Montag, 1. Juni 2020

Angst als positiver Antrieb Wie die Corona-Krise die Gesellschaft besser machen kann

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Warum die Corona-Krise eine Chance für uns sein kann.

Wer bereits ein paar Lebensjahre hinter sich hat, weiß um diesen Zusammenhang: Die größten Entwicklungssprünge gibt es immer dann, wenn man - freiwillig oder unfreiwillig - seine Komfortzone verlässt. Je intensiver die Krise ist, die man überwinden durfte, desto größer der Entwicklungssprung. Und auch das lehrt uns das Leben: Ganz ohne Schmerzen gibt es diese Entwicklungssprünge in der Regel nicht.

Karin Maria Schertler
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    Karin Maria Schertler ist Mitglied der Geschäftsleitung von Serviceplan und verantwortlich für die interne Unternehmensberatung der Agenturgruppe, insbesondere für Prozess-, IT- und Organisationsentwicklung mit einem starken Fokus auf Business-Transformation, Wertschöpfungsoptimierung und New Work. Seit mehr als zehn Jahren befasst sie sich mit gesellschaftlichen und betrieblichen Veränderungsprozessen.

Was für Kinder (Stichwort: Kinderkrankheiten, Pubertät) wie auch für Erwachsene (Stichwort: Niederlagen, Schicksalsschläge und andere Krisen) gilt, gilt auch für Gesellschaften. Und so erleben wir gerade im Kollektiv ein - unfreiwilliges - Verlassen der Komfortzone auf den unterschiedlichsten Ebenen, ausgelöst durch ein unsichtbares Virus namens Sars-CoV-2.

Nun gibt es bekanntermaßen unterschiedliche Reaktionen im Umgang mit Krisen. Die einen negieren und verdrängen sie schlichtweg, die anderen sind paralysiert durch Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit, wiederum andere verfallen in einen blinden Aktionismus - alles unterschiedliche Strategien, die uns in frühen Lebensjahren geprägt haben und mit denen wir mehr oder wenig unbewusst versuchen, Kontrolle über etwas zu erlangen, was außerhalb unserer Kontrolle liegt.

Das gemeinsame Muster: Angst

Wenn man tiefer blickt, lässt sich feststellen, dass viele dieser Reaktionsmuster eines gemein haben: Sie sind geprägt von Angst. Angst in unterschiedlichsten Ausprägungen. Und wenn wir ganz ehrlich zu uns sind - wir alle haben sie.

Ob wir aktuell Angst vor einer Corona-Infektion haben, ob wir Angst davor haben, liebgewonnene Menschen zu verlieren, ob wir Angst davor haben, uns mit Mundschutz lächerlich zu machen, ob wir Angst haben, falsche Entscheidungen zu treffen, für die uns Mitarbeiter, Kunden oder Wähler später abstrafen werden, ob wir Angst vor den wirtschaftlichen Auswirkungen des Shutdowns haben, ob wir Angst vor leeren Supermarkt-Regalen und dem damit verbunden Mangel haben, ob wir Angst davor haben unseren Arbeitsplatz zu verlieren, ob wir Angst vor zu viel Nähe oder, genau umgekehrt, vor zu wenig Nähe haben, ob die Angst an uns zehrt, dass der Einbruch der Aktienmärkte die Altersvorsorge dahinschmelzen lässt, ob wir uns darüber ängstigen, in welche Welt wir unsere Kinder geboren haben, oder ob wir Angst haben, dass sich die Geschichte wiederholt und wir in ein kollektives Desaster wie vor knapp 100 Jahren schlittern: Im Grunde sitzen wir alle im selben Boot. An uns nagt die Angst vor Kontrollverlust.

Gleichzeitig dürfen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir in einer Zeit leben, die immer stärker und schneller von Kontrollverlust geprägt ist. Nicht ohne Grund wird sie mit VUKA umschrieben: sie ist volatil (ein dauerhaftes Auf und Ab), unsicher (auf nichts ist mehr Verlass), komplex (was gestern noch funktioniert hat, ist heute nur ein zahnloser Tiger) und ambivalent (die beiden Seiten einer Medaille widersprechen sich oder haben entgegengesetzte Wirkung).

Daraus lässt sich schlussfolgern: eine von Kontrollverlust-Ängsten geprägte Gesellschaft ist auf eine von VUKA geprägte Zukunft nicht sonderlich gut vorbereitet.

