Dienstag, 18. Juni 2019

Entrepreneure des Jahres (6) - Sto Einfach aufhören

Zeitmeister: Jochen (l.) und Gerd Stotmeister
Lêmrich für manager magazin
Zeitmeister: Jochen (l.) und Gerd Stotmeister

Die Brüder Gerd und Jochen Stotmeister formten den Dämmstoffhersteller Sto zu einem globalen Marktführer. Dann taten sie etwas Ungewöhnliches: Sie gaben einfach die Unternehmensführung ab. Im Rahmen des Wettbewerbs Entrepreneur des Jahres 2018 wurde Sto der "Ehrenpreis Familienunternehmen" verliehen.

Seit 22 Jahren wird von der Beratungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young) der Wettbewerb "Entrepreneur des Jahres"veranstaltet. manager magazin ist Partner des Wettbewerbs, bei dem wachstumsstarke und innovative Unternehmen in folgenden fünf Kategorien gekürt werden: Industrie, Konsumgüter/Handel, Dienstleistung, Digitale Transformation und Junge Unternehmen.

Die fünf Sieger werden von einer renommierten Jury (darunter Unternehmer Patrick Adenauer und Bertelsmann-Gesellschafterin Brigitte Mohn) ausgewählt. Außerdem bestimmt die Jury zwei Ehrenpreisträger. Zum einen wird ein erfolgreiches Familienunternehmen geehrt, zum anderen ein Unternehmen für außergewöhnliches soziales Engagement. Die Preise wurden bei einer Gala im Deutschen Historischen Museum in Berlin überreicht. Aus den fünf Kategoriesiegern wird ein Primus inter pares ausgewählt, der Deutschland bei der Wahl zum "World Entrepreneur of the Year" vertritt. Dieses Event, bei dem sich über 50 Landessieger präsentieren, findet im Frühjahr in Monte Carlo statt. Mehr Infos zum Wettbewerb finden Sie hier.

Streichen, putzen, dämmen
Die Unternehmer
Jochen Stotmeister (65) studierte Betriebswirtschaft an der FH Reutlingen. Von 1981 bis 1988 leitete er die US-Tochter, bis 2015 war er ­Vorstandschef der Sto SE.
Bruder Gerd Stotmeister (60) studierte Beschichtungs- und Ober­flächentechnik an der FH Stuttgart. Er war seit 1988 im Unternehmen und dort bis 2016 Technikvorstand.
Das Unternehmen
Gerd und Jochen Stotmeister führten das Unternehmen Sto in dritter Generation. Großvater Wilhelm startete in den 30er Jahren mit einem Kalkwerk, Vater Fritz machte daraus Mitte der 50er Jahre die Ispo-Putz KG. Seit 1962 heißt das Unternehmen Sto, wandelte sich 1988 erst in eine AG um und 2013 dann in eine SE. Die Sto SE mit Sitz im südbadischen Stühlingen stellt neben Farben, Lacken und Putzen vor allem Dämmstoffe her. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen 1,27 Milliarden Euro um bei einem Ebitda von 117 Mil­lionen Euro.

Im November wird Jochen Stotmeister (65) nach Nepal fliegen und dann mit dem Motorrad durch das Land im Himalaja touren. Sein Bruder Gerd (60) hingegen wird in der Heimat bleiben, um - je nach Wetterlage - mit dem Mountainbike oder auf Skiern den nahen Schwarzwald oder die Schweizer Alpen zu erkunden. Oder er schraubt in seinem Domizil am Bodensee an einem seiner Oldtimer herum.

Gerd und Jochen Stotmeister genießen das Leben. Sie haben etwas getan, was vielen Familienunternehmern nach wie vor sehr schwerfällt: rechtzeitig aufhören. Jochen schied 2015 als Vorstandschef, Gerd stieg 2016 als Technikvorstand des Dämmstoffherstellers Sto aus, dessen überwiegende Mehrheit nach wie vor im Besitz der Familie Stotmeister ist.

Genauso ungewöhnlich sind die Worte, die Jochen Stotmeister benutzt, um ihr relativ frühes Ausscheiden zu begründen. "Man muss nicht immer im Mittelpunkt stehen", offenbart er, oder: "Ich war froh, dass ich alles abgeben konnte." Gerd, der eher introvertierte der beiden Brüder, sitzt daneben, nickt und sagt lediglich: "Mit 58 aufhören war ein guter Zeitpunkt."

Warum ticken Gerd und Jochen Stotmeister so anders? Jochen wartet mit der Antwort, sucht nach Worten und findet nur ein englisches: humble, was man mit demütig und bescheiden übersetzen kann.

Das ist ihre Einstellung, das ist auch Teil der Unternehmenskultur. "Man muss sich davon lösen, dass man alles weiß", sagt Jochen. Unter seiner Führung wurde deshalb in Vorstands- und Geschäftsleitersitzungen ein breiter Personenkreis miteinbezogen.

Außerdem gab es bei Sto keine Vorstandsetage, die abgehoben über den Beschäftigten residierte. Die Vorstände saßen und sitzen heute noch in verschiedenen Gebäuden unter ihren Mitarbeitern. Jochen zitiert seinen noch lebenden Vater Fritz (91): "Ein Unternehmer ohne gute Kontakte in die Belegschaft ist ein armes Würstchen."

Und das Schöne ist: Mit einem partizipativen Führungsstil kann man erfolgreich sein. Als Jochen Stotmeister 1988 Vorstandsvorsitzender der Sto AG wurde, machte sie knapp 100 Millionen Euro Umsatz. Heute sind es rund 1,3 Milliarden Euro. Das Umsatzziel für 2022 lautet: 2 Milliarden Euro.

Ein Unternehmer ohne gute Kontakte in die Belegschaft ist ein armes Würstchen."

Fritz Stotmeister

Der Baustoffzulieferer Sto stellt auch Farben und Lacke her, bekannt allerdings ist er bei Architekten und Handwerkern wegen seiner Dämmstoffe. Bei Dämmsystemen für Fassaden betrachtet sich Sto als Weltmarktführer. Dazu tragen auch Innovationen wie wärmereflektierende Oberflächen bei, für die etwa der Eisbär mit seinem Pelz Modell stand, oder Fassadenfarben, die so schnell trocknen wie der Panzer eines Wüstenkäfers.

Eisbären, Wüstenkäfer - das klingt nach großer, weiter Welt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wenn es einen Ort gibt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, dann hier. Stühlingen, Ortsteil Weizen, im engen Tal der Wutach, die hier Grenzfluss zur Schweiz ist. Eine einsame Haltestelle der Sauschwänzlebahn, ein paar Häuser, und dann das Sto-Werk mit seiner einem Schiff ähnelnden Zentrale. Sto - wahrlich ein Hidden Champion.

Unter Gerd und Jochen Stotmeister ist Sto zu einem Global Player herangewachsen. Beide haben schon in jungen Jahren viel Erfahrung aus dem Ausland mitgebracht. Gerd war in Australien, Jochen sieben Jahre in den Vereinigten Staaten. Danach haben sie ihr Unternehmen zügig internationalisiert. Heute hat Sto annähernd 50 Tochtergesellschaften in 36 Ländern, rund 60 Prozent des Umsatzes werden außerhalb Deutschlands erzielt.

Die Brüder konnten sich also beruhigt zurückziehen. Was nicht heißt, dass sie alles fallen ließen. Besonders Jochen kümmert sich noch um die Sto Stiftung, die sie 2005 gründeten. Damals wurde das Unternehmen 50 Jahre alt. Die Baukonjunktur hing jedoch durch und damit auch Sto. Die Familie sah keinen Grund zum Feiern. Um das Jubiläum nicht ganz sang- und klanglos verstreichen zu lassen, gründeten sie die Stiftung, die jährlich knapp eine Million Euro für die Ausbildung junger Handwerker und Architekturstudenten zur Verfügung stellt.

Die Geschicke des Unternehmens leitet derzeit ein Familienfremder: Rainer Hüttenberger (54). Ihm könnte dann wieder ein Familienmitglied folgen. Auswahl gibt es reichlich. Gerd und Jochen haben jeweils drei Kinder, ihre beiden Schwestern zusammen auch noch mal vier.

Die Übergabe ist akribisch geplant. Schon vor zehn Jahren starteten die ersten Next-Generation-Workshops. Eine vor Kurzem erarbeitete Familiencharta definiert das Anforderungsprofil für Führungskräfte. Einen Familienbonus gibt es nicht, im Gegenteil. Jochen Stotmeister: "Die Anforderungen sind höher als an familienfremde Manager.

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