Vertrag von Janina Kugel wird nicht verlängert Warum Siemens-Chef Kaeser und seine prominenteste Vorständin sich trennen

Demnächst getrennte Wege: Siemens-CEO Kaeser und Personalchefin Kugel.

Demnächst getrennte Wege: Siemens-CEO Kaeser und Personalchefin Kugel.

Foto: DPA
Fotostrecke

Jennifer Morgan rückt an SAP-Spitze: Diese Frauen spielen in Deutschlands Top-Manager-Liga

Foto: Merck

Während die Nachricht über Janina Kugels bevorstehenden Abschied von Siemens über die Ticker und Webseiten flimmerte, genoss die prominenteste Vorständin des Weltkonzerns den Sonntag in der Sonne Berlins: Auf Instagram postete sie ein Foto des kunterbunten Siemens-Trucks, der beim "Christopher Street Day" (CSD) durch den Tiergarten fuhr. Darauf stand in riesigen Graffiti-Lettern: "Every riot starts with your voice" (Jeder Aufstand beginnt mit Deiner Stimme). Das diesjährige CSD-Motto passt ein bisschen auch zu Janina Kugel.

Schon am Samstag war über die Online-Ausgabe des "Handelsblatts" durchgesickert: Kugels Ende Januar 2020 auslaufender Vertrag wird voraussichtlich nicht verlängert. Die Entscheidung steht für die Sitzung des Siemens-Aufsichtsrats am kommenden Mittwoch an.

Kugel, Vorstandschef Joe Kaeser sowie Chefkontrolleur Jim Hagemann Snabe seien in den vergangenen Wochen übereingekommen, dass die Personalchefin nach nur fünf Jahren im Vorstand den Münchner Industrieriesen verlässt, erfuhr manager-magazin.de aus Konzernkreisen. Ein Siemens-Sprecher sagte am Sonntag, derartige Spekulationen könne er nicht kommentieren.

Für die Öffentlichkeit kommt der Abgang der 49-Jährigen nach etwa 17 Siemens-Jahren überraschend. Kugel hatte sich in ihrer Vorstandszeit mit ihrer umfassenden medialen Präsenz zu Fragen von Diversität und Führung neben Kaeser als Gesicht des Industrieriesen etabliert und war 2018 von manager magazin zur Wirtschaftsfrau des Jahres gekürt worden. Mit ihrem speziellen Managementstil hat sie aus sich selbst eine Marke gemacht, beschrieben in diesem ausführlichen Porträt: Popstar im Siemens-Vorstand. 

Fotostrecke

Wem gehört der Dax: Diese Dax-Konzerne sind fest in ausländischer Hand

Foto: Daniel Karmann/ picture alliance / dpa

Wer dagegen in den vergangenen ein, zwei Jahren ihr Zusammenspiel mit dem mindestens ebenso medien- und machtbewussten CEO verfolgte, vernahm öfter Spannungen. Vor allem 2018, als Kugel mit den Arbeitnehmervertretern schmerzhafte Kürzungen in der kriselnden Kraftwerkssparte verhandeln musste und Kaeser ihr immer mal wieder in den Rücken fiel.

Letztlich, so heißt es am Wittelsbacher Platz, hat die gesamte Konstellation für alle Beteiligten nicht mehr so recht gepasst. Das Personalressort verliert mit jedem Schritt, mit dem Kaeser den Technologieriesen zur Holding wandelt, weiter an Bedeutung. Bei Siemens' notierten Töchtern Siemens Healthineers (Medizintechnik) und Siemens Gamesa (Windräder) hat die Konzernarbeitsdirektorin jetzt schon kaum noch etwas zu sagen.

Lesen Sie auch: So funktioniert die Marke Janina Kugel 

Bis September 2020 soll zudem Siemens' Energiesparte an die Börse; Kaeser will die Mehrheit am sogenannten "Siemens Powerhouse" an die eigenen Aktionäre verteilen. Dann schrumpft die einstige Industrieikone auf einen "industriellen Kern", der aus zwei Sparten zur Digitalisierung von Fabriken und von Gebäuden besteht, und der Zugsparte. Diese gilt nach der geplatzten Fusion mit Alstom mittelfristig ebenfalls als Börsenkandidat.

