So gelingt die digitale Zukunft - Teil 1 Vergiss den Computer, benutz den Kopf!

Tablet und Smartphone haben unseren Alltag erobert, die digitale Vernetzung der Unternehmen schreitet in hoher Geschwindigkeit voran. Was Deutschland tun muss, um in diesem Prozess nicht abgehängt zu werden, sondern eine entscheidende Rolle zu spielen, schildern Tobias Kollmann und Holger Schmidt in ihrem Buch "Deutschland 4.0 - Wie die digitale Transformation gelingt". manager-magazin.de veröffentlicht Auszüge daraus als dreiteilige Serie.
Von Tobias Kollmann und Holger Schmidt
Foto: Thomas Frey/ picture alliance / dpa

Die technologischen Möglichkeiten der Digitalisierung mit dem offenen und schnellen Zugang zum Internet sind die eine Seite der Medaille, die Kompetenz im Umgang mit diesen Möglichkeiten ist die andere. Im Mittelpunkt steht hier das Wissen um den Aufbau, die Gestaltung und die Nutzung des Internets als Medienplattform. Kinder, die heute zur Schule gehen, werden nach Ihrem Abschluss von einer Arbeits- und Lebenswelt umgeben sein, die in einem hohen Maß von Computern und digitalen Strukturen gezeichnet ist.

Die Schule bereitet mit den derzeitigen Lehrplänen aber nur ungenügend auf diese Realität vor; bisherige Informatik und medienpädagogische Elemente sind nicht ausreichend. Der Umgang mit Computern und digitalen Medien wird in der Zukunft jedoch so fundamental sein wie eine zweite Fremdsprache und sollte dementsprechend breit und verpflichtend in den Lehrplänen verankert werden.

Digitale Grundbildung

Die Informatikfachgesellschaft Association for Computing Machinery (ACM) hat in einer Untersuchung (...) festgestellt: "Europa droht aufgrund fehlender Fachkräfte in der Informatik den Anschluss an die technische Entwicklung zu verlieren." Zwar habe es Anfang der 70er und 80er Jahre einige Anstrengungen zur Einführung von Inhalten der Informatik und der allgemeinen informatischen Bildung ("digital literacy") in schulische Lehrpläne und universitäre Curricula gegeben. Mittlerweile hätten jedoch in etlichen Ländern diese Bestrebungen wieder nachgelassen und seien zum Teil sogar rückgängig gemacht wurden. Eine solche Entwicklung sei unverantwortlich. Andere Länder bildeten die Schüler in der Informatik bedeutend gründlicher aus. Der Bericht betont: "Keine angemessene Informatikausbildung anzubieten, bedeutet, dass Europa seiner neuen Generation von Bürgern in der Bildung wie auch wirtschaftlich schadet."

Menschen dürfen nicht über fehlende Medienkompetenz von der digitalen Entwicklung ausgeschlossen werden. Schon in der Grundschule sollten die Kinder mit einfacher Software umgehen können. Andere Länder wie Indien, Südkorea, Israel, USA, Neuseeland haben bereits umgesteuert und nationale Computer-Lehrpläne entwickelt. Estland lässt sogar Erstklässler programmieren. In Deutschland dagegen gibt es derzeit kein übergreifendes Angebot. Hamburg gab 2013 sogar die Rücknahme von Informatik als Pflichtfach bekannt. Hier müssen neue Wege gegangen werden, um die digitale Medienkompetenz in der Ausbildung zu stärken. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber, dass es bei dieser Frage nicht um eine rein technische, sondern eher anwendungsorientierte Informatik geht, bei der nicht nur die Programmierung, sondern auch die Nutzung der digitalen Medien unterrichtet wird. Daher halten viele Experten die Bezeichnung "Digitalkunde" für passender als "Computing" oder "Programmierung". (...)

Deutsche Schülerinnen und Schüler liegen im internationalen Vergleich von computer- und informationsbezogenen Kompetenzen [nur] im Mittelfeld. Das hat die internationale Vergleichsstudie "International Computer and Information Literacy Study" (ICILS) 2013 gezeigt, in der Kinder auf computer- und informationsbezogenen Kompetenzen hin getestet wurden. (...) Ergebnis als Zitat aus der ICILS-Studie: "Achtklässler in Deutschland erreichen einen Leistungsmittelwert von 523 Punkten. Deutschland befindet sich damit im mittleren Bereich der Rangreihe. Schülerinnen und Schüler in der Tschechischen Republik (553 Punkte), in Kanada (Ontario; 547 Punkte), Australien und Dänemark (jeweils 542 Punkte), in Polen und Norwegen (jeweils 537 Punkte), in der Republik Korea (536 Punkte) sowie in den Niederlanden (535 Punkte) erreichen ein signifikant höheres Leistungsniveau als Schülerinnen und Schüler in Deutschland."

Stefan von Borstel kommentierte dieses Ergebnis in der"Welt" passend so: "[Das] Internet überfordert viele deutsche Schüler maßlos. Die Hälfte der deutschen Achtklässler weiß nicht mal, wie man eine Internetadresse eingibt, haben Forscher herausgefunden. Etwa ein Drittel der Schüler der Jahrgangsstufe acht kommt in Deutschland über die untersten beiden Stufen nicht hinaus und verfügt damit nur über "rudimentäre" bzw. sehr grundlegende Fertigkeiten im Umgang mit den digitalen Technologien." Die beiden Leiter der Studie Willfried Bos und Birgit Eickelmann warnten entsprechend: "Diese Schülergruppe werde es voraussichtlich schwer haben, erfolgreich am privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Leben im 21. Jahrhundert teilzuhaben." Damit wird deutlich, wie sich Fehler in der heutigen Ausbildung rund um Digitalisierung noch sehr lange auswirken werden. Und: Computerspiele ersetzen eben keine Digitalbildung.

Digitalkunde als Schulfach

Diese Warnsignale werden im Bundesbildungsministerium aber vollkommen überhört und so ist es mehr als unverständlich, wenn Ministerin Johanna Wanka auf dem IT-Gipfel 2014 in Hamburg sagte: "Ich sehe es nicht ein, warum wir auf ein Schulfach Alt-Griechisch zugunsten eines Schulfachs Digitalkunde verzichten sollten." und damit für einen Moment der ungläubigen Ruhe im Saal sorgte. Aber was will man schon von einer "Digital Immigrant" im Hinblick auf ein richtungsweisendes Signal für die Ausbildung von der demnächst gesellschaftlichen und wirtschaftlichen höchst relevanten Generation der "Digital Natives" erwarten? Richtig: Nichts!

Digitalkunde als Schulfach

Andere Länder sind da weiter: Frankreich bietet Coding und Programming schon in der Frühphase der weiterführenden Schulen an. Belgien ist ebenso schon in den Grundschulen aktiv wie Finnland. (...) Japan setzt das Fach "Information Technology" ebenfalls in der Grundschule und in der Frühphase der weiterführenden Schulen ein. Die USA haben ein nationales IT-Curriculum entwickelt und Estland bietet sogar schon Erstklässlern das Fach "Programmierung" an. Wann und das ist die zentrale Frage, wird auch Deutschland endlich ein Fach "Digitalkunde" in den Schulen einführen und zudem "Programmierung" als zweite Fremdsprache anbieten? Es ist zu befürchten, dass es noch lange dauern wird, denn Deutschland ist nur in einer "Digitalstatistik" vorne, nämlich bei den Bedenken von Lehrpersonen hinsichtlich des IT-Einsatzes im Unterricht (Platz 1).

Im Ergebnis steht ein DIGITALPARADIGMA für Deutschland 4.0: Wir müssen unseren Nachwuchs besser auf die Herausforderungen der Digitalen Zukunft vorbereiten! Während dies in anderen Ländern ein elementarer Bestandteil der Schulausbildung ist, befinden wir uns sprichwörtlich noch in der "Kreidezeit"!

Stattdessen finden "Gefahrenstudien" wie die von Peter Vorderer im Jahr 2015 immer ein großes Echo. Die "Rheinische Post" schreibt hierzu unter der Schlagzeile "Das Smartphone wirkt auf Kinder wie eine Droge", dass jeder zweite Schüler einräumte, er könne der Anziehungskraft des Handys auch während den Hausaufgaben nicht widerstehen. Kein Wunder, wurde ihnen die Nutzung auch nie richtig beigebracht. Digitale Medienerziehung findet heute auf dem Schulhof und nicht in der Schulklasse statt! Wer im Übrigen meint, dass die Generation "Kopf runter" über die zu intensive Handy-Betrachtung den sozialen Kontakt verlieren würde, der sollte sich mal alte S/W-Fotografien aus den dreißiger und vierziger Jahren ansehen. Dort wird man viele Menschen am Straßenrand stehen sehen, die alle für sich alleine in eine Zeitung schauen. Es ist nie das Medium, das uns vor Probleme stellt, sondern die Art und Weise, wie wir es nutzen.