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Fußball in China: So arbeitet Peking am ersten WM-Titel

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Fußball-EM als Schaufenster China ködert Europas Top-Spieler

Auch in China verfolgen Millionen die Fußball-EM. Besonders intensiv werden die Scouts der China Super League hinschauen. Die chinesischen Vereine haben es auf Spitzenspieler aus Europa abgesehen. Und sie haben Geld, viel Geld. Die Zeit, in der nur Altstars für den letzten großen Vertrag nach China gingen, ist vorbei. Jetzt müssen Europas Teams um ihre Leistungsträger zittern.
Von Volker Heun
Roger Wittmann, Volker Heun
Foto: Volker Heun

Roger Wittmann (li.) ist Geschäftsführer der europäischen Spieleragentur Rogon mit Büros in Hong Kong, Deutschland, der Schweiz und Brasilien. Rogon hat innerhalb von 20 Jahren rund 100 Nationalspieler verschiedener Nationen betreut.
Volker Heun (re.) arbeitete lange für die Deutsche Bank in den USA und berät heute internationale Fußballinvestoren. Mit "Assetklasse Fußball" hat er ein Handbuch für Investoren geschrieben. Ein Kapitel ist dem Mega-Markt China gewidmet.
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Vielen in Europa ist gar nicht bewusst, welcher neue Faktor gerade dabei ist, in die globalisierte Fußballwelt hineinzutreten und den internationalen Fußball nachhaltig zu verändern: Tausende Kilometer von Europa entfernt wird mit größter Akribie und größtem Stolz der Aufbau eines neuen, gigantischen Fußballimperiums vorangetrieben. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit der Kaufkraft mit rund 1,4 Milliarden Menschen im Rücken schickt sich an, eine Mega-Macht des Fußballs zu werden: China.

Eine neue Fußballmacht

Bereits in der letzten Wintertransferperiode haben chinesische Klubs zahlreiche europäische Fußballstars verpflichtet und mehr Geld für Transfers ausgegeben als die Vereine der englischen Premier League oder der deutschen Bundesliga. Vier der fünf teuersten Spieler gingen nach China, zum Beispiel zum größten chinesischen Klub Guanzhou Evergrande. Dieser kaufte den Atletico-Madrid-Star Jackson Martinez für etwa 42 Millionen Euro. Weitere westliche Fußballstars wechselten für Rekordsummen nach China. Jiangsu Suning sicherte sich den Chelsea-Star-Ramires aus Brasilien für 32 Millionen Euro, Hebei China Fortuna kaufte Gervinho für rund 18 Millionen Euro von AS Rom.

Aufgrund dieser großen Nachfrage hat sich Europas führende Spieleragentur Rogon bereits mit einem Büro in Hong Kong positioniert, insbesondere um die chinesischen Gebräuche und Kulturen kennenzulernen. Denn nur wer vor Ort ist, lernt die Menschen richtig zu verstehen und Geschäfte zwischen Europa und China einzufädeln. Dies allein schon aus Respekt gegenüber China.

Interesse auch an Klubs

Und das Interesse gilt längst nicht nur den Spielern: Auch bekannte Trainer zieht es in den fernen Osten. So hat der ehemalige Meister-Trainer des VfL Wolfsburg, Felix Magath, jetzt beim chinesischen Erstligisten Shandong Luneng Taishan unterschrieben. Schließlich haben es die Chinesen auch auf Europas Spitzenklubs selbst abgesehen.

Ende 2015 übernahmen die chinesischen Investoren China Media Capital (CMC) und Cittic Capital für 377 Millionen Euro für 13 Prozent an Manchester City. Damit ist Scheich Mansour bin Zayed aus Abu Dhabi nicht mehr der alleinige Besitzer. Erst vor wenigen Tagen zahlte der chinesische Konzern Suning rund 270 Millionen für eine Mehrheitsbeteiligung an Inter Mailand. Der Wanda-Gruppe, die seit 2016 FIFA-Großsponsor ist, gehört inzwischen der Sportrechtevermarkter Infront, zudem ist sie mit 20 Prozent an Atletico Madrid beteiligt.

Natürlich haben sich auch die deutschen Vertreter im asiatischen Markt positioniert. So unterhält die DFL ein Büro in Singapur und konnte die TV-Rechte an der Bundesliga für rund 150 Millionen Euro pro Saison an 21st Century Fox verkaufen. Damit wird fast der komplette asiatische Markt abgedeckt. Hinzu kommt der TV-Vertrag mit dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV. Borussia Dortmund ist ebenfalls mit einem Büro in Singapur vertreten, Bayern München in Shanghai. Diese Zugpferde der Bundesliga möchten ihre Bekanntheit in Asien ausbauen und mehr Umsatz generieren, unter anderem im Merchandising.

