Montag, 30. März 2020

Abrupter Führungswechsel bei Siemens Energy Siemens-Chefkontrolleur Snabe - Joe Kaesers Spielball

Gewinner im Machtkampf mit Sen und dem Aufsichtsrat: König Joe I.
REUTERS/Andreas Gebert
Gewinner im Machtkampf mit Sen und dem Aufsichtsrat: König Joe I.

Die Nachfolgeplanung für Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser ist dem Aufsichtsrat missglückt. Das ist spätestens seit der außerordentlichen Sitzung der Kontrolleure am Donnerstagabend klar.

Zwar haben es die Räte jetzt - viel zu spät - durchgesetzt, dass es tatsächlich zu einer Nachfolge an der Spitze der Siemens AG kommt. Kaeser erklärte sich bereit, auf eine Verlängerung seines mit der Hauptversammlung am 3. Februar 2021 auslaufenden Vorstandsvertrags zu verzichten. Zugleich wurde sein bisheriger Stellvertreter Roland Busch offiziell zum CEO bestellt, allerdings erst "spätestens mit Wirkung zum Ende" jener Hauptversammlung.

Doch andererseits ist es immer noch Sache des Aufsichtsrats, einen Vorstandsvertrag zu verlängern oder auch nicht. Warum lassen sich die Kontrolleure von ihrem Vorstandsvorsitzenden bloß in einem solchen Ausmaß vorführen und unter Druck setzen?

Kaesers Ansehen bei Investoren hat gelitten

Ja, es mag gute Gründe für die Räte geben, die Ära Kaeser im Einvernehmen mit dem machtbewussten Siemens-Chef zu beenden. Als wichtigster Grund wird stets die laufende Zweiteilung des Konzerns genannt. Die Abspaltung der Energiesparte im September 2020 soll nicht gefährdet sein. Die künftige Siemens Energy mit ihrem Schwerpunkt im kriselnden fossilen Kraftwerksgeschäft wird es ohnehin schwer haben, die Anleger an der Börse zu überzeugen. Da habe man, sagt ein Aufseher, Investorenversteher Joe Kaeser lieber an Bord.

Die Aufsichtsräte übersehen dabei jedoch etwas ganz Wesentliches. Kaesers Ansehen bei den Investoren hat zuletzt massiv gelitten. Das zeigt nicht zuletzt der Siemens-Aktienkurs, der sich schon vor der Corona-Krise im Vergleich zu vielen Wettbewerbern und zum Dax unterdurchschnittlich entwickelte.

Börsengang von Siemens Energy gefährdet

Abermals - wie schon bei Beginn der CEO-Nachfolgeplanung vergangenen September - zahlen sie einen zu hohen Preis dafür, dem Krach mit Kaeser aus dem Weg zu gehen. Dafür nahmen sie offensichtlich auch den Abgang von Energy-Vorstandschef Michael Sen und Finanzvorstand Klaus Patzak nach nur einem halben Jahr in Kauf - obwohl das den geplanten Börsengang der Sparte gefährdet. Gerade hatten sich die beiden etwas eingearbeitet. Nun übergeben sie an Nachfolger, die keine Erfahrung mit Gaskraftwerken, Hochspannungsleitungen und Windräder haben.

Linde-Anlagenbau-Chef Christian Bruch beschäftigte sich bisher mit Luftzerlegern und Kunden etwa aus der Chemieindustrie. Die neue CFO Maria Ferraro kommt aus der Siemens-Sparte Digital Industries, also Industrieautomatisierung und Industriesoftware, und hatte mit dem Energiegeschäft kaum je in ihrer Siemens-Karriere Berührung.

Wenn eine solche Führungsspitze quasi aus dem Stand Kunden und Investoren der Siemens Energy überzeugen könnte, wäre das eine echte Überraschung. Von den Mitarbeitern ganz zu schweigen.

Kaesers Zerwürfnis mit Sen und Patzak

Spielball Kaesers: Chefaufseher Jim Hagemann Snabe

Der Ursprung für das ganze Theater liegt in einer einzigen Person: Joe Kaeser. Wegen ihm ließ sich der Aufsichtsrat vergangenen September auf die halbgare Regelung ein, dass Busch zwar Kaesers Stellvertreter wurde. Ob es jemals zu einer Nachfolge durch Busch komme, ließen die Räte aber offen. Kaeser war es jetzt, der sich mit Sen und Patzak komplett zerstritt. Die beiden wollten, - nachvollziehbarerweise -, eine überlebensfähige Siemens Energy bauen. Kaeser jedoch drang darauf, dass die neue Firma möglichst viele Altlasten aus seinem dauernden Konzernumbau schultern soll. Die Siemens AG, sein Erbe, sollte dagegen glänzend dastehen und damit sein Ruf.

Mit dem Abgang von Sen und Patzak und der Ernennung von Kaeser zum Aufsichtsratschef von Siemens Energy ist der Gewinner in diesem Machtkampf wieder einmal: König Joe I. Und der Aufsichtsrat muss sich Kontrollverlust bescheinigen lassen.

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