Dienstag, 19. November 2019

Nutzung wird entkoppelt von Verantwortung Verantwortungslos statt nachhaltig - die Nebenwirkungen der Sharing Economy

Sharing Economy: Die Verantwortung geht verloren
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Sharing Economy: Die Verantwortung geht verloren

Ob prekäre Beschäftigung oder achtlos abgestellte Leihfahrräder: Die Sharing Economy produziert eine Reihe von Problemen, für die niemand verantwortlich sein will. Dahinter steckt eine größere gesellschaftliche Verschiebung: Die On-Demandisierung von Dienstleistungen entkoppelt die Nutzung von der Verantwortung - und befeuert damit eine soziale Achtlosigkeit, die so gar nicht zur behaupteten ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit passen will, die derartige Dienste für sich in Anspruch nehmen. Ein Widerspruch, der den Anbietern noch um die Ohren fliegen könnte.

Baha Jamous
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    Baha Jamous ist Chief Marketing Officer des Schweizer Reiseanbieters Hapimag. Zuvor war er unter anderem für die Kommunikationsberatung HeringSchuppener und Rocket Internet tätig.

Nutzung statt Eigentum

"Eigentum verpflichtet." Mit nur zwei knappen Wörtern verknüpft Artikel 14 (2) des Grundgesetzes Besitz und Verantwortung miteinander und schafft damit die vielleicht wichtigste Grundlage der sozialen Marktwirtschaft: Das Eigentum des Einzelnen bedingt letztlich die Gemeinwohlorientierung der Vielen. Das Problem: Eigentum und Besitz werden im digitalen Zeitalter zunehmend durch Servicemodelle der Sharing Economy abgelöst. Wir besitzen keine Autos mehr, sondern kaufen punktuell und on demand Mobilität, egal ob per Auto, Leihfahrrad oder E-Scooter. Wir bezahlen also zunehmend für den Nutzen, nicht mehr für den Besitz einer Sache.

Das ist fraglos eine charmante und bequeme Idee, da sie etwa die Kapitalbindung des Einzelnen minimiert und die Flexibilität erhöht. Doch vergessen wir in der Diskussion über die Sharing Economy etwas Entscheidendes: Da wir die Dinge immer seltener besitzen, verändert sich auch unser Verhältnis zu und unser Umgang mit ihnen. Die On-Demandisierung entkoppelt schleichend die Verantwortung - egal, ob sozialer oder ökologischer Natur - von den Dingen. Und das hat mitunter fatale Konsequenzen.

Marktmacht statt sozialer Verantwortung

"Sharing is caring" lautet ein gern genutztes, gewissensberuhigendes Bonmot, welches das Teilen per se bereits zum Akt gelebter Verantwortung erhebt - ein Irrglaube. Denn die Sharing Economy, egal ob Uber oder Scooter-Verleiher, ist mitnichten per se nachhaltig. Im Gegenteil: Je nach Domäne bringt sie eine lange Liste negativer gesellschaftlicher Folgen mit sich, die von einer Forcierung prekärer Arbeitsmodelle über achtlose Ressourcenverschwendung bis hin zur Grundsatzfrage reichen, ob wir tatsächlich Tausende von E-Bikes oder E-Scooter auf unseren Straßen und Gehwegen brauchen.

Bei manchen Sharing-Modellen stellt sich die Frage, ob hier tatsächlich bestehende Bedürfnisse befriedigt oder bloß neue Abenteuerspielzeuge für den gelangweilten Großstädter über dem urbanen Raum abgeworfen werden. Im Geiste des Say'schen Theorems, nach dem sich jedes Angebot seine eigene Nachfrage schafft, sind viele der vermeintlichen Sharing-Erfolgsgeschichten nichts anderes als ein Ausdruck der Marktmacht etablierter Platzhirsche und monströser Marketingbudgets.

In Zeiten der permanenten Verfügbarkeit von allem Möglichen stellt sich daher die Frage, wie wir den Anspruch an verantwortliches, gemeinwohlorientiertes Denken und Handeln, der grundgesetzlich einst auf so geniale Weise an den Besitz geknüpft wurde, in eine Zeit übertragen, in der die Nutzung das Eigentum als Modus Operandi in der Breite der Gesellschaft ersetzt.

Nachhaltiges Handeln statt bunter Broschüren

Dies gilt umso mehr, da wir gegenwärtig einen verschärften, zunehmend aufgeheizten Diskurs über Verantwortung erleben. Angeführt von der #fridaysforfuture-Bewegung rücken drängende Fragen nach der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit unseres Handelns in den Mittelpunkt. Wir erleben einen Paradigmenwechsel, der Wachstum als pauschale Begründung allen Handelns und Unterlassens nicht länger akzeptiert, sondern auf Sicht gesellschaftliche Verantwortung zum Kern unternehmerischen Handelns erheben wird.

Wir müssen erkennen, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit nicht länger ein mit blumigen Broschüren ausstaffiertes CSR-Programm ist, sondern ein integraler Bestandteil jeglicher wirtschaftlichen Tätigkeit. Wenn etwa der Business Roundtable, der weltweit wichtigste Verband von Unternehmenslenkern, verkündet, fortan nicht mehr nur den Shareholder-, sondern den Stakeholder-Value zum Primat unternehmerischen Handelns zu erheben, ist dies mehr als nur ein Fingerzeig für einen neuen Zeitgeist.

Gemeinschaftliche Nutzung und Besitz zusammenbringen

Die nach der Skalierungslogik der großen Wagniskapitalgeber tickenden Sharing-Plattformen, die auf Wachstum um jeden Preis konditioniert sind, sind für diese veränderten Anforderungen an Nachhaltigkeit bis dato kaum empfänglich. Mehr noch: Sie sind durch die Trennung von Nutzung und Verantwortung sogar ein Treiber einer zunehmend achtlosen Gesellschaft und werden daher - häufig zu Recht - zur Zielscheibe von Kritik. Auf Sicht wird daher die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung, die Unternehmen wie Uber oder AirBnB tragen, zur Gretchenfrage der Sharing Economy werden.

In einer Zeit, die geprägt ist von zentralen Fragen nach gesellschaftlicher Verantwortung, insbesondere mit Blick auf die Klimakrise und die wachsende soziale Ungleichheit, wird die Entkoppelung von Nutzung und Verantwortung auf Dauer von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Damit werden die Geschäftsmodelle der großen Spieler der Sharing Economy, die genau auf diesem Prinzip aufbauen, nicht mehr funktionieren. Die Frage, was nach der Sharing Economy kommt, wird daher in den kommenden Monaten und Jahren lauter werden.

Die Antwort darauf kann nur darin bestehen, die ohne Zweifel vorhandenen Vorteile einer geteilten Nutzung mit dem Verantwortungsbewusstsein des Besitzes zusammenzubringen. Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie ihren Kunden in Zukunft mehr Achtsamkeit für die konsumierten Dienstleistungen und Güter vermitteln können. Ein Weg wäre, ihnen eine Mitverantwortung für das Unternehmen zu geben, sei es als Aktionär oder durch eine andere eigentümerähnliche Stellung. Dass es hierfür keinen Markt gibt, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht erleben wir gerade deshalb eine Renaissance der Genossenschaften in Europa.

Baha Jamous ist Chief Marketing Officer des Schweizer Reiseanbieters Hapimag und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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