Ex-Drogeriekönig: Prozessauftakt - wo sind die verschwundenen Millionen? Schlecker vor Gericht - alles, was Sie über den Prozess wissen müssen

Der erste Auftritt in der Öffentlichkeit seit 18 Jahren: Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker (3.v.r) und seine Frau Christa (2.v.r) zu Beginn des Prozesses gegen sie am 6. März mit ihren Anwälten.

Der erste Auftritt in der Öffentlichkeit seit 18 Jahren: Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker (3.v.r) und seine Frau Christa (2.v.r) zu Beginn des Prozesses gegen sie am 6. März mit ihren Anwälten.

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Schlecker, Hoeneß, Funke, Middelhoff: Die spektakulärsten Wirtschaftsprozesse

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Es ist wieder einmal soweit: Ein Strafprozess der spektakuläreren Sorte beginnt. Ab dem heutigen Montag steht in Stuttgart der frühere Drogeriekönig Anton Schlecker nebst Familienmitgliedern und weiteren Angeklagten vor Gericht.

Schlecker hatte vor vier Jahren mit seinem Drogerie-Imperium eine der größten Firmenpleiten der deutschen Nachkriegsgeschichte hingelegt. Zuvor soll er allerdings dafür gesorgt haben, dass er auch nach dem Untergang seines Konzerns ein Auskommen hat. Und dabei soll nach Ansicht der Ankläger in Stuttgart nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Dafür muss sich Schlecker nun vor Gericht verantworten.

Weil die Ereignisse, um die es ab dem 6. März im Stuttgarter Gerichtssaal gehen wird, lange zurückliegen, ist es gut möglich, dass die Details dem einen oder anderen nicht mehr vollständig präsent sind. manager magazin online gibt daher den Überblick: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Schlecker-Prozess:

Wer steht im Schlecker-Prozess vor Gericht?

Angeklagt in Stuttgart sind:

  • Anton Schlecker, ehemaliger Chef der Drogeriekette Schlecker, die zu Hochzeiten mit über 10.000 Filialen in ganz Europa mehr als sieben Milliarden Euro Umsatz machte. Schlecker selbst verfügte zu Glanzzeiten über ein Vermögen von fast drei Milliarden Euro, wie das manager magazin berichtete.
  • Christa Schlecker, die Gattin von Anton Schlecker
  • Meike und Lars Schlecker, die Kinder des einstigen Drogeriekönigs
  • zwei Herren von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die ebenfalls in die Angelegenheit involviert sind.

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

Lars und Meike Schlecker

Lars und Meike Schlecker

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Hauptangeklagter in Stuttgart ist Anton Schlecker, dem der Straftatbestand des vorsätzlichen Bankrotts zur Last gelegt wird. Die Staatsanwälte werfen Schlecker vor, bereits im Vorfeld der Unternehmenspleite von Anfang 2012 Geld im großen Stil beiseite geschafft zu haben, und zwar konkret in 36 Fällen. Insgesamt soll es dabei um eine Summe von 26 Millionen Euro gehen, wie die "Wirtschaftswoche" berichtet. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wollte diese Summe auf Anfrage nicht kommentieren.

Zudem soll Schlecker den Zustand seines Unternehmens in den Jahresabschlüssen 2009 und 2010 falsch dargestellt und vor dem Insolvenzgericht falsche Angaben gemacht haben.

Gegen Schleckers Ehefrau Christa sowie die Kinder Meike und Lars erhebt die Staatsanwaltschaft den Vorwurf der Beihilfe zum Bankrott. Sohn und Tochter müssen sich zudem wegen möglicher Insolvenzverschleppung sowie möglicher Untreue verantworten.

Die beiden ebenfalls angeklagten Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (E&Y) schließlich sollen Jahresabschlüsse von Schlecker testiert haben, obwohl sie wussten, dass die Angaben nicht korrekt seien, so die Anklage.

Was ist dran an den Vorwürfen?

