Mittwoch, 13. November 2019

Konzern legt Jahresbilanz vor Wie Siemens wieder in Schwung kommen will

Siemens: Wer folgt auf Joe Kaeser?

Der Industriekonzern Siemens legt am Donnerstag (7.11.) Zahlen für das vierte Quartal sowie für das am 30. September beendete Geschäftsjahr 2018/19 vor. Zuletzt blies den Münchnern der konjunkturelle Gegenwind ins Gesicht - und auch die Frage, wann Siemens-Chef Joe Kaeser sein Amt an einen Nachfolger übergibt, sorgt im Konzern weiterhin für Diskussionen.

Die Lage bei Siemens: Der Konzern hatte ein schwaches drittes Quartal. Vor allem die Eintrübung in Schlüsselmärkten wie der Autoindustrie und im Maschinenbau machten Siemens zu schaffen. Trotz voller Auftragsbücher und steigendem Umsatz gingen die Ergebnisse zurück. Die für die Finanzmärkte wichtige operative Marge nahm deutlich ab. Das Management wurde daher bei seiner Jahresprognose vorsichtiger. Geopolitik und deren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft schadeten einer ansonsten positiven Investitionsneigung, kommentierte Konzernchef Joe Kaeser.

Siemens: Die verlorenen Jahre unter Joe Kaeser

Ausgerechnet in der erfolgsverwöhnten Digitalisierungssparte wirkte sich die Schwäche in der Autoindustrie sowie im Maschinenbau unter anderem negativ auf das Automatisierungsgeschäft aus. Rund 20 Prozent der Umsätze im Digitalisierungsgeschäft macht Siemens mit der Autoindustrie, etwa 15 Prozent mit dem Maschinenbau. Für die beiden Branchen erwartete das Management zuletzt für "die kommenden drei bis vier Quartale" eine anhaltende Abschwächung.

Siemens kündigte an, gegenzusteuern: Investitionspläne sollten überprüft werden, wobei Zukunftsthemen wie Cloud-basierte Lösungen jedoch ausgeklammert wurden. Auch setzt Siemens Börsen-Chart zeigen auf strikte Kostenkontrolle. So sollte die Profitabilität der Sparte im Schlussquartal stabilisiert werden. Finanzvorstand Ralf Thomas erwartete dabei eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum Vorquartal.

Abschied vom Energiegeschäft, Konzentration auf Digitalisierung

Siemens befindet sich derzeit in der größten Transformation seit Jahren. Die Münchner wollen sich mittelfristig von ihren Energiegeschäften trennen und sich auf die Digitalisierung konzentrieren. Die zum 1. April formierte Energiesparte Gas and Power will der Konzern ausgliedern und bis September 2020 an die Börse bringen. Dabei will Siemens die Mehrheit an dem neuen, Siemens Energy getauften, Unternehmen abgeben, aber Ankeraktionär bleiben. In die neue Gesellschaft soll dann auch der Anteil von 59 Prozent an dem Windanlagenbauer Siemens Gamesa eingebracht werden.

Siemens will sich künftig auf seine Wachstumsfelder Digital Industries sowie Smart Infrastructure konzentrieren. In den Märkten Automatisierung, industrielle Digitalisierung und intelligente Infrastruktur will Siemens Börsen-Chart zeigen deutlich zulegen und seine Stellung ausbauen. Flankiert werden sie von der börsennotierten Mehrheitsbeteiligung Siemens Healthineers sowie der Bahntechnik. Die strategische Neuausrichtung ist Teil des Programms "2020+", mit dem der Konzern Wachstum und Profitabilität ankurbeln will.

Auch stelle Siemens die Weichen für die künftige Führung des Konzerns. Zum 1. Oktober ist Vorstandsmitglied Roland Busch zum stellvertretenden Konzernchef aufgestiegen, und damit Vize von Siemens-Lenker Kaeser, dessen Abschied sich bereits abzeichnet. Der Aufsichtsrat will im nächsten Sommer über Kaesers Nachfolge entscheiden. Busch soll zum 1. Dezember auch Personalchef des Konzerns werden und zudem für die Umsetzung der neuen Konzernstrategie verantwortlich sein.

11 Prozent Marge für das Industriegeschäft erwartet

Siemens ging zuletzt davon aus, bei der bereinigten operativen Marge (Ebita) für das Industriegeschäft das untere Ende der erwarteten Spanne von 11 bis 12 Prozent zu erreichen. Die Umsätze sollen vergleichbar moderat wachsen. Allerdings sei dieses Ziel "herausfordernder" geworden, hatte Finanzchef Ralf Thomas zum dritten Quartal erklärt. Die Prognose für das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis je Aktie wurde bekräftigt. Kosten für Personalabbau sind dabei herausgerechnet.

Analysten erwarten deutliche Verbesserung im vierten Quartal

Experten gehen von einem deutlich verbesserten vierten Quartal aus. Vor allem für das Geschäft der Digitalsparte erwartet JPMorgan-Analyst Andreas Willi ein besseres Quartal, operativ jedoch auch weiteren Druck der Endmärkte. Dazu kommen laut Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank die saisonal typisch starken Schlussquartale der Windkrafttochter Siemens Gamesa und dem Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers.

In einem vom Unternehmen bereitgestellten Konsens erwarten Analysten im Schnitt einen Anstieg des bereinigten operativen Ergebnisses (Ebita) der Industriegeschäfte von 2,2 auf 2,3 Milliarden Euro. Der Nettogewinn dürfte bei rund 1 Milliarde Euro liegen, nach 681 Millionen im Vorjahr. Im vergangenen Jahr hatten unter anderem hohe Restrukturierungskosten das Kraftwerksgeschäft belastet.

Dagegen dürften die Auftragseingänge leicht zurückgehen. Dank des weiterhin hohen Auftragsbestandes sollte der Umsatz dagegen von 22,6 auf 23,2 Milliarden Euro gestiegen sein.

Aktie hinkt dem Dax hinterher

Das Augenmerk der Analysten geht jedoch bereits auf 2020, dem Jahr, wo sich die Struktur von Siemens durch die erwartete Abspaltung von Siemens Energy nochmals deutlich ändern wird. Die Marktexperten gehen dabei von weiteren Zuwächsen bei Umsatz und Gewinn aus. Zurückhaltend äußert sich dabei Ben Uglow von der US-Bank Morgan Stanley. Er erwartet weder einen nennenswerten Anstieg der Marge noch des Ergebnisses je Aktie. Auch das organische Ergebniswachstum sieht er als begrenzt an.

Siemens-Investoren brauchen Geduld. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate hat sich Aktie kaum vom Fleck bewegt. Und auch 2019 ist die Entwicklung vergleichsweise wenig berauschend. Siemens-Papiere kommen bislang auf ein Plus von etwa 7 Prozent und befinden sich damit im Mittelfeld im Dax , der auf ein Kursplus von über 20 Prozent kommt.

la/dpa-afx

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung