Dienstag, 26. Mai 2020

Entscheidung über Minen-Projekt in Australien am Montag Siemens-Chef Kaeser bietet Klima-Aktivistin Neubauer Sitz in Aufsichtsgremium an

Luisa Neubauer: Die Mitorganisatorin der Fridays-for-Future-Bewegung sprach am Freitag mit Siemens-Chef Joe Kaeser - und muss nun entscheiden, ob sie die Sparte Siemens Energy künftig mit beaufsichtigen will
Michael Kappeler / DPA
Luisa Neubauer: Die Mitorganisatorin der Fridays-for-Future-Bewegung sprach am Freitag mit Siemens-Chef Joe Kaeser - und muss nun entscheiden, ob sie die Sparte Siemens Energy künftig mit beaufsichtigen will

Siemens steht wegen einer Lieferung für ein Kohlebergwerk in Australien in der Kritik. Konzernchef Joe Kaeser will bis Montag über den Auftrag entscheiden. Der Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer bietet Kaeser öffentlichkeitswirksam einen Sitz im Aufsichtsgremium von Siemens Energy an, das vor dem Börsengang steht.

Der Industriekonzern Siemens Börsen-Chart zeigen will bis Montag über die Teilnahme an einem umstrittenen Kohleminen-Großprojekt in Australien entscheiden. "Wir werden zügig entscheiden, wie wir mit dieser konfliktären Interessenlage umgehen", sagte Vorstandschef Joe Kaeser nach einem Treffen mit der Klima-Aktivistin Luisa Neubauer am Freitag in Berlin. Er wolle im Vorstand darüber beraten, ob Siemens den bestehenden 18-Millionen-Euro-Vertrag für die Lieferung von Zug-Signaltechnik für ein riesiges Kohlebergwerk erfüllen werde.

"Es ist klar, dass diese Entscheidung nicht einfach ist", sagte Kaeser. Der indische Energiekonzern Adani will in Australien Kohle fördern, die mit Zügen zum Hafen gebracht und in Kraftwerken in Indien verfeuert werden soll. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen, von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft, sagte Kaeser. Siemens müsse früher erkennen, wenn sich der Konzern an kritischen Projekten beteilige.

Das Projekt stößt - auch vor dem Hintergrund der Buschfeuer in Australien - auf erbitterten Widerstand von Organisationen wie "Fridays for Future" (FFF). Sie haben Siemens aufgefordert, aus dem Projekt auszusteigen. Kaeser hatte Neubauer, das Gesicht von FFF in Deutschland, deshalb zu einem Gespräch eingeladen.

Aufsichtsposten bei Siemens Energy Sparte für Neubauer angeboten

Kaeser sagte, er habe Neubauer außerdem einen Posten in einem Aufsichtsgremium der vor dem Börsengang stehenden Sparte Siemens Energy angeboten. Ob es der Aufsichtsrat oder ein anderes Gremium sei, könne Neubauer selbst entscheiden, sagte Kaeser in Berlin. "Ich möchte, dass die Jugend aktiv sich beteiligen kann. Der Konflikt zwischen Jung und Alt muss gelöst werden." Siemens will sein das Energiegeschäft im Frühjahr als Siemens Energy abgespalten und voraussichtlich im September an die Börse bringen.

Er unterstütze Fridays for Future. Neubauer wolle über das Angebot nachdenken und dann entscheiden, sagte Kaeser am Freitag vor Journalisten. Neubauer selbst wollte sich zunächst nicht äußern.

Hintergrund der Debatte ist ein Auftrag zur Lieferung einer Zugsignalanlage für eine geplante riesige Kohlemine in Australien, den Siemens Börsen-Chart zeigen erhalten hat. Klimaschützer fordern von Siemens, auf das Geschäft zu verzichten. Nach Protesten hatte Konzernchef Kaeser Mitte Dezember angekündigt, den Auftrag auf den Prüfstand zu stellen. Die Entscheidung könnte noch in dieser Woche fallen, wie aus dem Unternehmensumfeld zu hören ist. Kreisen zufolge hat das Geschäft ein Volumen von rund 20 Millionen Euro.

"Klimaneutralität und Projekte wie Adani-Mine passen nicht zueinander"

Neubauer sagte der "Augsburger Allgemeinen" (Freitag), dass Siemens Klimaneutralität anstrebe und zugleich das in Australien geplante Großprojekt mit Technik ausrüsten wolle, sei ein eklatanter Widerspruch, der durch nichts zu rechtfertigen sei: "Als Konzern, der verstanden hat - oder vorgibt, zu verstehen, was die menschengemachte Klimakrise bedeutet - ist es nicht zu rechtfertigen, an einem Projekt wie der Adani-Mine festzuhalten."

Auch die stellvertretende Grünen-Chefin Ricarda Lang hat das Geschäft als "absurd" kritisiert. Während die ganze Welt über die Brände in Australien spreche, werde dort "ein riesiger Klimakiller gebaut", sagte sie am Freitag im Fernsehsender n-tv. "Ich erwarte, dass Siemens die Lieferungen einstellt und die Unterstützung für das Projekt zurückzieht."

Von Siemens Börsen-Chart zeigen hieß es zu dem für Freitag geplanten Gespräch: "Wir nehmen das Thema sehr ernst und nehmen uns die notwendige Zeit, unterschiedliche Perspektiven zu hören und zu diskutieren."

Nick Heubeck von Fridays for Future bewertete das Gesprächsangebot des Konzerns und die Chancen, etwas zu bewirken, positiv. "Wir haben so einen massiven Druck in Deutschland und Australien, dass ich mir bei einem Volumen von 20 Millionen Euro gut vorstellen kann, dass Siemens die in unseren Augen vernünftige Entscheidung trifft."

Adani plant eines der größten Kohlebergwerke der Welt

Der indische Industriekonzern Adani will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt aufbauen, das aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern soll. Das Projekt wird von Umweltschützern seit Jahren bekämpft.

In Deutschland sind für Freitag laut Heubeck rund 30 Aktionen von Fridays for Future geplant, die allerdings nicht alle einen direkten Bezug zu Siemens haben. Vor Büros des Konzerns soll es ihm zufolge am Freitag unter anderem in München, Erlangen, Augsburg, Erfurt, Konstanz, Kassel, Mannheim und Dortmund Aktionen geben

"Siemens ,schür kein Feuer"

Für Freitag hat Fridays for Future unter der Überschrift "Siemens schür keine Feuer" zu Protesten vor Siemens-Büros in Deutschland aufgerufen. Unter anderem ist in München eine 24-stündige Mahnwache vor der Siemens-Zentrale geplant.

Während der Proteste am Freitag wird Klima-Aktivistin Neubauer mit Siemens-Chef Joe Kaeser sprechen. "Wir nehmen das Thema sehr ernst und nehmen uns die notwendige Zeit, unterschiedliche Perspektiven zu hören und zu diskutieren", sagte ein Siemens-Sprecher. Bereits im vergangenen Jahr hatte es Proteste gegen den Beitrag des Münchner Konzerns zu dem Milliardenprojekt gegeben. Erst im Dezember hatte sich ein Aktivist von Extinction Rebellion an ein Fenster der Konzernzentrale geklebt.

Siemens-Chef Joe Kaeser hatte Mitte Dezember das Thema zur Chefsache gemacht und angekündigt, das Projekt auf den Prüfstand zu stellen. "Ich werde mir die Sache sorgfältig ansehen und mich bald zurückmelden", schrieb Kaeser auf Twitter. Damals ließ er explizit offen, ob Siemens auf den Auftrag verzichten werde.

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