Die Folgen des dysfunktionalen Umgangs mit der Angst

Nun ist Angst an sich kein Drama. Sie gehört zum Leben genauso wie alles andere auch und ist nicht per se schlecht. In bestimmten Situationen kann sie sogar sehr nützlich sein und uns schützen, sofern sie nicht lähmend, sondern handlungsaktivierend wirkt. Fatal wird es nur, wenn wir unsere Ängste nicht kennen, denn dann beeinflussen sie unbewusst unser ganzes Denken und Handeln (von wegen Selbstbestimmtheit!). Und selbst wenn wir sie kennen, bedarf es bestimmter Fähigkeiten für einen konstruktiven Umgang mit der eigenen Angst - und diese werden uns leider in den seltensten Fällen durch Elternhaus oder Bildungssystem vermittelt.

Wenn der konstruktive Umgang mit der eigenen Angst nicht gelernt ist, hat das zur Folge, dass die beste Version unseres Selbst vernebelt ist, und dass unsere zukünftige Gegenwart maßgeblich von der vergangenen Gegenwart geprägt ist. Wir durchleben unbewusst quasi die Wiederholung der Wiederholung in den unterschiedlichsten Farbnuancen. Nicht ohne Grund lautet daher die Lieblingsfrage von Miriam Meckel, Herausgeberin der Wirtschaftswoche und dem Zukunftsmagazin "ada"; "Was würden Sie tun, wenn sie keine Angst hätten?" (Original auf Englisch: "What would you do if you weren't afraid?).

Wie dieses Skillset nun konkret aussieht und wie man sich dieses als Individuum aneignet, können versierte Experten besser vermitteln als ich (siehe hierzu beispielsweise: Klaus Eidenschink: Ängste? Erläuterungen zu einem aktuellen Gefühl). Was mich vielmehr im Rahmen der Corona-Krise interessiert, ist folgende Frage: Wie kann es uns gelingen, als Kollektiv einen konstruktiven Umgang mit der Angst zu erwerben, als Gesellschaft die beste Version unser Selbst zu entwickeln und gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, so dass wir im Rückblick eines Tages sagen können: Der Prozess war unfreiwillig, wir mussten an vielen Stellen unsere Komfortzone verlassen und an manchen Stellen wurde es schmerzhaft - aber es hat sich gelohnt: Wir haben einen gewaltigen Entwicklungssprung gemeinsam erzielt. Denn wir blicken voller Zuversicht auf uns, auf das Leben und auf unsere Zukunft.

Positive Narrative braucht unser Land

Jeder kennt das Wirkungsmuster der "Self-Fulfilling-Prophecy": Die innere Haltung beeinflusst unsere Wahrnehmung und hat direkten Einfluss auf die erlebte äußere Realität. Wenn wir uns in diesem Zusammenhang vor Augen führen, dass Ängste immer individuell sind (Covid-19 löst bei jedem unterschiedliche Ängste aus - siehe obige Beispiele) und diese maßgeblich unser Denken und Handeln prägen, dann wird schnell deutlich, dass wir - ohne es zu merken - unser Zukunftspotential stark limitieren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass unsere aktuell sehr präsenten Ängste in der zukünftigen Gegenwart bestätigt werden, ist hoch.

Somit ist der Bedarf an positiven Narrativen, die ein bewusstes Kontrastprogramm zu den von unseren Ängsten gefütterten inneren Narrativen darstellen, gerade in kollektiven Krisenzeiten wie diesen nicht hoch genug einzuschätzen. Nicht nur kollektives Social-Distancing, sondern auch kollektives Fear-Distancing ist ein Gebot der Stunde.

Ein Beispiel für ein solch alternatives Narrativ ist das Post-Corona-Szenario des Zukunftsforschers Matthias Horx: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise "vorbei" ist.

Mit Blick zurück auf das Heute

Inspiriert durch das von ihm gewählte Stilmittel der RE-gnose (in Abgrenzung zur PRO-gnose) wage ich ebenso einen Blick zurück auf das Heute - in der Hoffnung andere zu motivieren, weitere positive Zukunftsnarrative zu entwickeln:

Rückblickend sehen wir, dass unsere Angst vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch unbegründet war. Sicherlich, die Wirtschaft sieht jetzt anders aus als noch im letzten Jahrzehnt - doch das hat alles auch seine positiven Seiten. Kleinere und lokale Anbieter gehen gestärkt hervor und fördern so das regionale Zugehörigkeits- und Verantwortungsgefühl und somit den sozialen Zusammenhalt. Der Konsum ist in großen Teilen der Gesellschaft verantwortungsvoller geworden - frei nach der Maxime: weniger ist mehr - und mit dem schönen Nebeneffekt, dass wir in Sachen Klimaschutz große Fortschritte erzielen.

