Schwache Corporate Governance Reitzles Eitelkeit stürzt Linde ins Chaos

Von Manuel René Theisen
Von Manuel René Theisen
Der Geltungsdrang des Aufsichtsratsvorsitzenden beschädigt den erfolgreichen Gasehersteller Linde. Wolfgang Reitzle demoliert sein eigenes Lebenswerk. Es wird Zeit, Konsequenzen zu ziehen - nicht nur auf Vorstandsebene.
Wolfgang Reitzle: Selbst als zurückhaltend bekannte Wegbegleiter beschreiben Reitzle als eitel

Wolfgang Reitzle: Selbst als zurückhaltend bekannte Wegbegleiter beschreiben Reitzle als eitel

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Manuel René Theisen
Foto: Martina Draper

Manuel René Theisen ist emeritierter Universitätsprofessor für Allgemeine Betriebs-wirtschaftslehre, Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Steuerrecht. Er gilt als einer der führenden Experten in Fragen der Corporate Governance und ist Autor mehrerer Standardwerke der Unternehmensführung und -kontrolle, außerdem geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift "Der Aufsichtsrat".

Die geplante Fusion des Münchner Gaseherstellers Linde  mit dem US-Konkurrenten Praxair ist gescheitert, bevor sie ernsthaft zu Ende diskutiert werden konnte. Nicht wenige Betriebswirte und Konzernexperten weltweit werden diese Nachricht mit Erleichterung aufgenommen haben. Denn Erfahrung und Statistik belegen gleichermaßen, dass mindestens zwei von drei Fusionen scheitern - in der Regel schnell und grandios. Und diese ohnehin schon sehr verlässliche Prognose gilt insbesondere für so genannte "Merger of Equals", zu Deutsch "Zusammenschlüsse auf Augenhöhe". Für diese gibt es fast schon eine Garantie, zu scheitern.

Die unselige "Hochzeit im Himmel" des früheren Daimler-Vorstandschefs Jürgen Schrempp ist vielen noch gut in Erinnerung. Mit etwas Fantasie hätten die damals gemachten Erfahrungen, die bereits seinerzeit mehr als vorhersehbar waren, geradezu als Schnittmuster für die angekündigte Neuauflage, einen Weltkonzern Linde-Praxair, Verwendung finden können.

Mit diesem knappen Abgesang könnte man die Schlagzeilen der vergangenen Tage eigentlich zu den Akten legen und der schnellen Verdrängung anheimstellen. Aber die Geschichte hinter dieser Fusionsstory verdient größte Aufmerksamkeit: Sie wird mit einiger Wahrscheinlichkeit in die Geschichtsbücher der deutschen Corporate Governance eingehen - und zwar im umfangreichen Kapitel "Pleiten, Pannen und persönliche Eitelkeiten".

Die Paraderolle in dieser Aufführung fällt einer der schillerndsten Figuren unter den Managern von Dax-Konzernen zu: Wolfgang Reitzle (67), ein Manager, mit dessen Namen große Verdienste um den Linde-Konzern verbunden sind - allerdings vor allem Verdienste längst vergangener Tage. Reitzle ist eine Persönlichkeit, von der selbst als zurückhaltend bekannte Wegbegleiter einräumen, dass er nicht uneitel sei.

Was innerhalb der Dax-Vorstandsetagen kein Alleinstellungsmerkmal ist: In den vergangenen Jahren herrschte nicht gerade ein Mangel an bunten Vögeln, deren öffentliche Auftritte durchaus als skurril bezeichnet werden können. Und es gehört offenbar auch zur Logik einiger Medien, dass beispielsweise die Eheschließung des Topmanagers mit einer ehemaligen Fernsehansagerin weit mehr Raum und Aufmerksamkeit bekommt als die ökonomische Konsequenz eines Oligopols auf dem internationalen Edelgasemarkt.

Aber hier geht es um die Corporate Governance eines der größten (und lange Zeit auch sehr erfolgreichen) Dax-Unternehmens mit mehr als 64.500 Mitarbeitern weltweit. Und die Verantwortung dafür liegt seit Längerem und nahezu ausschließlich in den Händen eines Mannes: Wolfgang Reitzle.

