Wie man Innovationen erfolgreich kopiert Klauen, aber richtig - Ideendiebstahl als Erfolgsstrategie

Ideendiebstahl ist keine Disziplin, mit der sich Manager brüsten können. Zu Unrecht. Die besten Innovatoren sind vor allem eines: Gute Diebe. Professioneller Ideendiebstahl ist eine Kunst, die zum Fundament jeder Management-Ausbildung gehören sollte.
Steve-Jobs-Denkmal in Skt. Petersburg: Der verstorbene Apple-Chef Jobs war stolz darauf, ein Dieb zu sein: "Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen," zitierte er Picasso in einem Interview. "Bei Apple haben wir stets schamlos Ideen gestohlen."

Steve-Jobs-Denkmal in Skt. Petersburg: Der verstorbene Apple-Chef Jobs war stolz darauf, ein Dieb zu sein: "Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen," zitierte er Picasso in einem Interview. "Bei Apple haben wir stets schamlos Ideen gestohlen."

Foto: AP

Die Berliner Start-up-Szene erlebt aktuell einen wahren Hype: Ob Lufthansa mit dem Innovation Hub , die Deutsche Telekom mit dem Start-up Inkubator Hubraum  oder Axel Springers Plug and Play Accelerator : Die großen Konzerne zieht es dorthin, wo die innovativen Start-ups sitzen.

Doch wie innovativ sind diese Start-ups wirklich? Ein genauer Blick auf die Geschäftsmodelle wirft Fragen auf: Ist das wirklich neu? Oder erinnern viele der hochgelobten Geschäftsmodelle nicht am Ende doch an den alten Hit der Prinzen: "Denn das ist alles nur geklaut..."?

Wer Innovationen mit Erfindungen, die die Welt revolutionieren, gleichsetzt, wird bei vielen aktuell gehypten Start-ups zwangsläufig gähnen: Was ist Apparently Different  unter den Fittichen von Axel Springer anderes als das klassische Modegeschäft mit Online-Anbindung?

Schon tausendmal gesehen, das Innendesign gefühlt sogar schon bei Ikea. Relayr , eine Plattform für das Internet der Dinge, ist - grob betrachtet - so einzigartig wie eine Eiche im Wald. Von ThingSpeak  über Carriotts  bis hin zu Gadgetkeeper  gibt es unzählige Plattformen dieser Art. Und bei Flexperto , einem von der Telekom geförderten Online-Beratungstool für Kunden, ertönt der Prinzen-Hit lauter als bei allen anderen: Online-Terminbuchung, Online-Beratung, Online-Bezahlung und eine Online-Kundenkartei - ist davon irgendetwas neu?

Innovatoren sind vor allem eines: Geniale Diebe

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Innovatoren sind häufig nicht die genialen Tüftler und Erfinder, die man sich in romantischen Fantasien vorstellt. Ihre Hauptfähigkeit besteht darin, das Beste zu stehlen, was es gibt, und daraus etwas Neues zu machen. Der wahrscheinlich bekannteste Dieb der Industriegeschichte war Thomas Alva Edison, der Erfinder des elektrischen Lichts. Und er gab es auch noch offen zu: "Ich bin ein guter Schwamm, denn ich sauge Ideen auf und mache sie dann nutzbar."

Edison setzte noch einen drauf: "Ideen müssen nur in Bezug auf das zu lösende Problem neu sein." Nicht einmal das Konzept der Glühbirne, mit der Edison heute assoziiert wird, stammte von ihm. Wilhelm Göbel, ein deutscher Einwanderer, hatte schon mehr als zwei Jahrzehnte vor Edison an der Glühbirne gearbeitet. Obwohl es rechtlich nie einwandfrei geklärt wurde, gehen Historiker heute davon aus, dass Edison das Konzept einfach geklaut hat.

Auch der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs war stolz darauf, ein Dieb zu sein: "Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen," zitierte er Picasso in einem Interview. "Bei Apple haben wir stets schamlos Ideen gestohlen." Das Silicon Valley ist ohnehin ein Ort, an dem an jeder Ecke Ideendiebe lauern. Als die meisten Computer noch aus grüner Schrift bestanden, hatte Xerox das Konzept eines grafischen Desktops entwickelt. Apple  klaute das Konzept bei Xerox . Microsoft  rächte sich und klaute bei Apple. Der Rest ist Geschichte.

Harvard Professor Clayton M. Christensen beschrieb 2009 im Harvard Business Review sechs sogenannte "Entdeckerfähigkeiten" erfolgreicher Innovatoren. Raten Sie, was auf Platz 1 steht? Assoziieren - die Fähigkeit, Fragen, Probleme und Ideen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander zu verbinden. Man könnte es anders sagen: klauen.

Hinter vorgehaltener Hand werden Sie an dieser Stelle vielleicht sagen: "Hüstel. Hüstel. Das tun wir auch ab und zu." Aber klauen Sie auch richtig? Klauen Sie das Beste, was der Markt zu bieten hat? Oder geben Sie sich mit dem zufrieden, was Sie gerade zufällig sehen?

Diese Anleitung hilft Ihnen einzuschätzen, wie professionell Sie aktuell in der Disziplin Ideendiebstahl sind. Drei Dinge unterscheiden die Profis von den Amateuren:

Es wird nicht zu wenig geklaut. Sondern nicht gut genug - Eine Anleitung

1. Seien Sie ständig auf Beutezug

Den professionellen Ideendieb finden Sie überall: In Gesprächen mit Start-ups und anderen innovativen Managern, auf branchenfremden Kongressen oder auf Internetportalen, die nur mit viel Fantasie etwas mit dem eigenen Geschäftsmodell zu tun haben. Sie durchscannen ihr Umfeld - immer auf der Suche nach einem neuen Puzzlestück, das sie mit ihren eigenen Entwicklungen verknüpfen können. Und sie suchen dort, wo andere nicht suchen. Amateurdiebe hingegen sind wie Gelegenheitseinbrecher: Brauchen sie neue Ideen, suchen sie nach der nächstmöglichen Gelegenheit, die sie ohne viel Aufwand erschließen können - aber nicht nach der besten und lukrativsten.

2. Verstehen Sie, was sie mitnehmen

Professionellen Ideendieben genügt es nicht, fremde Ideen zu kopieren. Sie möchten wissen, welche Wege die Entwickler genommen haben, auf welche Hürden sie gestoßen sind und wie sie sie überwunden haben. Sie wollen verstehen, was funktioniert und was gescheitert ist. Und sie haben den Drang herauszufinden, welche Art von Menschen es braucht, damit die Idee nachhaltig funktioniert. Gelegenheitsdiebe hingegen betrachten nur das Offensichtliche. Sie kopieren Ideen ohne sie durchdrungen zu haben - und wundern sich, dass die Kopie nicht so gut funktioniert wie das Original.

Tipp: Nehmen Sie nur das Tafelsilber

3. Nehmen Sie nur das Tafelsilber

Warum alles stehlen, wenn nur ein Bruchteil davon wertvoll ist? Professionelle Ideendiebe schlachten Ideen aus wie ein Auto auf dem Schrottplatz, nehmen das Beste und setzen es mit dem Tafelsilber aus anderen Beutezügen neu zusammen. Das sichert eine hohe Qualität: klauen ja, aber die Fehler der anderen weglassen.

Auf den zweiten Blick sind die Strategien der Berliner Start-up-Szene gar nicht so uninnovativ. Apparently Different hat gut analysiert, was im Modegeschäft und beim Online-Shopping nervt: Im Geschäft ist es das Wühlen durch die Auslagen, beim Online-Shopping die fehlende Möglichkeit des Anprobierens. Weder Technik noch Design sind neu, sondern die Problemlösung. Schaut man sich die meisten Plattformen für das Internet der Dinge an, fällt sofort eines auf: Sie sind kompliziert und schwer zugänglich. Die Innovation von Relayr ist Simplizität: das Internet der Dinge so einfach wie Schokolade  machen. Und Flexperto hat das, was andere erfunden haben und was als Einzellösung schon fast überall im Einsatz ist, neu gebündelt und daraus einen neuen Kundennutzen geschaffen. Wären die Flexperto-Gründer Kunstdiebe, hätten sie wahrscheinlich weltweit die besten Gemälde einer bestimmten Kunstrichtung gestohlen und dann ein neues Museum eröffnet.

Innovation mit fremden Ideen? Ist das erlaubt?

Ob man es moralisch für gut befindet oder nicht: Klauen ist erlaubt. Schaut man sich die Rechtslage an, stellt man ernüchtert fest: Ideen genießen erst dann einen Schutz, wenn sie einen gewissen Reifegrad erreicht haben und beispielsweise patentierfähig sind. Oder wenn Markenschutz bzw. ein Geschmacksmuster angemeldet wurden. Doch selbst das hat Ideendiebe wie Edison nicht abgeschreckt. Er war Spezialist in einer Disziplin, die in Fachkreisen "Design Around" genannt wird: technische Innovationen haarscharf um die bestehende Patentlage herum zu entwickeln. Man könnte den professionellen Ideendieben demnach noch eine weitere Eigenschaft hinzufügen: Sie klauen schlauer als die anderen.

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