Samstag, 24. August 2019

Vergleich im Millionen-Streit Ines Kolmsee: Eine Top-Managerin, die tief fiel und nun den Boden gefunden hat

Vergleich mit der Ex-Firma: Die frühere SKW-Chefin Ines Kolmsee kommt glimpflich davon
Florian Jaenicke
Vergleich mit der Ex-Firma: Die frühere SKW-Chefin Ines Kolmsee kommt glimpflich davon

Sie war eine der prominentesten Managerinnen Deutschlands. Dann entzweite sich Ines Kolmsee mit ihrem Arbeitgeber und sah sich einem gefährlichen Prozess gegenüber. Nun hat sich Kolmsee gütlich geeinigt.

Eindrucksvolle 55 Millionen Euro Schadensersatz hatte der SKW-Aufsichtsratim Juni 2015 vom ehemaligen Vorstand der Stahl-Metallurgie Holding AG gefordert. Mit der Klage wollte sich die Spezialchemiefirma einen Großteil der Abschreibungen zurückholen, die durch Investitionen der einstigen SKW-Chefin Ines Kolmsee, 46, und ihres Finanzchefs Gerhard Ertl entstanden sein sollen. Doch daraus wird nun wohl nichts.

Die Aufseher des Zulieferers für Eisen-Veredler haben sich mit der ehemaligen Führungsriege auf einen Vergleich geeinigt, wie SKW am Dienstagabend mitteilte. Offensichtlich erkannten sie im Laufe des Prozesses vor dem Landgericht Traunstein, dass der von ihnen behauptete Schaden offenbar nicht nachzuweisen war. Offiziell teilte das Unternehmen mit, durch den Vergleich würden "langjährige und kostenintensive Rechtsstreitigkeiten abgewendet".

Stimmen die Aktionäre des Unternehmens aus dem oberbayerischen Unterneukirchen der Einigung zu, wird die D&O-Haftpflichtversicherung von Kolmsee und Ertl 3,35 Millionen Euro an SKW zahlen. Zudem verzichten die beiden Ex-Manager auf ausstehende Zahlungen. Kolmsee erklärt, nicht gegen eine Kürzung ihrer großzügigen Pensionszusagen klagen zu wollen. Nach SKW-Angaben entlastet allein dies das Unternehmen um 1,75 Millionen Euro.

Damit wäre die Angelegenheit dann endgültig vom Tisch - ohne jegliche Anerkenntnis einer Schuld Kolmsees, die zuletzt bis Ende 2016 Technikvorstand des Oldenburgers Energieversorgers EWE war. Bei SKW dürften die Zahlungen zumindest die Anwaltskosten decken. Denn die langwierige Auseinandersetzung mit der noch 2013 als Managerin des Jahres ausgezeichneten Kolmsee glich einem Intrigenspiel, das sich als Stoff für eine Netflix-Serie geeignet hätte.

Das Dramolett begann im August 2014: Nach vier Monaten im Amt kündigte SKW-Chef Kay Michel Abschreibungen in Höhe von 84 Millionen Euro unter anderem auf zwei Werke in Schweden und Bhutan an. Eine gigantische Summe für den Mittelständler mit rund 300 Millionen Euro Umsatz. Die ehemalige SDax-Aktie stürzte um fast 60 Prozent ab. Die Schuld an der Wertberichtigung gab der branchenfremde Restrukturierer seiner Vorgängerin Kolmsee. Sie habe in Schweden zu teuer eingekauft und den Neubau in Bhutan schlecht gemanagt. Beide Werke seien faktisch wertlos.

Knapp ein Jahr später klagte SKW dann auf Schadensersatz. Doch offensichtlich genügten die vorgelegten Dokumente nicht für den Nachweis eines Schadens in der angegebenen Höhe. Zwar hatte sich der von Kolmsee initiierte Bau einer Produktionsstätte für Kalziumsilizium in Bhutan tatsächlich um mehrere Jahre verzögert und damit Verluste erzeugt. Doch ab 2013 produzierte die Anlage zuverlässig den Rohstoff, den SKW in Drähten und Pulver verarbeitet und weltweit an Stahlwerke zur Veredelung deren Produkte liefert. Der Ofen, der in dem Himalaya-Land kostengünstig mit Strom aus Wasserkraft betrieben werden konnte, verdiente Geld. Eine Tonne des Rohstoffs kostete damals 2500 Dollar am Weltmarkt. Als unprofitabel stellte sich das Investment erst durch den Verfall der Weltmarktpreise für Kalziumsilizium in den folgenden Jahren heraus.

Auch der Kauf eines Werkes für Kalziumkarbid in Schweden im Jahr 2011 stellte sich augenscheinlich nicht als so nachteilig dar wie von Michel behauptet. Anfänglich entstanden aus der Sanierung der Fabrik hohe Verluste, die aber im Laufe der Jahre sanken. Dennoch schrieb Michel das Werk auf Null ab - als sei es unrettbar verloren. Drei Monate später verkaufte er es an die Alzchem, die es seit 2016 profitabel betreibt.

Auch außerhalb des Rechtsstreits zeichnet sich bislang kein durchschlagender Erfolg für Michel ab. Für 2015 musste der Alleinvorstand einen Umsatzrückgang auf 285 Millionen Euro ausweisen. Auch 2016 hat die weltweite Stahlkrise das Geschäft von SKW beeinträchtig. Erst für 2017 erwartet Michel eine Rückkehr in die Umsatzregionen, die seine Vorgängerin einst erzielt hatte. Mit der hat man nun immerhin, wie es von SKW heißt, die "Erledigung aller anhängigen Rechtsstreitigkeiten" erreicht.

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