Mittwoch, 24. April 2019

Die Wirtschaftsglosse Heute ein König, morgen eine Schnepfe

Juchtenkäfer: Das Stuttgarter Vorbild für Asphalt-Amsel, Trassen-Trällerer, Gasrohr-Drommel und Einflugschneisen-Schnepfe

Tiere suchen ein Zuhause, vor allem jetzt, wo Weihnachten naht. Aber Menschen suchen auch Tiere, um sie für ihre Zwecke einzuspannen, etwa in der heiß laufenden Kohle- und Klimadiskussion. Am Ende des Tages ergibt sich eine harmonische Symbiose - und ein einträgliches Geschäftsmodell.

Gut, den Juristen ist nun mal nicht zu helfen. Im BGB werden Tiere praktisch immer noch als Sache behandelt, so wie eine Kroko-Tasche oder ein Wildledermantel. Aber der Großteil der Bundesbürger, der das BGB ohnehin für eine Ballsportgemeinschaft hält, schätzt doch Tiere mehr und mehr, vor allem, weil sie so nützlich sind. Wir wollen jetzt nichts künstlich überhöhen, aber: Ohne ein Tier zur rechten Zeit droht unser polit-ökonomisches Gesellschaftsmodell auseinander zu fallen wie ein Kuhfladen nach mehrwöchiger Lagerung auf der Sommerwiese.

Womit wir beim ersten Beispiel angelangt sind. Millionen Rinder werden ja heutzutage mit dem einzigen Zweck gezüchtet, Argumentationslücken beim Klimaschutz zu schließen. Als Ablenkungsmanöver, nach dem Motto: Kohlendioxid ist nicht die wahre Bedrohung der Menschheit, sondern Methangas, also das, was hinten rauskommt bei den Wiederkäuern.

Auch bei der Abwehr von Großprojekten sind Tiere sehr beliebt. Im Oldenburger Land sollen mittlerweile als Schweineställe getarnte Feldhamster-Zuchtanstalten existieren. Abnehmer gibt es reichlich. Wer hat nicht irgend eine Autobahn, ein Windrad oder ein sonstiges Bauvorhaben planungstechnisch vor dem Gartenzaun? NGOs stehen Schlange, längst gibt es Lieferschwierigkeiten, schon sind Plagiate aufgetaucht: stinknormale Goldhamster aus Kinderzimmer-Käfighaltung, auch besonders klein geratene Meerschweinchen wurden schon auf dem Schwarzmarkt angeboten.

Dietmar Student
manager magazin
Dietmar Student
Den Streit um die Zukunft der Braunkohle, um die Stilllegung von Kohlekraftwerken kann man sich jedenfalls getrost sparen. Schickt eine Abordnung gebärfreudiger Feldhamster in die Tagebaue und - schwups - ist der Spuk vorbei.

Immer gern genommen wird auch der Wachtelkönig. Schwer aufzuziehen, hat so eine divenhafte Attitüde. Die alte Wiesenralle weiß halt, wie viel sie wert ist. Es handelt sich genau genommen um das teuerste Tier der Welt, in Opportunitätskosten gerechnet. Seinetwegen wurden Trassen verändert, Gräben gezogen oder zugeschüttet, Schneisen geschlagen, Häuser nicht gebaut, ja ganze Bruttosozialprodukte geschreddert. Nur weil der schräge Vogel es mit irgend welchen Rankingtricks, die er sich wahrscheinlich beim ADAC oder NDR abgeguckt hat, auf die Rote Liste schaffte.

Stark im Kommen, wenn auch relativ neu im Angebot, ist der Gewitterfurzer. Ein Fisch, der Sauerstoff über den Darm aufnimmt und (daher der Name) auf selbigem Wege die Restluft wieder abgibt. Hat schon so manchen hoch gerüsteten Logistikpark argumentativ weggesprengt. Die mutmaßlichen Störzuchtbetriebe in Ostdeutschland sind in Wahrheit, Sie ahnen es bereits, Hegeplätze für den Gewitterfurzer, den Kaviar unter den Projektkillern.

Man braucht jetzt ratz-fatz Nachwuchs, sonst kann die Elbvertiefung wohl kaum noch verhindert werden. Mopsfledermaus und Juchtenkäfer sind für diesen Einsatz im feuchten Milieu leider nicht zu verwenden.

Keine Frage: Das Aufziehen der Megavorhabenverhinderer ist ein einträgliches Geschäftsmodell und politisch korrekter als die Massentierhaltung von Schwein, Huhn oder Dalmatiner. Hier mal einige neue Zuchtvorschläge:

  • die Asphalt-Amsel - sehr robust, gegen jeglichen Straßenneubau zu verwenden.
  • der Trassen-Trällerer - nistet in Erdaushebungen für Strommasten, Überlandleitungen und allem, was knistert. Hilft auch gegen ACDC-Konzerte.
  • die Gasrohr-Dommel - bevorzugtes Brutgebiet: Pipelinestandorte, vor allem jene, die mit russischem Erdgas gefüllt sind.
  • die Einflugschneisen-Schnepfe - Verbreitungsgebiet: Flughäfen aller Art. Gilt als NGO-Einsatzreserve, sollte sich der BER wider Erwarten doch noch der Fertigstellung nähern.

Ja, schon die alten Griechen (jetzt die auch noch...) wussten die Bedeutung des Tieres vielfach zu schätzen. Eine Ziege namens Amaltheia (damals hatten die Ziegen noch hippe Namen) zog einen gewissen Zeus mit ihrem Füllhorn auf. Seitdem hat sich das Füllhorn als finanzpolitisches Spitzeninstrument über Jahrhunderte bewährt. Nicht totzukriegen. Passt halt viel rein, und kommt halt einiges wieder raus. Aktuell zum Beispiel: die Rente mit 63, der Mindestlohn, die Mütterrente etc.

Der wohlgenährte Zeus hat später groß Karriere gemacht. Den Griechen selbst hat allerdings die heroische Füllhorn-Vergangenheit im Verlauf ihrer Geschichte, vor allem der jüngeren, nicht viel geholfen. Insofern stößt die Instrumentalisierung von Tieren für allgemeinpolitische Zwecke dann doch an gewisse Grenzen.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.

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