sich neu ausrichten soll. Nach der gescheiterten Fusion mit Tata Steel sollte der Stahl künftig zusammen mit dem Handel eine überdurchschnittliche Rolle im Konzern spielen. Wegen des steigenden wirtschaftlichen Drucks der Corona-Krise erwägt Thyssenkrupp nun jedoch offenbar einen zweiten Anlauf für eine Fusion. So soll der Konzern bereits Gespräche mit Wettbewerbern aus dem In- und Ausland führen, berichtet das "Handelsblatt" am Montag unter Berufung auf Kreise aus dem Konzern und der Branche. Zu den Interessenten zählten unter anderem die chinesische Baosteel, SSAB aus Schweden sowie erneut Tata Steel Europe.

Rückstand im Industriegeschäft

Offen ist, welche Rolle die Industriesparten wie Automobil, Industriekomponenten, Marineschiffbau oder der Anlagenbau im Konzern einnehmen werden. Im Industriegeschäft hinkt Thyssenkrupp der Konkurrenz hinterher, die meisten Sparten haben auch nicht die kritische Größe, um wettbewerbsfähig zu sein.

Merz sucht deshalb für die meisten Geschäftsfelder Partner. Für den Anlagenbau hat das Management schon indikative Angebote von möglichen Interessenten an Land gezogen. Auch für den Marineschiffbau hält das Management eine Konsolidierung für richtig. So begrüßte der Konzern die Ankündigung der Werften Lürssen und German Naval Yards, ihr Marinegeschäft zusammenzulegen - hält dies aber nur für einen "ersten Schritt" und erklärte generell seine Gesprächsbereitschaft.

Das Konzept für den Konzernumbau will Merz an diesem Montag dem Aufsichtsrat vorstellen. Finanzvorstand Keysberg hatte jedoch bei der Vorlage der Halbjahreszahlen die Erwartungen an konkrete Schritte schon wieder gedämpft. Vor dem Hintergrund von Corona könne das "nur ein Blick in die Werkstatt sein". Im Ungewissen bleiben damit auch die Mitarbeiter. Vereinbart ist bereits, dass bis zum Geschäftsjahr 2021/22 konzernweit 6000 Arbeitsplätze gestrichen werden. Ob - auch coronabedingt - mehr Stellen wegfallen werden, ist laut Thyssenkrupp "im Moment nicht zu konkretisieren". Hält die Krise weiter an oder verschärft sich sich noch, ist ein weiterer Abbau nicht ausgeschlossen.

Inhaltlich kann Thyssenkrupp Marktbeobachter schon länger nicht mehr begeistern. Viele Analysehäuser raten angesichts der Umbaugeschichte und des niedrigen Kurses dennoch zum Kauf der Aktie. Dabei stellen sie unisono die Bedeutung des Aufzugsverkaufs für die weitere Sanierung heraus.

Zu denjenigen, die empfehlen, das Papier zu verkaufen, gehört die DZ Bank. Die Corona-Pandemie habe das Geschäft des Stahl- und Industriekonzerns stark unter Druck gesetzt, schrieb Analyst Dirk Schlamp nach den Halbjahreszahlen in einer Studie. Das Unternehmen stehe wegen der Virus-Krise vor einem sehr schwachen dritten Geschäftsquartal, die Perspektiven seien vor allem für die autonahen Bereiche deutlich eingetrübt. Zudem habe sich die bilanzielle Verfassung weiter verschlechtert.

Aber auch die Analysehäuser, die Thyssenkrupp als einen Kauf sehen, sehen den Konzern kritisch. Marc Gabriel vom Düsseldorfer Bankhaus Lampe merkte an, die Corona-Pandemie treffe den Konzern in einer Zeit, in der er ohnehin schon anfällig sei. Der Verkauf des Aufzuggeschäfts sollte jedoch positiv zu Buche schlagen.

Der Verkauf der Sparte sei für den Stahlkonzern lebensnotwendig, verdeutlichte Analyst Sven Diermeier von Independent Research. Er hat das Papier kürzlich auf Kaufen heraufgestuft. Dabei nannte er den Ausblick auf das dritte Geschäftsuartal jedoch erschreckend. Auch Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank erklärte, der Ausblick mache einen "furchtbaren" Eindruck. Aber auch er gehört zu denjenigen, der die Aktie zum Kaufen empfiehlt.

Aktie seit Monaten unter Druck

Der Blick auf den Chart des Thyssenkrupp-Papiers zeigt das Ausmaß der Misere und des Niedergangs in den vergangenen Jahren deutlich. Von Kursen über der Marke von mehr als 30 Euro Mitte 2011 ging es peu a peu nach unten. Die vielen Probleme des Konzerns drückten den Kurs bis zum August vergangenen Jahres in den einstelligen Bereich - und dann kam noch Corona.

Die Pandemie und die Sorgen über die Finanzlage des Unternehmens versetzten dem Papier einen weiteren Schlag - zeitweise kostete eine Thyssenkrupp-Aktie deutlich weniger als vier Euro. Davon konnte sich das Papier zunächst bis zur Vorlage der Quartalszahlen wieder auf mehr als sechs erholen. Doch auch das war wieder schnell verpufft.

Sorgen über den hohen Finanzbedarf und weitere coronabedingten Rückschläge sowie die Quartalszahlen ließen diese Erholung schnell wieder platzen. Zuletzt kostet die Aktie wieder kaum mehr als vier Euro. Damit sank der Börsenwert des Unternehmens alleine in den jetzt seit knapp drei Monate anhaltenden Corona-Crash um fast 60 Prozent auf nur noch 2,6 Milliarden Euro.

Damit liegt das Papier selbst im Nebenwerteindex MDax , in den es erst im vergangenen September abgestiegen ist, nur noch im unteren Mittelfeld. Selbst im Kleinswerteindex SDax würde es der Konzern damit nicht in die TopTen schaffen.

Das Unternehmen musste vergangenen September den Dax verlassen, Bitter, denn mit Thyssen war ein Teil des 1999 mit Krupp fusionierten Unternehmens seit dem ersten Tag des deutschen Leitindex' im Jahr 1988 dabei gewesen. Auch für die Großaktionäre, die Krupp-Stiftung sowie der Finanzinvestor Cevian ist die Entwicklung ein Desaster, schmilzt ihre Investition in Thyssenkrupp doch rasant dahin.

la/dpa-afx

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung