Staatsanwaltschaft reagiert auf neue Enthüllungen Die geheimen Deals der Steinhoff-Insider

Die Steinhoff-Mannschaft beim Börsengang Ende 2015 in Frankfurt. V.l.n.r.: Bruno Steinhoff, Ben le Grange, Danie van der Merwe, Christoffel Wiese

Die Steinhoff-Mannschaft beim Börsengang Ende 2015 in Frankfurt. V.l.n.r.: Bruno Steinhoff, Ben le Grange, Danie van der Merwe, Christoffel Wiese

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Steinhoff am Abgrund: Aufstieg und Fall des Möbel-Giganten aus dem Ammerland

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So schnell wie Steinhoff als Gigant des Möbelhandels aus dem Nichts an der deutschen Börse auftauchte, so schnell fällt das Gebilde des kurzzeitigen MDax-Konzerns wieder in sich zusammen. Mit drei Jahren Gnadenfrist der Gläubiger versucht die deutsch-südafrikanisch-niederländische Firma ihre Existenz im Ausverkauf zu retten.

Die Bilanz des Konzerns war gewaltig aufgeblasen, so viel scheint klar. Die Prüfer von PwC haben bisher 13 Milliarden Euro an Vermögenswerten aus den Büchern streichen lassen, vor allem Goodwill für überteuert zugekaufte Firmen, aber auch Immobilienbesitz. Ermittlungen wegen Bilanzfälschung laufen. Doch was genau bei Steinhoff schiefgelaufen ist, liegt noch im Dunkeln. Ein ausführlicher Bericht von PwC steht weiterhin aus.

Das südafrikanische Wirtschaftsmagazin "Financial Mail" hat mit Hilfe der Datenbank von "Panama Leaks" und der Reporterorganisation amaBhungane nun eine Reihe dubioser Geschäfte enthüllt . Die Staatsanwaltschaft Oldenburg prüft daraufhin, ihre Ermittlungen auszuweiten. Im nahen Westerstede, der Heimat von Firmengründer Bruno Steinhoff, hatte der Konzern zentrale Dienste für sein Europageschäft angesiedelt. Das Geschehen, zumeist von Südafrika aus gesteuert, spielte sich jedoch global ab.

Wenn die Geschichte der "Financial Mail" stimmt, dann haben der langjährige Firmenchef Markus Jooste "und die Familie Steinhoff das Unternehmen benutzt, um sich auf Kosten der Aktionäre zu bereichern", lautet das Fazit des Berichts. Es sei ein "systematischer Raubzug" über die vergangenen zwanzig Jahre hinweg gewesen. Fast alle der Beteiligten verweigerten jedoch einen Kommentar.

Die "Panama Papers" ebenso wie neue Hinweise von Insidern förderten eine Reihe von in Steueroasen registrierten Scheinfirmen im Steinhoff-Umfeld zutage. Als Schlüsselfiguren nennt der Bericht den britischen Immobilienentwickler Malcolm King und den Genfer Ex-Banker George Alan Evans, den Jooste immerhin vor dem südafrikanischen Parlament schon einmal als Geschäftspartner identifizierte; er habe ihm jedoch immer als Gegenpartei gegenübergestanden, was laut "Financial Mail" nicht stimme.

Vielmehr habe Evans das persönliche Vermögen Joostes ebenso wie das der Steinhoff-Familie von der Kanalinsel Jersey aus in Offshore-Trusts angelegt - deren Tochterfirmen dann wiederum Geschäfte mit Steinhoff eingingen, ohne die wahren Eigentümer offenzulegen.

Das schillerndste Beispiel ist eine Firma namens Alvaglen mit Sitz auf den Bahamas, aufgesetzt von der Kanzlei Mossack Fonseca in Panama. Dem Bericht zufolge wurde die Firma 1999 von Evans gegründet, mit King, Jooste und den Steinhoffs (über deren Offshore-Vehikel) als Gesellschaftern.

Die Firma kaufte in England Gebäude für die künftige Zentrale des Möbelimporteurs Spearhead, den Steinhoff gerade übernahm. Kredit bekam die bis dato unbekannte Gesellschaft von Barclays - laut "Financial Mail", weil sie erwartete Einnahmen von Steinhoff als Garantie vorweisen konnte. Die Miete, die das Unternehmen zahlte, landete demnach bei den Alvaglen-Eignern - die zugleich Steinhoff führten.

Doch die Finanzakrobatik ging noch weiter. Alvaglen wurde noch mehrfach genutzt, um Gewerbeimmobilien wie Lagerhallen für Steinhoff zu kaufen - und wurde selbst wiederholt vom Konzern selbst übernommen, mit verschiedenen Scheinfirmen auf Jersey, in der Schweiz oder auf den Britischen Jungferninseln als Zwischenbesitzer - immer dabei: Malcolm King. Laut "Financial Mail" wechselte Alvaglen 2014 einmal innerhalb von acht Tagen drei Mal den Besitzer. Dieses Detail wird von Kings Anwalt, der als einziger zum Bericht Stellung nahm, dementiert.

Markus Jooste als Drahtzieher - aber welche Rolle hatten die Steinhoffs?

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Luxus-Jet verkauft: So luxuriös flogen Steinhoff-Manager

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Das Gesamtbild hingegen bleibt bislang unwidersprochen: Firmen und Immobilien wurden hin- und hergeflippt, mutmaßlich mit dem Ergebnis, dass Steinhoff zu viel dafür bezahlte, was zu übertriebenen Werten in der Konzernbilanz und privaten Profiten der Steinhoff-Granden führte. "Er ist der Käufer und der Verkäufer - Markus (Jooste) handelte einfach mit sich selbst", zitiert das Blatt anonym einen früheren Steinhoff-Manager, der von den Enthüllungen wenig überrascht sei.

Auch die heutige Steinhoff-Europazentrale im englischen Cheltenham soll zunächst von einer Firma namens Pearlbury entwickelt worden sein, hinter der zumindest ursprünglich King, Jooste und die Steinhoff-Familie standen.

Mehrere solcher Gesellschaften liefen unter der Obhut der King-Firma Formal Property Management Services, registriert auf den Britischen Jungferninseln. Zumindest in einem Fall des Kaufs von Anteilen einer Möbelfirma fanden die Journalisten ein Dokument, das belegt, dass Formal Property zu 50 Prozent auf eigene Rechnung und zu 50 Prozent auf Bezahlung einer Markus-Jooste-Firma auf Jersey handelte.

Formal Property tauchte auch als früher Investor in Firmen auf, die wenig später (mit hohem Aufschlag) von Steinhoff im Zuge von dessen rasanter Expansion übernommen wurden. So war es 2004 bei dem britischen Einzelhändler Homestyle, mit dem Steinhoff den Sprung vom Möbelhersteller zum Händler wagte. Jooste erklärte das später mit finanziellen Schwierigkeiten des wichtigen Abnehmers, für den Steinhoff dann kurzerhand selbst ins Risiko gegangen sei - ein zugegebenermaßen großes.

Markus Jooste, der im September vor einer Parlamentsanhörung seine Unschuld beteuerte und vom Konzern selbst wegen Insiderhandels angezeigt wurde, erscheint in dem Bericht als der zentrale Drahtzieher.

Der südafrikanische Milliardär Christo Wiese, der 2015 sein Einzelhandelsimperium Pepkor an Steinhoff verkaufte, anschließend bis Anfang dieses Jahres größter Aktionär war, kurzzeitig die Führung von Jooste übernahm und nun Steinhoff verklagt, taucht dagegen nur einmal auf.

Schon 2011 soll Jooste Wiese dessen Weingut Lanzerac abgekauft haben, angeblich für anonyme Investoren aus dem Ausland, tatsächlich für die Firma Pavilion Capital, hinter der wiederum möglicherweise er selbst und die Steinhoffs stehen - zumindest war das bei einer Vorläuferfirma ähnlichen Namens so, die von der Finanzaufsicht der Kanalinsel Jersey geschlossen wurde. Kings Anwalt bestreitet, dass Jooste auch am heutigen Pavilion beteiligt sei.

Die Familie Steinhoff erscheint in dem Bericht eher im Hintergrund, aber immer als Profiteure an Joostes Seite. Ursprünglich hatte Bruno Steinhoff den südafrikanischen Manager auf Empfehlung des befreundeten Textil- und Möbelunternehmers Claas Daun aus der Ammerländer Heimat angeheuert. "Vertrauen" wurde zum Schlüsselwort der Steinhoff-Firmenkultur. Vertrauen vor allem darauf, dass das Familienvermögen von Jooste und dessen Offshore-Spezialisten gemehrt werde.

Jooste und Wiese haben den Konzern verlassen. Immer noch im Aufsichtsrat, an der Seite der Aufräumerin Heather Sonn, sitzt als Familienvertreterin Angela Krüger-Steinhoff. Die ist laut "Financial Mail" eine der Begünstigten des von ihrem Vater Bruno und Onkel Norbert Steinhoff aufgesetzten Marksman Trust, die an der Spitze der Beteiligungsstruktur mehrerer beteiligter Offshore-Gesellschaften stehe.

mit Material von dpa