Donnerstag, 22. August 2019

Jahresziele schwerer zu erreichen Siemens von Konjunkturflaute kalt erwischt

Siemens-Chef Joe Kaeser: Das Klima wird rauer
Hannibal Hanschke/Reuters
Siemens-Chef Joe Kaeser: Das Klima wird rauer

Siemens wird von der Konjunkturflaute kalt erwischt. Vor allem im Geschäft mit den Autobauern und dem Maschinenbau stottert der Motor, die Margen des Münchner Industriekonzerns werden dünner, wie Siemens Börsen-Chart zeigen am Donnerstag einräumte.

"Wir haben uns hundert Mal gefragt, ob es ein grundlegendes Problem gibt. Aber es gibt kein grundlegendes Problem oder Muster", zeigte sich Finanzvorstand Ralf Thomas ratlos. Siemens-Chef Joe Kaeser gab brodelnden Handelskonflikten und dem Brexit eine Mitschuld: "Geopolitik und deren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft schaden einer ansonsten positiven Investitionsneigung."

An den Prognosen für das im September endende Geschäftsjahr muss Siemens bereits Abstriche machen. Analysten werfen dem Vorstand vor, zu lange die Augen verschlossen zu haben, obwohl sich die Flaute abgezeichnet habe. Börsianer reagierten verschreckt: Die Siemens-Aktie Börsen-Chart zeigen gab zeitweise um 6 Prozent nach. Es war der größte Kursrutsch seit drei Jahren.

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Globale Abkühlung und weniger Investitionen

Die Wirtschaft in Europa wächst nur noch im Schneckentempo, global ist die Abkühlung in vollem Gange - auch weil Firmen die Investitionen aus Angst vor einem harten Brexit oder drohenden Zöllen in den USA drosseln. Siemens spürt das vor allem in der Digital-Sparte, die Fabriken automatisiert und Steuerungen für Roboter baut - und eigentlich das Aushängeschild des Konzerns ist. Bis mindestens ins Frühjahr 2020 hinein werde sich an der Flaute in jenen Branchen wenig ändern, die sensibel auf die Konjunktur reagieren, sagte Thomas.

Siemens-Experte Andreas Willi von JPMorgan Cazenove unkte, der Konzern werde auch die Erwartungen für das kommende Jahr neu justieren müssen. Im Geschäftsjahr 2018/19 soll nach bisherigen Angaben ein Nettogewinn von mindestens 5,4 Milliarden zu Buche stehen.

Von April bis Juni sank der Gewinn um sechs Prozent auf 1,14 Milliarden Euro. Der operative Gewinn aus dem Industriegeschäft (angepasstes Ebita), an dem Siemens seinen Erfolg misst, ging sogar um zwölf Prozent auf 1,94 Milliarden Euro zurück. Das überraschte selbst die Experten negativ. Als einzige der sechs großen Sparten, in die Kaeser das Geschäft sortiert hat, erfüllte die Verkehrstechnik die Renditevorgaben. Sie ist weniger von Konjunkturschwankungen abhängig. Darauf setzt Kaeser auch in den kommenden Wochen: "Ein robuster Mobilitätssektor und eine konsequente Abarbeitung von Projekten werden uns helfen, unsere Ziele zu erreichen."

Kaesers Favoriten schwächeln

Die zwölf Prozent Umsatzrendite, auf die Kaeser noch im Mai gehofft hatte, sind aber nicht mehr drin, sondern maximal 11,5 Prozent. Doch selbst dafür muss Siemens einen Endspurt hinlegen. Nach neun Monaten stehen 11,1 Prozent zu Buche, im dritten Quartal schaffte Siemens gerade noch 9,9 (11,7) Prozent. Auch hinter das Ziel, 2018/19 den Umsatz moderat zu steigern, setzte Kaeser nun ein Fragezeichen: Das sei "herausfordernder geworden". Im Quartal lag er mit 21,3 Milliarden Euro auf vergleichbarer Basis zwei Prozent über Vorjahr. JPMorgan-Analyst Willi schrieb von der "schlechtesten Performance der letzten Jahre, was die Umsetzung betrifft".

Finanzvorstand Thomas wollte nicht ausschließen, dass einige Mitarbeiter vom erneuten Konzernumbau abgelenkt worden seien. Er setzt nun auf die beschlossenen Einsparungen, die aber zunächst Kosten verursachen. Im laufenden vierten Quartal sollten sich die ersten positiven Effekte zeigen.

Ausgerechnet das Digitalgeschäft schwächelt

Ausgerechnet die beiden Sparten schwächeln, die Kaeser als künftigen Kern der Siemens AG sieht: Digital Industries hinkte im dritten Quartal mit einer operativen Marge von 14,3 Prozent weiter hinter der Rendite von 17 bis 23 Prozent her, die Kaeser ihr zutraut. Auch die Gebäude- und Netz-Sparte Smart Infrastructure lieferte mit 9,4 Prozent weniger ab als die zehn bis 15 Prozent, die sie erreichen soll. Als Stütze erwies sich die Zug-Sparte, die eigentlich mit Alstom fusionieren sollte, bevor die EU ihr Veto einlegte.

Sie sorgte zusammen mit der Windkraft-Tochter Siemens Gamesa für einen Auftragsschub: Im dritten Quartal wuchs der Ordereingang - getrieben von Milliardenaufträgen für Windturbinen aus Taiwan und für Hochgeschwindigkeits-Züge aus Russland - um sechs Prozent auf 24,5 Milliarden Euro. Ende Juni standen Orders im Rekordvolumen von 144 Milliarden Euro in den Büchern. Kaeser selbst versucht die nächsten Orders an Land zu ziehen: Er war am Donnerstag zu Gesprächen mit Kunden in Asien.

von Alexander Hübner, Reuters

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