Montag, 9. Dezember 2019

Die Rolle von Hedgefonds bei Thomas Cook Wenn Investoren auf Pleite setzen - blockierten Hedgefonds die Rettung von Thomas Cook?

Szene vor der Thomas-Cook-Zentrale im englischen Peterborough an diesem Montag

Die spektakuläre Pleite des Reisekonzerns Thomas Cook wirft ein Schlaglicht auf ein Instrument des Finanzmarkts, das der Papst als "unethisch" und "tickende Zeitbombe" gebrandmarkt hat: Credit Default Swaps (CDS), mit denen sich Investoren gegen Kreditausfälle von Schuldnern wie Thomas Cook versichern können. Laut mehreren britischen Medienberichten hatte eine Gruppe von Hedgefonds in der vergangenen Woche gedroht, die nun tatsächlich gescheiterten Rettungsversuche für das Unternehmen zu blockieren, falls sie deswegen kein Geld aus ihren CDS-Verträgen sehen würden.

Woran die Verhandlungen am Sonntag in den Londoner Räumen der Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins genau gescheitert sind, mochte am Montag keiner der Beteiligten erhellen. Konzernchef Peter Fankhauser teilte nur mit, "eine in den letzten paar Verhandlungstagen zusätzlich geforderte Zahlung" habe "eine Herausforderung dargestellt, die sich letztlich als unüberwindbar erwies".

Der chinesische Hauptaktionär Fosun und die von der Royal Bank of Scoltland angeführten Gläubigerbanken äußerten sich jeweils "enttäuscht". Beide Seiten waren bereit, jeweils weitere 450 Millionen Pfund in das Unternehmen zu stecken. Daran habe sich nichts geändert, erklärte Fosun. "Leider haben sich andere Faktoren geändert."

Vetodrohung der CDS-Besitzer erfolgte nur anonym

Wäre der Kollaps der Traditionsfirma, der mehr als 20.000 Beschäftigte und hunderttausende Kunden im Ungewissen lässt, zu vermeiden gewesen? Und standen Hedgefonds der Lösung im Weg, um nun an der Pleite zu verdienen?

Vor einer Woche hatte Thomas Cook bereits Gläubigerschutz nach Chapter 15 der US-Insolvenzordnung beantragt. Doch ob dies als formeller Kreditausfall gewertet wird und daher die Zahlung der CDS auslöst, war bislang eine offene Frage. Solange die nicht geklärt war, drohten CDS-Besitzer, die zugleich in Thomas-Cook-Anleihen investiert hatten, mit einem Veto zum Rettungsplan. Der hätte die Zustimmung von drei Vierteln der Gläubiger benötigt.

Öffentlich ausgesprochen wurde diese Drohung nur anonym. Die "Financial Times" zitierte beispielsweise "eine den Anleihebesitzern nahestehende Person", die Hedgefonds "wollten konstruktiv sein, ihre Unterstützung hänge aber von der CDS-Entscheidung ab".

Die sollte ein Gremium namens Credit Derivatives Determinations Committee treffen, das aus neun Vertretern von Banken und fünf Vertretern von Fondsgesellschaften gebildet wird - eine Art Orakel der CDS-Welt, das von Fall zu Fall widersprüchliche Urteile trifft, ob eine Pleite im Sinne der Verträge vorliegt. Ein Problem war laut "FT" die Formulierung des Insolvenzantrags, weil darin nicht ausdrücklich von einer Insolvenz des Unternehmens die Rede war.

Ein anderes hob "Bloomberg" hervor: Nach dem Rettungsplan wären sämtliche Anleihen in Aktien umgewandelt worden - es hätte also keine gegen Ausfall zu versichernde Anleihen mehr gegeben und die CDS-Verträge wären womöglich hinfällig. Für Schulden von Staaten oder Banken wird seit 2014 in solchen Fällen von einem "credit event" ausgegangen, die CDS-Eigner bekommen also in der Regel Geld. Bei anderen Unternehmen fehlt ein Konsens darüber jedoch.

Für CDS-Käufer ist nun Zahltag - zweifelsfrei

"Eine Versicherung gegen einen Ausfall zu kaufen und dann keine Ansprüche anmelden zu dürfen, wenn die Firma tatsächlich pleitegeht, widerspricht dem Zweck", beschwerte sich Henry Craik-White, Portfolio-Manager von Wells Fargo Asset Management. "Das zieht das Produkt ins Lächerliche."

Die Unsicherheit allerdings macht die Wette auf CDS erst richtig lukrativ: Die Einsätze sind höher, weil das Nahen einer Insolvenz noch keine Auszahlung garantiert. Daraus kann ein eigenes Geschäftsmodell werden. "Bloomberg" nennt Sona Asset Management als einen der Hedgefonds, die auf Thomas-Cook-CDS setzten. Anfang des Jahres verdiente der von einem früheren Deutsche-Bank-Trader gegründete Fonds in ähnlicher Weise am Kollaps der britischen Modekette New Look, indem er sowohl in CDS investierte als auch genügend Anleihen kaufte, um über die Bedingungen der Restrukturierung mitbestimmen zu können.

"Wenn Thomas Cook kollabiert, werden Hedgefonds erheblich daran verdienen", sagte der "Daily Mail" am Sonntag Russ Mould, Anlagechef des Brokers AJ Bell. Thomas Cook mit seinen unübersehbaren Finanzproblemen sei die britische Aktie mit den meisten Wetten auf fallende Kurse. Gut ein Zehntel der Papiere sei für solche Leerverkäufe zuletzt verliehen gewesen. Besonders aktiv waren dabei die Hedgefonds TT International, Whitebox Advisors, Kite Lake Capital, Melgart und Silver Point. Whitebox ist unter anderem bekannt aus dem Finanzkrisen-Drama "The Big Short": Damals wettete die Firma mit Erfolg auf Kreditausfälle am US-Immobilienmarkt.

Das CDS-Komitee hatte seine ursprünglich für den vergangenen Donnerstag angesetzte Entscheidung über Thomas Cook auf diesen Montag vertagt. Diese Sitzung mit komplizierten juristischen Abwägungen erübrigt sich nun. Für die CDS-Käufer hingegen heißt es völlig zweifelsfrei: Zahltag.

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