Insbesondere Bayern München verfolgt hierbei eine clevere Strategie. In China sind etwa eine halbe Milliarde Menschen in sozialen Netzwerken aktiv. Daher sind die Bayern ebenfalls auf den chinesischen Plattformen Sina Weibo, Tencent und WeChat vertreten und haben sich damit die Pole Position in den sozialen Netzwerken in China gesichert, noch vor Manchester United. Dennoch ist die englische Premier League in der chinesischen Vermarktung weit vor der Bundesliga, insbesondere bei der Vermarktung von TV-Rechten.

WM-Titel als Ziel

Die neue chinesische Fußball-Begeisterung ist von ganz oben verordnet: Staatspräsident Xi Jinping will Fußball zu einem Multi-Millionen-Business machen. Bereits 2011, bevor er Staatspräsident wurde, hatte der bekennende Fußballfan drei Ziele definiert:

1. China soll die Qualifikation für eine Fußball-WM schaffen.

2. Die WM soll ins eigene Land geholt werden.

3. China soll Weltmeister werden.

Dafür hat die Regierung einen 50-Punkte-Aktionsplan verabschiedet. Bis 2017 werden landesweit 20.000 Grund -und Mittelschulen zu Fußballschwerpunktschulen umgewandelt. Das Erziehungsministerium sucht mindestens 40.000 neue Fußballtrainer und baut 20.000 neue Fußballplätze.

Bereits heute verfügt China mit der Fußballschule Evergrande in Quinyuan über die weltweit größte Fußballakademie mit mehr als 2500 Schülern und 50 Fußballplätzen. Die Nachwuchsspieler trainieren mit voller Hingabe. Häufig finanzieren die Eltern mit harter Arbeit diese Top-Ausbildung ihrer Kinder. Die Kinder und Jugendlichen möchten natürlich ihre Eltern nicht enttäuschen und der größte Wunsch ist es, mit voller Stolz später ihr Land als Nationalspieler zu vertreten.

Teuerster Spieler der Welt ein Chinese

Chinesische Fußballer bleiben in der Regel in China, weil sie dort wesentlich mehr verdienen können als zum Beispiel in Europa. Zudem sind Chinesen sehr heimatverbunden. Das ändert aber nichts an der Internationalisierung des chinesischen Fußballs. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in einem Land mit 1.4 Milliarden Menschen ein oder mehrere Ausnahmetalente entdeckt werden. Sobald dies geschieht, dürften die Transfersummen durch die Decke gehen. Auch die Einnahmen aus TV-Rechten werden massiv steigen.

Nehmen wir ein Beispiel aus Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern: Der Nationalspieler Julian Draxler wechselte für etwa 40 Millionen Euro von Schalke 04 zum VfL Wolfsburg. Wäre Draxler ein chinesischer Spieler, hätte die Transfersumme mit Sicherheit weit über 100 Millionen Euro gelegen. Allein die Größe des Marktes bedingt es, dass der teuerste Fußballer der Welt schon bald ein Chinese sein wird. Vielleicht werden gar die nächsten fünf bis zehn teuersten Transfers mit chinesischer Beteiligung stattfinden. Ein chinesischer Fußballstar wird auf mehr als 1 Milliarde Fans zugreifen können. Die Dimensionen in China sprengen alles, was man bisher im Fußball erlebt hat.

Wer das chinesische Vorgehen in internationalen Märkten kennt, hat kaum Zweifel, dass die großen Ziele im Fußball erfüllt werden. Man braucht sich nur die Entwicklung seit dem Jahr 2000 anzusehen. Damals war das jährliche Volumen chinesischer Investitionen in Europa nahe null; mittlerweile ist es auf einen zweistelligen Milliardenbetrag angewachsen. Chinesische Investoren denken meist langfristig und sind aufgrund ihrer hohen Finanzkraft in der Lage, vorübergehende Durststrecken in durchzustehen. Die Kombination aus Finanzkraft, Durchhaltevermögen und der chinesischen Fußballbegeisterung macht China zu einem vielversprechenden Partner für den europäischen Fußball.

Roger Wittmann ist Geschäftsführer der europäischen Spieleragentur Rogon und hat innerhalb von 20 Jahren rund 100 Nationalspieler verschiedener Nationen betreut. Volker Heun ist Berater für Fußballinvestoren und schreibt als Gastkommentator für manager-magazin.de - trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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