Wolfgang Hirn

Der China-Manager Wie China Siemens & Co. aufs Abstellgleis schiebt

Chinas Superzug CRH380B: Hersteller CNR, einst Partner von Siemens, hat die Siemens-Technologie "so weiterentwickelt, dass man sie nun als Eigenentwicklung bezeichnen kann". Inzwischen bieten CNR und CSR ihre Züge weltweit an

Chinas Superzug CRH380B: Hersteller CNR, einst Partner von Siemens, hat die Siemens-Technologie "so weiterentwickelt, dass man sie nun als Eigenentwicklung bezeichnen kann". Inzwischen bieten CNR und CSR ihre Züge weltweit an

Foto: © Kim Kyung Hoon / Reuters/ REUTERS

Punkt 8 Uhr verlässt der Zug mit der Nummer G12 fahrplanmäßig den supermodernen Hongqiao-Bahnhof in Shanghai. In etwas mehr als fünf Stunden rast der Zug ins 1400 Kilometer entfernte Beijing, wo er auf die Minute genau in dem ebenfalls schicken und gigantischen Südbahnhof ankommt.

Die schnellen weißen Züge mit dem blauen Seitenstreifen sind zuverlässig und bequem - und sie werden von den beiden chinesischen Herstellern CNR und CSR  gebaut, die innerhalb kurzer Zeit die ausländische Konkurrenz abgehängt haben, inzwischen den heimischen Markt dominieren und nun den Weltmarkt erobern.

Wolfgang Hirn
Foto: Christian O. Bruch

Wolfgang Hirn ist Reporter beim manager magazin. Er reist seit 1986 regelmäßig nach China. Er schreibt seitdem über die Entwicklung des Landes. Er ist Autor des Bestsellers "Herausforderung China" . Sein aktuelles Buch hat den Titel "Der nächste Kalte Krieg - China gegen den Westen"  (erschienen bei S. Fischer).

Chinas rasante Aufholjagd auf Schienen - ein Lehrstück, wie China innerhalb kurzer Zeit zu einem dominanten Global Player in Hochtechnologie-Industrien avancieren konnte. Und auch ein Menetekel, was in anderen Branchen passieren könnte, wenn sich Unternehmen allzu leichtfertig und überheblich auf und mit den Chinesen einlassen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren die ausländischen Hersteller Alstom , Siemens , Bombardier und Kawasaki in China fast unter sich. Die beiden führenden chinesischen Hersteller CNR und CSR waren damals technologisch auf dem Abstellgleis. Doch dann wandten die Chinesen die Taktik an, die sie schon erfolgreich in der Autoindustrie praktiziert hatten.

Siemens verhängnisvolle Partnerschaft mit CNR

Sie zwangen die ausländischen Hersteller in Gemeinschaftsunternehmen, die gefürchteten Joint-Ventures, wo der Know-How-Transfer zur Basis des Geschäftsmodells gehört. Nur Alstom hielt sich zurück. Siemens zum Beispiel ging eine Partnerschaft mit CNR ein, Kawasaki mit CSR. Der Münchner Konzern bildete über 1000 CNR-Techniker in seinen deutschen Werken aus, Kawasaki holte CSR-Mitarbeiter zur Fortbildung auf die Insel.

Zu Beginn der Partnerschaften lief alles noch in geordneten Bahnen. Bei der allerersten chinesischen Hochgeschwindigkeitsstrecke von Beijing nach Tianjin durfte Siemens  noch die Züge liefern. Doch beim nächsten großen Auftrag, der Prestigestrecke von Beijing nach Shanghai, war Siemens schon nicht mehr dabei, jedenfalls nicht mehr an vorderster Front, sondern lediglich als Subunternehmen. Ähnlich ging es Kawasaki und auch Bombardier.

Chinas CRH 380B: "Die ausländische Technologie weiterentwickelt"

Und auch beim weiteren Ausbau des chinesischen Hochgeschwindigkeitsnetzes landeten Siemens & Co. zunehmend auf dem Abstellgleis. Die Züge liefern längst die beiden gigantischen Staatsunternehmen CSR und CNR. Ihre Verkaufsrenner heißen CRH 380 A (basierend auf Kawasaki Technologie) und CRH 380B (Siemens und Bombardier). Die Chinesen sagen stolz, sie hätten die ausländische Technologie so weiterentwickelt, dass man sie nun getrost als Eigenentwicklung bezeichnen dürfe.

Inzwischen umfasst das chinesische Hochgeschwindigkeitsnetz 16.000 Kilometer. Es soll bis 2020 auf 25.000 Kilometer wachsen. Mit diesem Know How und dieser Erfahrung greifen die chinesischen Hersteller seit kurzem auch auf dem Weltmarkt an - sowohl als Aufkäufer (CNR und CSR wollen sich am kanadischen Hersteller Bombardier beteiligen) als auch Anbieter.

Ankara, New Delhi, Moskau: Überall sind die Chinesen als Anbieter dabei

Derzeit sind die Chinesen mit 28 Ländern im Gespräch. Überall, wo Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge geplant oder gebaut werden, sind die Chinesen dabei. Ob von Ankara nach Istanbul, von New Delhi nach Chennai, von Moskau nach Kasan, von Bangkok nach Chiang Rai oder von London nach Manchester - stets bieten CNR und CSR, die demnächst zwecks Erhöhung der Marktmacht auch noch fusionieren werden, mit und gewinnen immer häufiger gegen Siemens & Co.

Ja, selbst in Siemens' Heimatmarkt Deutschland denkt man inzwischen laut darüber nach, Teile oder gar ganze Züge in China zu bestellen. Heike Hanagarth, die Technikchefin der Deutschen Bahn, hat diese Möglichkeit angedeutet. Im Herbst will deshalb die Deutsche Bahn in Beijing ein Einkaufsbüro eröffnen. Hanagarth sagt: "Die Zeiten, in denen China und Qualität ein Gegensatz waren, sind vorbei."

Und es ist nicht nur die Bahnbranche, in der dieses vermeintliche Gegensatzpaar bald nicht mehr gelten wird. In ihrem ehrgeizigen Plan "Made in China 2025" hat Chinas Regierung zehn Sektoren ausgewählt, in denen sie gegenüber dem Westen aufholen will und ihn möglicherweise überholen will

Zu den zehn Branchen zählen - Deutschland aufgewacht! - der High-End-Maschinenbau und der Bau von Autos mit alternativen Antrieben.

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