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Reichenforschung: Geschlossene Gesellschaft

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Reichenforschung Geschlossene Gesellschaft

Vermögende schaden der Wirtschaft, spalten die Gesellschaft und unterhöhlen die Demokratie: Das behaupten Sozialwissenschaftler. Was taugt ihre Forschung?
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Geschwister Quandt vor Familie Schaeffler: Die zehn reichsten Deutschen

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Am Alten Markt in Potsdam wächst derzeit einer der spektakulärsten Museumsneubauten des Landes empor. Das Palais Barberini, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zerbombt, entsteht neu. Wer bezahlt's? Hasso Plattner (71). Der Mitgründer von SAP  will dort seine Kunstsammlung ausstellen, Bilder von Monet oder Renoir, alle erschwinglich nur für einen Milliardär wie ihn.

Gegenüber erstrahlt seit Anfang 2014 das alte Stadtschloss von Preußenkönig Friedrich II. neu. Finanzieren konnte das Land Brandenburg den Neubau nur dank einer Millionenspende - von Plattner. Ein paar Kilometer weiter Richtung Griebnitzsee liegt eines der angesehensten Lehr- und Forschungszentren im Land, das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, für das der Stifter mehr als 200 Millionen Euro lockermacht.

Von dort rüber zum Seeufer, entlang der Virchowstraße, thront die Churchill-Villa, 1915 bis 1917 erbaut von Architekturrevolutionär Mies van der Rohe für Franz Urbig, damals Mitinhaber der Deutschen Bank. Wem sie heute gehört? Plattner.

Geschichte und Kunst, Politik und Wissenschaft: Potsdam könnte mittlerweile auch Plattsdam heißen.

Man darf fest davon ausgehen, dass es Plattner, geboren in Berlin, reich geworden in Walldorf, nur gut meint. Aber ist er mit seinem Vermögen und dem Einfluss, den es ihm ermöglicht, nicht doch auch eine Gefahr? Für die Marktwirtschaft? Für die Gesellschaft? Für die Demokratie gar?

Das sind Fragen, die immer mehr Sozialwissenschaftler stellen. Mit allen möglichen Methoden versuchen Soziologen, Politologen und Ökonomen, mehr über die Schicht der Superreichen herauszubekommen: Woher stammen ihre Vermögen? Wie leben sie? Was denken sie? Wen wählen sie? Und was folgt daraus für das große Ganze?

Die Zeiten der reinen Neiddebatten, in denen sich Hochvermögende für ihren Erfolg nur rechtfertigen mussten, sind vorbei. Der Verzicht auf Porsche, Perlen und andere Protzereien - hierzulande seit jeher Teil der DNA vieler Reicher, um sozialer Missgunst auszuweichen - genügt nicht mehr.

Heute rücken nicht nur Milliardäre wie Plattner, sondern auch das oberste Prozent der Vermögenspyramide in den Mittelpunkt einer Debatte um die Fundamente des Gesellschaftssystems. Manche Forscher halten die Superreichen inzwischen für ein echtes Gemeinwohlrisiko - für eine neue Art von Staatsfeinden. Zu Recht?

Droht ein neuer Feudalismus in Deutschland?

Ausgangspunkt ist die weitverbreitete Wahrnehmung, dass die Ungleichheit in vielen westlichen Gesellschaften zunimmt. Den Verdacht, dass Reiche immer reicher werden und die Mittelklasse als Verlierer zurückbleibt, hat Thomas Piketty mit seinem Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" neu befeuert. Der französische Ökonom will errechnet haben, dass die Rendite von Kapital langfristig höher ist als die von Arbeit. Hätte er recht, wäre das zentrale Versprechen der Leistungsgesellschaft, nach dem belohnt wird, wer sich redlich müht, gebrochen.

Für Denker wie Steffen Mau ist es bereits so weit. Der Berliner Soziologe sieht Deutschland "am Übergang von einer durch ungleiche Erwerbseinkommen strukturierten Gesellschaft hin zu einer stärker auf Besitz von Vermögen gegründeten Sozialordnung". Anders gesagt: Ein neuer Feudalismus zieht herauf, mit Fürsten wie Hasso Plattner an der Spitze.

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Geschwister Quandt vor Familie Schaeffler: Die zehn reichsten Deutschen

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Gemach. Das Mittelalter ist noch fern und Machtmissbrauch durch Milliardäre rar, gerade in Deutschland. Hier und da scheint der Gerechtigkeitsgeist mit den Forschern ein wenig durchzugehen. Selbst Pikettys Ergebnisse werden von seinen Ökonomenkollegen angezweifelt.

Aber Denker dürfen in ihre Glaskugeln gucken, aus Wissensdurst, aus Sorge. Und manche der Thesen zur Aushöhlung der Leistungsgesellschaft muten in der Tat bedrohlich an:

  • Eine zu große Vermögensballung an der Spitze der Gesellschaft reduziere das Wirtschaftswachstum, etwa weil sich ärmere Bürger bei ihrem Konsum nach den Reichen richten und allzu sehr verschulden; oder weil Binnennachfrage und Investitionen geschwächt werden durch die Kapitalanhäufung in den Händen weniger.
  • Die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten der Mittelschicht schwinden, weil die Kaste der Millionäre und Milliardäre unter sich einen gläsernen Boden einzieht - und der Chancengleichheit ein Ende setzt.
  • Je mehr sich Reiche vom Durchschnittsbürger entfernen, desto mehr sinke die Wahlbeteiligung, weil die Mehrheit nicht mehr an ihren Einfluss glaubt. Politik folgt nur noch den Interessen der Reichen.

Thesen wie diese zerstören gelernte Kausalketten: wie etwa die, dass ein Vermögen die legitime Frucht besonderer Leistung ist. Nur wer so denkt, gönnt den Stars im Silicon Valley ihren Reichtum auch. Das gesamte westliche Wertesystem basierte bisher auf diesem Prinzip.

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Doch die neue Bewegung der Reichtumsskeptiker hat nicht nur intellektuell aufgerüstet. Sie findet auch politisch Gehör. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat Studien zu den Folgen von Reichtum und der Bedeutung von "sozialräumlicher Segregation" in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse fließen in den neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ein. Der soll dann "das Bewusstsein schärfen" für Fragen der Ungleichheit, sagt Nahles, und eine "fundierte Grundlage bieten für politisches Handeln".

In den Ohren so manches Multimillionärs klingt das wie eine Drohung. Gut möglich nämlich, dass die SPD im aufziehenden Bundestagswahlkampf 2017 eine höhere Besteuerung von Vermögen, Kapitalerträgen und Erbschaften wieder auf die Agenda setzt. Die Erfolge der Sozialdemokraten bei Themen wie dem Mindestlohn haben den Einfluss der Reichenkritiker unterstrichen.

Nahles weiß sich in allerbester Gesellschaft. Vorlagen lieferten ihr gleich vier Institutionen, die des Reichen-Bashings bislang unverdächtig waren.

Beim Internationalen Währungsfonds (IWF) vertritt der stellvertretende Chefökonom Jonathan Ostry die These, dass Ungleichheit und Wachstum negativ korrelieren - dass also Gesellschaften mit einer gleicheren Vermögensverteilung schneller wachsen, weil Ungleichheit die Bildungschancen der unteren Klassen schmälere und Investitionen reduziere.

Ungleichheit schadet dem Wirtschaftswachstum

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris, der Thinktank der reichsten Länder, sekundiert. "Unsere Forschung belegt, dass Ungleichheit dem Wirtschaftswachstum schadet", sagt Generalsekretär Angel Gurría. Regierungen hätten also nicht nur soziale Gründe, Ungleichheit zu bekämpfen, "sondern auch wirtschaftliche". Nach einer Analyse der OECD wäre das Wachstum in Deutschland zwischen 1990 und 2010 um 4,7 Prozent höher ausgefallen, wenn der Grad der Einkommensungleichheit stabil geblieben wäre, statt zu steigen.

Demnach verringern die wenigen Großverdiener den Wohlstand aller anderen. Ein Topmanager wie Daimler-Chef Dieter Zetsche (Salär 2014: 8,4 Millionen Euro) oder die Quandt-Familie, die für ihre 46,7 Prozent an BMW 2014 eine Ausschüttung in Höhe von 815 Millionen Euro einstrich, werden von solchen Thesen in ein düstereres Licht gerückt. Schädlich für die Entwicklung wären dann nicht mehr nur die ganz unten, sondern auch die ganz oben.

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Reichstenforschung als Sekundengeschäft: Der Mann, der einen Moment lang der Reichste der Welt war

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Auch Janet Yellen, die Präsidentin der US-Notenbank Federal Reserve, reiht sich in den neuen Mainstream ein. In einer Rede geißelte sie vor einem Jahr die große Ungleichheit in den USA, weil diese den uramerikanischen Wert der Chancengleichheit unterminiere. Wenn einigen wenigen fast alles gehört, kann es keinen fairen Wettbewerb mehr geben.

Und selbst an der Wall Street, Quelle zahlreicher Milliardenvermögen, sprießen Zweifel am sozialen Segen großer Vermögensballung. Für Beth Ann Bovino, Chefökonomin der Ratingagentur Standard & Poor's, lehrt die Geschichte, dass Amerika seine schlimmsten Wirtschaftskrisen stets dann erlebt habe, wenn die Ungleichheit Höchststände erreichte: In den 20er Jahren mündete dies in der Großen Depression, in den 2000er Jahren in der Finanzkrise. Je mehr Superreiche es gibt, desto näher rückt also der nächste Crash.

Wer mit dem Ökonomen Till van Treeck über Milliardäre spricht, ist ohne Umschweife bei der Finanzkrise. Zu der kam es nämlich nach Ansicht des Professors von der Universität Duisburg-Essen durch die große Einkommensungleichheit in den USA. Weil die ärmeren Bürger ihren Konsum an den Reichen ausrichteten, verschuldeten sie sich mehr und mehr - ob für bessere Bildung oder übergroße Eigenheime. Im Immobiliensektor brach das Kartenhaus dann zusammen und riss erst die Banken mit und dann den Rest der Wirtschaft.

Der Erste, der diese These vertrat, war der Ex-Chefökonom des IWF, Raghuram Rajan. Er führt heute Indiens Notenbank - und gilt als möglicher Nachfolger von Christine Lagarde als IWF-Chef.Wenn soziale Ungleichheit zu groß wird, wird sie zu einer makroökonomischen Zeitbombe, so die Denkschule. Deshalb sieht van Treeck auch den deutschen Mittelstand skeptisch. Seit vielen Jahren horteten die Familienunternehmer Geld, sagt der Ökonom: "Das ist aber nicht die Aufgabe des Unternehmenssektors." Er müsse sich verschulden und mehr investieren. Die übertriebene Gewinnthesaurierung würge die Binnennachfrage ab.

Grafik: Zwei Welten

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Für eine Unternehmerin wie Nicola Leibinger-Kammüller kommt der Vorwurf einem Affront gleich. Schließlich ist die Chefin und Co-Eignerin des Maschinenbauers Trumpf stolz darauf, dass ihre Familie die Gewinne fast komplett im Unternehmen belässt, um für die nächste große Krise vorzubeugen.

Aber das sei eben nur die Mikrosicht, wenden die Gleichheitstheoretiker ein. In den Augen des Makroökonomen van Treeck wäre die nächste große Wirtschaftskrise eine, die die so erfolgreichen "Hidden Champions" mitverursacht hätten, weil sie ihre Gewinne nicht produktiv verwendet haben - etwa indem sie höhere Löhne zahlten.

Was für eine Volte: Die Helden des deutschen Mittelstands, heißen sie Reinhold Würth (der einst die berühmte "Schutzmantelmadonna" von Hans Holbein dem Frankfurter Städel für eines seiner vielen Museen wegschnappte) oder eben Leibinger-Kammüller, wären nach dieser Theorie keine Stützpfeiler des Standorts mehr, sondern dessen Totengräber.

Manche Soziologen gehen noch weiter. Sie werfen den Reichen vor, die Gesellschaft zu spalten, indem sie sich in eine abgeschlossene Parallelwelt flüchteten. In eigene Wohngebiete etwa, so wie in Potsdam, wo seit Jahren darüber gestritten wird, ob Leute wie Plattner oder Springer-Chef Mathias Döpfner auf ihren Grundstücken Durchschnittsbürgern Zugang zu Seen oder Parks gestatten müssen, was etwa Döpfner unter Hinweis auf Haftungsrisiken nur eingeschränkt tut.

Reiche - auf Dauer auch eine Gefahr für die Demokratie?

Tatsächlich bilden immer mehr vermögende Deutsche ihren Nachwuchs an teuren Privatschulen aus. Sie haben ihre privaten Ärzte und Kliniken. Und ihre Berater sorgen dafür, dass die Behörden möglichst wenig Zugriff auf ihr Vermögen bekommen. Die Zwänge eines Nationalstaats scheinen für sie nicht mehr zu gelten.

Mit allen möglichen Ansätzen stellen die Forscher den Reichen nach. So versucht ein Projekt am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, aus Daten von Europäischer Zentralbank und Bundesbank sowie Reichenlisten wie der des manager magazins und des US-Magazins "Forbes" zu ermitteln, ob sich die Gruppe der Hochvermögenden von Generation zu Generation reproduziert.

Das große Problem aller Reichenforscher ist allerdings die schlechte Datenlage. An Umfragen, gerade für Soziologen wichtig, nehmen Superreiche nicht teil. Die US-Forscherin Elisabeth Brooke Harrington von der Copenhagen Business School behalf sich deshalb damit, die engsten Mitarbeiter der Reichen zu interviewen: ihre Vermögensverwalter.

Wo bleibt die Demokratie?

Ihr Ergebnis: Die Experten im Streuen, Erhalten und Mehren großer Batzen von Kapital tragen erheblich zur Zementierung von Ungleichheit bei, weil sie das Vermögen ihrer Klienten immer erfolgreicher der Besteuerung entziehen. So würden den Regierungen erhebliche Mittel vorenthalten, die diese "in Bildung, Gesundheitsvorsorge und andere Leistungen stecken könnten, um der anhaltenden Ungleichheit entgegenzuwirken", urteilt Harrington.

Wenn sich ein Finanzminister wie Wolfgang Schäuble (CDU) dem Kampf gegen Steuerflucht und Steueroasen verschreibt, ist das in dieser Lesart auch ein Versuch, die Privilegien der Hochvermögenden einzuschränken. Der Staat wehrt sich, solange er noch kann.

Schädling für die Wirtschaft, Spaltpilz für die Gesellschaft - da liegt der Schluss nahe, dass Reiche auf Dauer auch zur Gefahr für die Demokratie werden, klar.

Kein Grund zur Häme, findet Armin Schäfer. Der Politikprofessor aus Osnabrück hat erforscht, wie sich Wahlbeteiligung und Ungleichheit zueinander verhalten. Fazit: Steigen die Einkommensunterschiede, gehen die Ärmeren immer seltener zur Wahl. Das führe dazu, dass die Politik sich mehr um die Anliegen der Reichen kümmere. Denn regiert werde letztlich für die Wähler, und nicht die Nichtwähler. Studien deuteten darauf hin, dass der Sozialstaat bei höherer Wahlbeteiligung großzügiger sei und die Ungleichheit geringer, sagt Schäfer.

Soll heißen: Die Demokratie als Herrschaft aller über alle wird verzerrt zur Herrschaft weniger für wenige unter Ausschluss vieler - eine moderne Form der Aristokratie.

Schäfer räumt ein, dass die Ergebnisse der Politikwissenschaft bisher noch recht oberflächlich sind. Er untersucht nun, wo sich die politischen Meinungen zwischen Armen und Reichen unterscheiden. Kann er nachweisen, dass Regierungen bei strittigen Themen öfter für die Reichen entscheiden, wäre das ein Indiz für eine Verzerrung der Demokratie.

USA - Vorbild für Horrorszenarien

Horrorszenario für viele Forscher sind die Zustände in den USA. Weil dort Wahlkämpfe privat finanziert werden, sitzen im Kongress fast nur noch Vermögende. Studien würden bereits belegen, so Schäfer, dass die Politik dort vor allem die Interessen der Wohlhabenden durchsetze.

Belegt denn die deutsche Vermögensstatistik, dass sich Reiche mithilfe ihresgleichen die Taschen immer voller machen?

Einer, der es wissen müsste, sitzt in seinem Büro beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und sagt: "Soweit wir wissen, hat die Vermögensungleichheit in den letzten zehn Jahren nicht zugenommen."

Markus Grabka ist beim DIW Teil des Teams rund um die international wohl angesehenste Langzeitstudie zu den Lebensverhältnissen eines Volkes, das Sozioökonomische Panel (SOEP). Seit 1984 gibt es diese regelmäßige Umfrage unter mittlerweile 30000 Deutschen. Ob die Höhe der Heizkosten oder der Weg bis zum nächsten Supermarkt: Kaum ein Volk wird so eingehend durchleuchtet wie das deutsche. Nur kommen die Reichen in Grabkas Stichproben kaum vor.

So fallen bereits die Schätzungen, wie viele Reiche es in Deutschland eigentlich gibt, erheblich auseinander. Das SOEP geht von knapp 110.000 Haushalten aus, die über ein Nettovermögen von mehr als drei Millionen Euro verfügen. Die Bundesbank wiederum nennt 240.000, mehr als doppelt so viele. Zudem kann das SOEP auch nicht bestätigen, dass Reiche immer reicher werden. Bei der Einkommensungleichheit weist es seit 2005 eine Stagnation aus. Die Vermögensungleichheit ist von 2007 bis 2012 sogar leicht zurückgegangen.

Um das Reichenloch in den SOEP-Daten provisorisch zu füllen, hat das DIW die Reichstenliste des manager magazins in sein Modell eingearbeitet. Prompt stieg der Anteil des reichsten Prozents am Gesamtvermögen von 23,9 Prozent auf 32,7 Prozent. Und schon sehen sich die Alarmisten wieder bestätigt.

Für das Ausrufen vorrevolutionärer Vibrationen im Sozialgefüge Deutschlands sei es aber noch zu früh, findet Wolfgang Lauterbach. Der Soziologe von der Universität Potsdam hat 2009 als Autor der Studie "Vermögen in Deutschland" als einer der Ersten versucht, ein Sozialprofil von Reichen zu erstellen. Lauterbach kommt zwar zu dem Schluss, dass seit den 80er Jahren immer weniger Reiche absteigen. Zugleich sei der Aufstieg aus dem Mittelstand in die Klasse der Wohlhabenden nach wie vor möglich. Eine gesellschaftliche Abkapselung der oberen Zehntausend mag er noch nicht erkennen.

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Reichenforschung: Geschlossene Gesellschaft

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Lauterbach sieht die Gefahr für die Ideale westlicher Demokratien eher im Entstehen superreicher Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon: "Diese bilden eine globale Elite heraus, die sich vom Rest der Weltgesellschaft nichts mehr sagen lässt."

Wird das Unbehagen gegenüber Vermögenden zu groß, führt dies immer zu radikalen Maßnahmen - sogar in den USA. Unter dem Eindruck des Lebensstils der "Goldenen Generation" in den 20er Jahren und der Großen Depression nach 1929 sorgte Franklin Roosevelt 1935 dafür, dass Erbschaften von mehr als 50 Millionen Dollar mit 70 Prozent besteuert wurden. Der US-Präsident befand: "Ererbte wirtschaftliche Macht ist inkonsistent mit dem Idealen unserer Generation."

Da hat Deutschland ja noch Spielraum.

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