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Anton, Christa und die Kinder: Das sind die Schleckers

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Über die möglichen Geldverschiebungen Schleckers im Vorfeld der Insolvenz hatte manager magazin bereits im November 2015, Monate vor der Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft, berichtet. Demnach geht es unter anderem um ein Geldgeschenk in Höhe von 800.000 Euro, das der Drogerie-Unternehmer noch im März 2011 seinen Enkelkindern zugute kommen ließ. Zu einem Zeitpunkt also, als sich die Misere seiner Firma längst abzeichnete.

Im Mittelpunkt der Vorwürfe von Seiten der Staatsanwaltschaft dürfte zudem die Firma LDG Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft mbH aus dem Reich Schleckers stehen. Das inzwischen insolvente Unternehmen war für die Logistik im Drogeriekonzern zuständig, Gesellschafter waren Schleckers Kinder Meike und Lars.

Der Verdacht: Die LDG soll Schlecker im beiderseitigen Einvernehmen überhöhte Preise berechnet haben. So konnte der Unternehmer nach Ansicht der Ermittler Millionensummen an seine Kinder übertragen. Einen 50-Millionen-Euro-Kredit, den die LDG Anton Schlecker gewährte, dürften die Richter in Stuttgart in dem Zusammenhang ebenfalls genauestens unter die Lupe nehmen.

Haben Schleckers Kinder den Insolvenzantrag verzögert?

Die LDG ist es auch, die im Mittelpunkt der Vorwürfe gegen Schleckers Kinder Meike und Lars steht. Die beiden sollen den erforderlichen Insolvenzantrag des Unternehmens wissentlich verzögert haben. Gleichzeitig haben sich die Schlecker-Kinder laut Anklage Millionensummen als Gewinne ausgeschüttet, obwohl sie bereits von der Schieflage des Unternehmens wussten.

Hinzu kommen angesichts der Gesamtdimension zum Teil beinahe läppisch erscheinende Beträge. So sollen Meike und Lars Schlecker ihrer Mutter Christa mehr als 50.000 Euro auf ein Privatkonto überwiesen haben - für Beraterleistungen, die nie erbracht wurden, so die Anklage. Später sollen noch einmal 19.000 Euro auf das Privatkonto geflossen sein.

Anton Schlecker soll darüber hinaus Berichten zufolge seiner Tochter Meike eine Reise nach Antigua im Wert von 60.000 Euro spendiert haben. Außerdem wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, Kosten für Grundstücke seiner Kinder in Höhe von 300.000 Euro übernommen zu haben.

Bemerkenswert: Auch Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz entdeckte im Riesen-Drogeriereich finanzielle Unregelmäßigkeiten. Er stritt sich schon kurz nach der Pleite mit dem gefallenen Unternehmer über Geldtranfers. 2013 einigten sich beide Parteien auf eine Zahlung von 10,1 Millionen Euro, die Schlecker an Geiwitz leisten musste - zu Gunsten der Berichten zufolge mehr als 20.000 Gläubiger in dem Insolvenzverfahren.

Was ist die Vorgeschichte?

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Anton, Christa und die Kinder: Das sind die Schleckers

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Anton Schlecker war einst der Drogeriekönig Europas. Er stieg Mitte der 1960er Jahre in den väterlichen Betrieb im schwäbischen Ehingen ein, eine Fleischfabrik mit knapp 20 Metzgerei-Filialen. Erst langsam, dann immer rasanter baute er das Unternehmen in den folgenden Jahrzehnten zu Europas größter Drogeriekette aus.

Schleckers Markenzeichen war gleichzeitig Teil seines Erfolgsrezeptes: Ungepflegt erscheinende, dafür mit Ware geradezu vollgestopfte Läden abseits der Top-Einzelhandelslagen, wenig Personal, niedrige Preise. In seinen besten Zeiten erzielte der Mann mit der sonderbaren Pagenfrisur auf diese Weise mit mehr als 10.000 Geschäften in 17 Ländern Europas einen Jahresumsatz von mehr als sieben Milliarden Euro.

