Montag, 24. Juni 2019

Börsengang von Schönheits-App Meitu Der chinesische Schönheitswahnsinn

Wolfgang Hirn

Schlechte Haut? Zu kleine Nase? Zu dicke Beine? Zu dünne Lippen? Kein Problem. Mit ein paar Clicks läßt sich das reparieren. Mann oder Frau braucht nur die App von Meitu herunterladen und schon kann man sein Gesicht und seinen Körper so retuschieren, wie man es gerne hätte. Es ist kein Wunder, dass diese App in China erfunden wurde - und zwar von Cai Wensheng und Wu Xinhong in der südchinesischen Hafenstadt Xiamen.

Die Chinesen sind Selfie-Weltmeister, werden deshalb täglich mehrmals mit ihrem Antlitz konfrontiert und sind meist unzufrieden mit dem, was sie da auf ihrem Handy sehen.

Rund 270 Millionen User hat Meitu inzwischen, die meisten in China, aber auch zunehmend im Ausland. Meitu expandiert aggressiv weltweit. Büros gibt es schon in London, Mexico City, New Delhi und Sao Paulo. Und Website sowie App gibt es auch längst in Englisch: www.global.meitu.com/en/.

Inzwischen ist Meitu längst ein Unicorn, ein Einhorn, also ein Startup mit mehr als einer Milliarde Dollar Bewertung. Diese Woche hat Meitu angekündigt, in Hongkong an die Börse zu gehen. Es wird dort wohl der größte IPO dieses Jahr werden. In bester Tradition der amerikanischen Internet-Giganten macht freilich auch Meitu, das auch Handys herstellt, keinen Gewinn.

Meitu dürfte größtes IPO in China 2016 werden

Bislang ist das Nutzen von Meitu kostenlos. Viel, viel teurer wird es dagegen für die Chinesinnen, wenn die einschneidenden Veränderungen am lebenden Objekt vorgenommen werden sollen. Immer mehr Chinesinnen unterziehen sich einer Schönheitsoperation, die oft mehrere tausend Dollars kostet. Über sieben Millionen von ihnen machten im vergangenen Jahr diesen Schritt zum Schnitt.

Am liebsten begeben sich die Chinesinnen dazu ins Nachbarland Korea. Die Koreanerinnen gelten in fast ganz Asien als das Schönheitsideal. Die Hauptstadt Seoul hat sich deshalb zum Mekka aller mit sich selbst Unzufriedenen entwickelt. Ein neuer Industriezweig ist entstanden, Hunderte von Schönheitskliniken gibt es dort. Auf Billboards preisen sie mit Vorher-Nachher-Fotos ihre Dienste an.

Warum tun sich so viele Chinesinnen das an, warum geben sie dafür so viel Geld aus? Wichtigster Grund: Der Wettbewerb auf dem chinesischen Arbeitsmarkt ist brutal. Und gerade bei Frauen zählt oft nicht die Qualifikation, sondern das Aussehen als letztlich entscheidendes Einstellungskriterium. Vor gar nicht zu langer Zeit waren in Stellenanzeigen Anforderungen wie "gut aussehend" oder "über 1,65 Meter groß" keine Seltenheit. Mittlerweile sind diese diskriminierenden Attribute aus den Anzeigen verschwunden.

"iPhone 6 knees challenge" und "A4 Waist trend"

Doch de facto hat sich nicht viel geändert. Schönheit siegt nach wie vor bei der Einstellung. Und deshalb geht in China der Schönheitswahnsinn weiter - und führt zu immer skurrileren Spielchen.

Die neuesten Gags: die "iPhone 6 knees challenge" und der "A4 Waist trend". Bei der iPhone Challenge müssen beide aneinander gepresste Knies auf den Bildschirm eines iPhone 6 passen. Wer das schafft, gilt als schlank und attraktiv. Beim A4 Waist trend spielt ein Stück Papier in DIN A4-Form die entscheidende Rolle. Es wird - in Querformat! - auf die Taille gehalten. Wenn links und rechts vom Papier nichts vom Körper zu sehen ist, hat die Frau eine Top-Figur.

Das Wort Papierform bekommt damit eine völlig neue Bedeutung.

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