Volkswirte skeptisch zu Einigung "Schampus sollte vorerst im Kühlschrank bleiben"

Von mm-newsdesk
Zu früh zum Zuprosten: "Es gibt nach wie vor mehr Fragen als Antworten", sagt ein Chefvolkswirt

Zu früh zum Zuprosten: "Es gibt nach wie vor mehr Fragen als Antworten", sagt ein Chefvolkswirt

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / dpa

Die 19 Euro-Länder haben am Montagmorgen eine Einigung im griechischen Schuldenstreit erzielt. Die Staats- und Regierungschefs erreichten nach rund 17-stündigen Verhandlungen nach Angaben von EU-Ratspräsident Donald Tusk Einvernehmen darüber, ein Programm des Euro-Rettungsfonds ESM für Griechenland auf den Weg zu bringen. Ökonomen sagten dazu in ersten Reaktionen:

"Schäuble hat viel Porzellan zerschlagen", sagt Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt Nordea:

"Trotz der Einigung bleibt die Lage sehr schwierig. Der Euroraum ist tief gespalten. Das war kein Meisterstück der Diplomatie. Bundesfinanzminister Schäuble hat viel Porzellan zerschlagen. Man kann nur hoffen, dass es wirklich zu Verhandlungen über neue Hilfen kommen wird. Das war bestimmt nicht der letzte Gipfel zu Griechenland. Es gibt noch eine Menge Stolpersteine - auch in Griechenland. Tsipras muss wahrscheinlich eine neue Regierung bilden. Mir ist nicht klar, wie er in zweieinhalb Tagen die geforderten Gesetze formulieren kann. Es gibt nach wie vor mehr Fragen als Antworten. Die griechische Wirtschaft steht vor einem schwierigen Weg."

"Die Champagnerflaschen sollten vorerst im Kühlschrank bleiben", rät Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank:

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"Die Champagnerflaschen sollten vorerst im Kühlschrank bleiben, denn noch muss das neue Hilfspaket durch einige nationale Parlamente. Während Angela Merkel das Paket durch den Deutschen Bundestag bringen dürfte, stehen in der Slowakei, in Estland und Finnland schwierige Abstimmungen an.

Doch die größte Hürde steht unmittelbar bevor: Als erster Schritt muss Alexis Tsipras Nägel mit Köpfen machen und wesentliche Punkte des Paketes bis Mittwoch durch das griechische Parlament bringen. Nachfolgend muss Athen das Gesamtpaket verabschieden. Der Nervenkrimi geht in den nächsten Tagen also weiter."

"Das Vertrauen dürfte langsam zurückkehren", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank:

"Die Kuh ist nicht vom Eis, aber das Eis ist dicker geworden. Es wird nicht leicht sein, diese Einigung umzusetzen - insbesondere für die griechische Seite. Denn Griechenland hat sich zu weitreichenden Reformen und Einschnitten im Staatshaushalt verpflichtet. Das ist nahezu das Gegenteil dessen, was Tsipras seinen Wählern im Januar und beim Referendum versprochen hatte.

Was mir gefällt an dem Abkommen ist, das Strukturreformen stärker betont werden. Allerdings dürften die weiteren fiskalischen Belastungen die Wirtschaft belasten, da sie die Nachfrage dämpfen. Dennoch: Wenn die Griechen selbst glauben, dass ihre Regierung die Reformen umsetzen kann, dürfte ihr Vertrauen in die Zukunft langsam zurückkehren. Dann kann Geld, das ins Ausland transferiert oder unter den Matratzen versteckt wurde, zurückfließen und die Wirtschaft in Gang bringen. Das dürfte die negativen Effekte, die die weiteren Haushaltseinschnitte mit sich bringen, überwiegen."

"Es wird unglaublich schwer sein, die Maßnahmen durchzusetzen", warnt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB:

"Dieser Gipfel hat den 'Grexit' jetzt verhindert. Aber es wird unglaublich schwer sein, die genannten Sofortmaßnahmen als auch die folgenden Reformen in Griechenland durchzusetzen. Die Folgerung daraus lautet: 'Grexit' nicht heute, aber später. Das bleibt eine heikle Angelegenheit. Das Konstrukt der Eurogruppe hat Risse bekommen. Egal was mit Griechenland passiert: Der Zusammenhalt in der Währungsunion muss langfristig gesichert werden."

"Eventuell kommt es zu Neuwahlen", prophezeit Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt:

"Die akute Gefahr eines 'Grexit' ist erst einmal vom Tisch, aber es bleibt ein latentes Risiko. Die Situation wird weiter angespannt sein in den nächsten Tagen und Wochen. Die große Frage ist, ob die Reformen verabschiedet und umgesetzt werden von Griechenland.

Für Tsipras wird es nicht ganz einfach werden, die vorgeschlagenen Maßnahmen durch das Parlament zu bringen. Da ist noch nicht alles in trockenen Tüchern. In Griechenland kann es erheblichen Widerstand geben - etwa beim Thema Privatisierungen. Eventuell kommt es zu Neuwahlen oder einer Regierungsumbildung. Für die Geldgeber wird es wichtig, dass die Gegenleistungen auch erbracht werden."

ts/Reuters
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