Dann kam der Absturz: Immer häufiger gingen die Kunden lieber zu Konkurrenten wie DM, Rossmann oder Müller, gelockt von einem angenehmeren Einkaufserlebnis mit großzügigen, modernen Filialen, mehr Service und besserem Sortiment. Bei Schlecker schrumpften unaufhaltsam die Geschäftszahlen, wie manager magazin bereits 2008 in einem umfangreichen Report protokollierte.

Ex-Schlecker-Tochter Ihr Platz vor dem Aus

Das endgültige Aus der Drogeriekette Schlecker kam Anfang 2012 mit dem Insolvenzantrag. 25.000 vor allem weibliche Mitarbeiter (die berühmten "Schlecker-Frauen") verloren seinerzeit ihre Jobs. Eine Zeit lang schien es für einige von ihnen zwar Hoffnung zu geben, weil die österreichische Handelskette Dayli angekündigt hatte, hunderte Ex-Schlecker-Läden übernehmen und wiederbeleben zu wollen. Daraus wurde jedoch nichts - Dayli machte noch vor der ersten Öffnung der Ladentüren ebenfalls pleite.

Jüngstes Übel zudem: Wie manager magazin in dieser Woche exklusiv berichtete, steht nun auch die einstige Schlecker-Tochter Ihr Platz vor dem Aus.

Jetzt ruhen die Hoffnungen der vielen Tausend Schlecker-Frauen, die auch einen Großteil der Gläubigerschar im Schlecker-Insolvenzverfahren stellen, auf Klagen, die Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gegen verschiedenen frühere Geschäftspartner Schleckers eingereicht hat, und über die manager magazin Mitte vergangenen Jahres ebenfalls exklusiv berichtete: In insgesamt sieben Fällen sollen Konsumgüterhersteller Schlecker durch illegale Preisabsprachen jahrelang um Millionenbeträge gebracht haben.

Setzt sich Geiwitz mit seinen Ansprüchen durch, könnten die Schlecker-Frauen sowie zahlreiche Vermieter, die bei der Pleite ebenfalls leer ausgingen, doch noch an ihr Geld kommen. Die offenen Forderungen in dem Insolvenzverfahren belaufen sich auf über 500 Millionen Euro.

Welche Strafe könnte Anton Schlecker bekommen?

Auf Bankrott steht eine Strafe von bis zu fünf Jahren Haft oder Geldstrafe. Sollte es sich um Bankrott in einem besonders schweren Fall handeln, könnten sogar zehn Jahre Haft dabei herauskommen.

Ein besonders schwerer Fall liegt laut Strafgesetzbuch vor, wenn der "Täter 1. aus Gewinnsucht handelt oder 2. wissentlich viele Personen in die Gefahr des Verlustes ihrer ihm anvertrauten Vermögenswerte oder in wirtschaftliche Not bringt" (§283a, StGB).

Bei der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker verloren rund 25.000 Mitarbeiter ihren Job.

Was machen die Schleckers eigentlich heute?

Viel ist über aktuelle Aktivitäten der Mitglieder der Familie Schlecker nicht bekannt. Patriarch Anton und Gattin Christa leben dem Vernehmen nach immer noch in der alten Heimat beim früheren Firmensitz in Ehingen. Dort ließen sich die beiden bis zuletzt auch noch regelmäßig in ihren Büroräumlichkeiten blicken. Was sie da tun, erscheint jedoch unklar.

Von neuen beruflichen Aktivitäten der Tochter Meike Schlecker ist ebenfalls nichts bekannt.

Sohn Lars Schlecker dagegen kann zumindest die Firma Float Med Tec vorweisen, einen Spezialisten für Entspannungspools, dessen größter Einzelaktionär er ist. Zudem betreibt Lars Schlecker gemeinsam mit Gattin Mirja die Beteiligungsgesellschaft Mila Königsberg, wie manager magazin im aktuellen Heft 3/2017 berichtet.