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte

Die Art und Weise, wie er diese Verantwortung in den vergangenen drei Jahren wahrgenommen hat, erscheint nicht erst rückblickend wie der programmierte Anlauf zum aktuellen Tiefststand der Unternehmensführungskultur. Der klassischen griechischen Tragödie nicht unähnlich, nimmt der Hauptakteur dabei die zentrale Rolle ein: Vor knapp drei Jahren aus dem Amt des Linde-Vorstandsvorsitzenden mehr gedrängt als ausgeschieden, ließ Reitzle von der ersten Stunde seiner durch die "Cooling-off"-Regel verordneten Ruhephase keinen Zweifel daran, dass er eigentlich immer noch der bessere Vorstandsvorsitzende, in jedem Fall aber der einzig fähige Aufsichtsratsvorsitzende für die Linde AG sei. Die Presse liebt solche Storys und schickt sie gerne in die Wiederholungsschleife, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

"Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte"

Nach der so erreichten frühen Glorifizierung der eigenen, allerdings vergangenen Taten, konnte der Ex-Manager im Unruhestand verfolgen, wie ein Diadochenkampf zwischen seinem um erste Profilierungserfolge kämpfenden Nachfolger als Vorstandschef, Wolfgang Büchele, und dessen Finanzvorstand, Georg Denoke, ausbrach.

Über Monate wurde der Eindruck vermittelt, dass diese sich zur Schlammschlacht entwickelnde Auseinandersetzung das Ohr des jüngst zum Oberaufseher gekrönten Reitzle nicht erreiche. Dabei war ersichtlich, dass eine uralte Volksweisheit einmal mehr unter Beweis gestellt wurde: "Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte".

Zudem kann vermutet werden, dass der zu Höherem Berufene, derzeit "nur" Aufsichtsratsvorsitzender mit weiteren industriellen Nebenjobs, weit mehr Spaß an den sich bietenden Governance-Chancen der geplanten Fusion gefunden hat. Wenn schon nicht als Ehe, muss dem in seinen Augen aktuell unter Wert gehandelten Reitzle der mögliche Zusammenschluss zumindest als "Geschenk des Himmels" erschienen sein: Als Board-Vorsitzender eines weltmarktbeherrschenden US-Gasekonzerns Linde/Praxair hätte er in die Walhalla der größten Unternehmensführer der Welt aufsteigen können: Da kann die Einladung ins Weiße Haus, wer immer dort demnächst seinen Altersitz bezieht, nur eine Frage der Zeit sein.

Tiefschwarze Stunde der Corporate Governance in Deutschland

Und nun sollen alle diese persönlichen Chancen und Herausforderungen eines mit dem Rentenalter hadernden Edelmanagers perdu sein? Nur weil man erhebliche ökonomische Bedenken geltend macht, die Fusionserfolge und Verschmelzungsgewinne nicht mehr so sicher zu erwarten sind, die deutsche Arbeitnehmermitbestimmung - völlig überraschend - den Amerikaner wie eine zum Dessert gereichte Packung Reißnägel erscheint und ein Firmensitz in der bayrischen Metropole des begnadeten Populisten Horst Seehofer nicht gerade auf Platz 1 der Agenda von US-Managern und US-Aktionären steht? Die persönliche Tragik des recycelten Visionärs ist mit den Händen zu greifen.

Es bleibt zu hoffen, dass der einstige Vorzeigekonzern, seine Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre nicht zu sehr und zu lange darunter zu leiden haben werden. Sie haben es nicht verdient. Die Zeiten der One-Man-Shows sind definitiv vorbei.

Zeiten der One-Man-Shows sind definitiv vorbei

Ungeachtet dieser Erkenntnis scheint der Oberaufseher zumindest kurzfristig tatsächlich der lachende Dritte sein: Wenige Stunden nach der Ankündigung, dass die Fusion geplatzt sei, posaunt Reitzle in "L'état c'est moi"-Attitüde in die Welt, dass nun der Finanzvorstand sofort und der Vorstandsvorsitzende mit Vertragsablauf in wenigen Monaten zu gehen hätten. "Willst Du nicht mein Freund sein, dann bist Du mein Feind" - auch wenn das Spielzeug irreparabel kaputt ist.

Was sich bei Linde abspielt, ist eine tiefschwarze Stunde der Corporate Governance in Deutschland - und hoffentlich nur der erste Akt von Rücktritten. Die geplatzte Gaswolke über dem Werksgelände der Linde AG duftet nicht nach Chanel No. 5.

Währenddessen sucht die Regierungskommission "Deutscher Corporate Governance Kodex" nach eigenem Bekunden seit einiger Zeit wieder nach dem "Ehrbaren Kaufmann" - sie sollte sich diesbezüglich für die geplante Mission zum Mars anmelden.

Manuel Theisen ist Universitätsprofessor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Steuerrecht und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.