Von zu Hause arbeiten gilt nicht mehr als Karriere-Killer. Ganz im Gegenteil. Die in 2020 erlebten Produktivitätssteigerungen aufgrund von mehr Selbstbestimmtheit, dem Wegfall großer Zeitfresser wie Verkehrsstaus oder lange Anfahrtswege sowie die inzwischen zur Norm gewordene Selbstdisziplin in virtuellen Meetings haben selbst die größten Gegner einer vertrauensbasierten Unternehmenskultur überzeugt. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass Ballungszentren entlastet werden und bisher abgehängte Regionen Auftrieb gewinnen, da in vielen Branchen die räumliche Nähe für die Wertschöpfung nicht mehr von zentraler Bedeutung ist.

Zudem hat das Jahr 2020 einen unglaublichen Innovationsschub initiiert. Nicht nur in den bestehenden Organisationen und Verwaltungen, sondern auch bei vielen Privatpersonen. Der Verlust des Einkommens, die gemeinsam erlebte Solidarität während der Krise sowie die Chancen der digitalen Wirtschaft haben viele in der Not erfinderisch gemacht. Und so ist es zum neuen Volkssport geworden, sich mit immer noch besseren Ideen zu übertrumpfen - anstatt sich mit Volksverdummungsprogrammen oder belanglosem Social-Media-Talk zu berieseln. Denn auch das ist vielen klar geworden - wir müssen unsere Zukunft selbst am Schopfe packen und sie nicht den Politikern allein überlassen.

Wir stellen zudem verwundert fest, dass auch die Angst, dass unser Gesundheitssystem aufgrund horrender Kostensteigerungen kollabiert, unbegründet war. Denn die Corona-Krise entpuppte sich für viele als heilsamer Schock, sich für die eigene Gesundheit wieder mehr verantwortlich zu fühlen. Frei in Anlehnung an John F. Kennedys legendären Satz: Frage nicht, was Dein Arzt für Deine Gesundheit tun kann, sondern frage Dich, was Du für Deine Gesundheit tun kannst, um das kollektive Gesundheitssystem zu entlasten.

Wir wundern uns inzwischen darüber, dass wir es zugelassen haben, uns zuzumüllen. Bei den einen war es das mit Antibiotika verseuchte Fleisch und die dauerhafte Überdosis Zucker, welche die Darmflora - unser größtes Immunsystem - nachweislich schwächten. Bei den anderen waren es die negativen Gedanken-Dauerloops und verdrängten emotionalen Blockaden, die uns krank gemacht haben. Und so ist es heute für viele selbstverständlich, den Begriff "Investition" und "Altersvorsorge" ganz neu zu definieren.

Anstelle wie früher nur in "andere" (Aktien, Staatsanleihen, Unternehmen) zu investieren, ist es zur neuen Norm geworden, auch in "uns selbst" zu investieren. Viel Bewegung, ausreichend Schlaf, artgerechte Ernährung, aber auch Coaching und lebenslanges Lernen sind zur neuen Selbstverständlichkeit geworden. Und für viele überraschend: Krankheiten wie Diabetes, Demenz, Alzheimer oder Depressionen befinden sich als Folge auf dem Rückzug und entlasten die Gesundheitsetats in signifikanter Weise.

#ReinventingSociety

Für meinen diesjährigen Neujahrs-Post auf LinkedIn erfand ich den Hashtag #ReinventingSociety (in Anlehnung an die New-Work-Bibel "Reinventing Organisations", deren Titel inzwischen zum geflügelten Wort mutiert ist). Ohne zu wissen, dass bereits wenige Wochen später die Dringlichkeit hierfür signifikant steigen wird. Die gute Nachricht: nicht nur die Dringlichkeit, sondern auch die Chancen für eine kollektive Metamorphose sind signifikant gestiegen. Denn, ich wiederhole mich, die größten Entwicklungssprünge gibt es immer dann, wenn - freiwillig oder unfreiwillig - die Komfortzone verlassen wurde. Und das ist aktuell eindeutig der Fall.

Keine Frage. #ReinventingSociety ist eine Mammut-Aufgabe und ganz sicherlich kein Selbstläufer. Jede und jeder Einzelne von uns ist hier auf allen Ebenen gefordert - und zunächst bei sich selbst. Doch bevor sich unsere Ängste wieder lautstark zu Wort melden und Zweifel oder ungläubiges Kopfschütteln ob der Naivität initiieren, erlauben Sie mir, Ihnen folgende Frage mit auf den Weg zu geben: Wie viele Schmetterlinge gäbe es, wenn Raupen dieselben Ängste hätten wie wir Menschen im Jahre 2020?

Karin Maria Schertler ist Mitglied der Geschäftsführung von Serviceplan und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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