Mittwoch, 18. September 2019

Schwache Corporate Governance Reitzles Eitelkeit stürzt Linde ins Chaos

Wolfgang Reitzle: Selbst als zurückhaltend bekannte Wegbegleiter beschreiben Reitzle als eitel

Der Geltungsdrang des Aufsichtsratsvorsitzenden beschädigt den erfolgreichen Gasehersteller Linde. Wolfgang Reitzle demoliert sein eigenes Lebenswerk. Es wird Zeit, Konsequenzen zu ziehen - nicht nur auf Vorstandsebene.

Manuel René Theisen
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    Martina Draper
    Manuel René Theisen ist emeritierter Universitätsprofessor für Allgemeine Betriebs-wirtschaftslehre, Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Steuerrecht. Er gilt als einer der führenden Experten in Fragen der Corporate Governance und ist Autor mehrerer Standardwerke der Unternehmensführung und -kontrolle, außerdem geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift "Der Aufsichtsrat".

Die geplante Fusion des Münchner Gaseherstellers Linde Börsen-Chart zeigen mit dem US-Konkurrenten Praxair ist gescheitert, bevor sie ernsthaft zu Ende diskutiert werden konnte. Nicht wenige Betriebswirte und Konzernexperten weltweit werden diese Nachricht mit Erleichterung aufgenommen haben. Denn Erfahrung und Statistik belegen gleichermaßen, dass mindestens zwei von drei Fusionen scheitern - in der Regel schnell und grandios. Und diese ohnehin schon sehr verlässliche Prognose gilt insbesondere für so genannte "Merger of Equals", zu Deutsch "Zusammenschlüsse auf Augenhöhe". Für diese gibt es fast schon eine Garantie, zu scheitern.

Die unselige "Hochzeit im Himmel" des früheren Daimler-Vorstandschefs Jürgen Schrempp ist vielen noch gut in Erinnerung. Mit etwas Fantasie hätten die damals gemachten Erfahrungen, die bereits seinerzeit mehr als vorhersehbar waren, geradezu als Schnittmuster für die angekündigte Neuauflage, einen Weltkonzern Linde-Praxair, Verwendung finden können.

Mit diesem knappen Abgesang könnte man die Schlagzeilen der vergangenen Tage eigentlich zu den Akten legen und der schnellen Verdrängung anheimstellen. Aber die Geschichte hinter dieser Fusionsstory verdient größte Aufmerksamkeit: Sie wird mit einiger Wahrscheinlichkeit in die Geschichtsbücher der deutschen Corporate Governance eingehen - und zwar im umfangreichen Kapitel "Pleiten, Pannen und persönliche Eitelkeiten".

Die Paraderolle in dieser Aufführung fällt einer der schillerndsten Figuren unter den Managern von Dax-Konzernen zu: Wolfgang Reitzle (67), ein Manager, mit dessen Namen große Verdienste um den Linde-Konzern verbunden sind - allerdings vor allem Verdienste längst vergangener Tage. Reitzle ist eine Persönlichkeit, von der selbst als zurückhaltend bekannte Wegbegleiter einräumen, dass er nicht uneitel sei.

Was innerhalb der Dax-Vorstandsetagen kein Alleinstellungsmerkmal ist: In den vergangenen Jahren herrschte nicht gerade ein Mangel an bunten Vögeln, deren öffentliche Auftritte durchaus als skurril bezeichnet werden können. Und es gehört offenbar auch zur Logik einiger Medien, dass beispielsweise die Eheschließung des Topmanagers mit einer ehemaligen Fernsehansagerin weit mehr Raum und Aufmerksamkeit bekommt als die ökonomische Konsequenz eines Oligopols auf dem internationalen Edelgasemarkt.

Aber hier geht es um die Corporate Governance eines der größten (und lange Zeit auch sehr erfolgreichen) Dax-Unternehmens mit mehr als 64.500 Mitarbeitern weltweit. Und die Verantwortung dafür liegt seit Längerem und nahezu ausschließlich in den Händen eines Mannes: Wolfgang Reitzle.

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