Der für die zweite Säule Smart Infrastructure (SI) zuständige Vorstand Cedrik Neike wird nach Informationen von manager-magazin.de einen neuen Vertrag erhalten. Neikes Kontrakt, der Ende Mai 2020 nach drei Jahren endet, wird wohl sogar schon am kommenden Mittwoch prolongiert. Dies ist früher als üblich: Bei einfachen Vorständen entscheidet der Siemens-Aufsichtsrat normalerweise erst sechs Monate vor Ablauf über eine Verlängerung.

Künftig nur noch sieben Siemens-Vorstände

Kugel ist die zweite Topmanagerin, die über viele Jahre mit Kaeser bei Siemens aufstieg und jetzt seiner Zergliederungsstrategie zum Opfer fällt. Ende Juni war schon Mariel von Schumann ausgeschieden, die jahrelang als Governance-Chefin und "Chief of Staff" für den CEO die Fäden in der Hand hielt.

Nach Kugels Abgang wird der Siemens-Vorstand wohl auf sieben Mitglieder schrumpfen. In Konzernkreisen wird damit gerechnet, dass das Personalressort einem der verbleibenden Vorstände zugeschlagen wird. Bei der davon wohl düpierten Arbeitnehmerseite war am Sonntag dazu keine Stellungnahme erhältlich. Einen neuen Vorstandsjob hat die umschwärmte Personalerin derzeit offenbar nicht in Aussicht.

Von bisher vier Vorständinnen in der Siemens-Geschichte ist Kugel die dritte, die nach den ersten fünf Jahren im Amt keine Verlängerung bekommt. Ihre Vorgängerin Brigitte Ederer ging nach verlorenem Machtkampf mit der IG Metall sogar vorzeitig. Allein der Vertrag der seit 2014 amtierenden Energievorständin Lisa Davis wurde vergangenen Herbst verlängert, allerdings nur um ein bis zwei Jahre. Dies geschah angeblich auf Davis' Wunsch.

Tatsächlich hatte Kaeser damals die Trennung vom Kraftwerksgeschäft perspektivisch schon angedeutet. Als CEO einer in Frankfurt notierten Aktiengesellschaft gilt die Amerikanerin jedoch als kaum geeignet, nicht nur mangels deutschen Sprachkenntnissen.

Wer das Kraftwerksgeschäft 2020 als CEO an die Börse führt, ist nach wie vor unklar. Die Diskussionen darüber könnten sich noch einige Wochen hinziehen. Als Favorit gilt der für Siemens Healthineers und Siemens Gamesa zuständige Vorstand Michael Sen. Sen kann neue Aufgaben gebrauchen: Denn Gamesa wird dem neuen Siemens Powerhouse zugeschlagen. Der Healthineers-Chefaufseherposten und Sens Zuständigkeit für die internen Dienstleister für IT und andere Standardprozesse dürften seinen Siemens-Vorstandsposten alleine kaum rechtfertigen.

Während das Siemens-Reich immer weiter zerfällt, profiliert sich der 62-jährige Kaeser mit Blick auf seine Anfang 2021 auslaufende Amtszeit immer stärker als politischer CEO. Kaum eine Woche vergeht, in der er nicht das Weltgeschehen über Twitter kommentiert.

Die Erläuterung der Vorstandspersonalia sowie voraussichtlich relativ schwacher Quartalszahlen gegenüber den Wirtschaftsmedien wird der Vorstandschef am kommenden Donnerstag (1. August) dagegen voraussichtlich seinem Finanzchef Ralf Thomas und Technikvorstand Roland Busch überlassen. Kaeser sei wegen eines wichtigen Kundentermins verhindert, heißt es in Siemens-Kreisen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.