Wirtschaftsglosse Manager im Titelwahn - was war nochmal der CBO?

Gestatten, Chief Superwichtiger Officer (CSO): Ein C muss es schon sein

Gestatten, Chief Superwichtiger Officer (CSO): Ein C muss es schon sein

Foto: AFP

Vor zwei Wochen wurde "Codenames" zum Spiel des Jahres 2016 gekürt. Normalerweise gilt diese Auszeichnung als Lizenz zum Gelddrucken für den Verlag, weil sämtliche Omas und Opas, Onkel und Tanten die prämierten Brettspiele an den digital verseuchten Nachwuchs der Familie verschenken. In der vagen Hoffnung, die beglückten Personen würden sich nun doch mal wieder im trauten Kreise um die voll analogen Pappkarten versammeln und statt Whatsapps, Tweets und Snapchats echte gesprochene Worte, ja gar möglicherweise ganz Sätze austauschen.

Darüber, dass diese romantisch-altmodisch verklärte Vorstellung wohl in 99,7 Prozent aller Fälle nicht zutrifft, und eine weitere Pappkiste im Schrank neben verkratzten Nokia-Knochen und ausrangierten iPods verstaubt, soll es in diesem Text allerdings nicht gehen. Schließlich beschäftigt er sich nicht mit dem in Akademikerkreisen sonst so wohlfeilen Kulturpessimismus, sondern rational-nüchtern mit Wirtschaft. Schließlich ist das hier das manager magazin.

Und weil ich mich professionell mit dem Wesen des Managers beschäftige, gehe ich jetzt mal davon aus, dass "Codenames" seinem Hersteller Heidelberger Spieleverlag einen absolut beispiellosen Verkaufserfolg bescheren wird. Das 30-Frau/Mann-Unternehmen aus dem bislang nicht als Business-Hotspot bekannten Walldürn erschließt sich mit ihrem jüngsten Produkt nämlich einen vollkommen neuen und höchst lukrativen Markt: Die Vorstandsetagen deutscher Unternehmen.

Zwar geht es bei dem Brettspiel vordergründig um Spione und ihre Geheimkürzel. Doch die nachgerade soghafte Wirkung, die die Titelsuche für diverse Agenten schon auf gewöhnliche Spielernaturen ausübt, dürfte unter hiesigen Führungskräften noch sehr viel stärker ausfallen. Ja, die Codenames werden wohl einen unentrinnbaren Strudel erzeugen, der jeden Manager sofort mit sich reißt.

Denn glaubt man den ungezählten Personalberatern und Headhuntern, mit denen ich in den vergangenen Wochen gesprochen habe, sind die Spitzen der heimischen Ökonomie ohnehin allesamt schon von einer höchst ansteckenden C-Mania befallen.

In den Chefbüros - oh pardon, heute heißen diese meist recht großzügigen Räumlichkeiten C-Suite - herrscht mittlerweile eine nie gekannte Sehnsucht nach kryptischen Kürzeln. Diese Codenames müssen - genau wie im Spiel - dann nach gemeinsamen Nennern dechiffriert werden.

Vierter Buchstabe im Titel dringend nötig!

Klingt ziemlich kompliziert und schwierig? Tja, so ist das in Zeiten der digitalisierten Welt: Alles hochkomplex und nur mit den modernsten Methoden von design thinking und mit allerhöchster Agilität iterativ zu erfassen.

Aber lassen sie mich das Prinzip am einfachsten, da mittlerweile schon recht weit verbreiteten Beispiel erklären. In globalisierten Unternehmen - und welcher deutsche Exporteur kann es sich heute erlauben nicht global aufgestellt zu sein - gibt es keinen muffig angestaubten Vorstandsvorsitzenden mehr oder bewahre gar einen hundsordinären Leiter/Sprecher der Geschäftsführung. Beim heutigen Global Player heißt die wichtigste Führungsperson längst CEO. Die Abkürzung steht für Chief Executive Officer. Doch ausgesprochen wird das hierzulande so gut wie nie. Was auch besser ist: Schließlich klingt der Chef-Exekutionsoffizier doch sehr unsympathisch martialisch und verdächtig nach dem Duktus der IS-Terroristen.

Der Chef-Finanzoffizier scheint dem braven Unternehmenssoldaten zwar beim ersten Hinhören deutlich weniger gefährlich. Doch die Harmlosigkeitsvermutung trifft in der Realität auf den obersten Sparkommissar mitnichten zu. Werden doch seine Erfolge beim Eliminieren von Arbeitsplätzen gerne von seinen eigentlichen Befehlshabern an der Börse großzügig belohnt. Also wird auch für diese Position heutzutage gerne ein Tarnname verwendet: hier CFO.

So weit, so logisch. Doch einen wohlklingend wichtigen C-Titel wollen mittlerweile all jene deutschen Manager haben, die dank der Internationalisierung ihrer Geschäfts längst wissen, dass der hierzulande hochangesehene Manager weltweit ein deutlich mieseres Image genießt und gerne mal mit den Hausmeister - sprich facility manager - verwechselt wird.

Was war noch mal ein CSO?

Jetzt wird es allerdings schwierig: Denn leider ist die Auswahl an verfügbaren Codes gar nicht so groß. Schreit doch jeder bei der Titelvergabe: Gib mir ein C. Keiner will weniger sein als Chef.

Mehr als verständlich: Das gleich nachfolgende D für Direktor ist hierzulande jedenfalls unmöglich, wird es doch direkt mit dem abwertenden Präfix "Frühstücks..." assoziiert. Und auch beim P für President oder noch schlimmer VP für Vice President weiß jede weltläufige Führungskraft - bei diesem Ansprechpartner handelt es sich maximal um eine nicht satisfaktionsfähige Figur aus der 2. bis 15. Reihe.

Also ein C muss es schon sein. Und auch das abschließende O für Officer muss sein. Schließlich ist ein Chef-Irgendwas ohne den höchstranganzeigenden Offizier auch nur ein untergeordnetes Würstchen. Ein Chef-Software-Architekt hat vielleicht 3 bis 4 Programmierer unter sich und muss noch richtig selbst denken. Und ein Chefingenieur darf allenfalls die fünf Hanseln befehligen, die den neuen Außenspiegel eines 7er BMW entwickeln.

Bleibt also für die Codes der Topetage ein einziger Buchstabe, um die eigentliche Befehlsgewalt des stolzen Titelträgers zu benennen. Und diese Beschränkung macht die ganze Sache jetzt so spannend. Verbirgt sich hinter dem CSO jetzt der Vertriebsvorstand (Sales) oder doch der höchstverantwortliche Sicherheit-Chef. Ja, den Chief Security Officer gibt es wirklich in unseren unsicheren Zeiten. Ist der CIO für die IT des Unternehmens zuständig oder sorgt er für den reibungslosen Kommunikationsfluss im Konzern?

Tarnt sich hinterm CPO der wichtigster Einkäufer (Procurement) oder ist er wie bei General Electric für die Produktivität (Productivity) zuständig oder kümmert er sich um alle Produktionsstätten oder gar um die Entwicklung von Produkten. So genau kann man das nicht wissen.

Weshalb sich Trendsetter bei Giganten wie IBM jetzt schon ernsthafte Gedanken darüber machen, ob nicht vier Buchstaben besser wären. Etwa für den CCSO - den Chief Customer Success Officer.

Fragen über Fragen. Wobei mir in diesem Zusammenhang einfällt: Ich sollte unbedingt mal einen Termin mit dem Verlagsleiter vereinbaren. Wir müssen unbedingt darüber reden, ob der Name manager magazin für unsere Publikation überhaupt noch für angemessen ist. 40 Jahre renommierte Brand hin oder her - wäre nicht C-Magazin irgendwie moderner, digitaler, zeitgemäßer? Oder einfach nur ein schickes CXO?

Mal sehen. Vielleicht bekomme ich für diese bahnbrechende Idee sogar einen tollen Titel verliehen. CBO wäre doch ganz schön. Da können Sie dann nach Bedarf den passenden Begriff für das schöne "B" einsetzen: Bullshit zum Beispiel.

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