Samstag, 20. Juli 2019

Am Ende des Tages Der Gott des Dementis - irre Gerüchte und ihre dramatischen Folgen

Das Beweisbild: Nietzsche irrte - Gott ist gar nicht tot.

Heutzutage läuft ja nichts in geordneten PR-Bahnen ohne professionelle Beziehungsknüpfer, Spin-Doktoren und sonstige nachrichtenverbiegende Schwerathleten, die jedes Zirkusensemble schmücken würden. Die Welt der Worte lebt erst richtig auf durch wilde Spekulationen und Hypothesen aus dem Weithergeholt-Kosmos. Man weiß nicht mehr, wo Wahrheit aufhört und Dichtung anfängt. Im Fake- und Framing-Zeitalter ist alles denkmöglich.

Schon Sartre hat ja die Auffassung vertreten, dass der Mensch allzu leicht falsche Wertvorstellungen übernehme, der Selbsttäuschung verfalle. Und schon sind wir, zack-zack, so schnell fliegen heute die Gedanken, bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" angelangt. Ein Nachrichtenorgan, das sich nicht gerade in der geistigen Erbfolge von Sartre sieht, aber neuerlich durch eine teuflisch-geniale Meldungsaufbereitung zu derlei Assoziationen gehörigen Anlass bot.

"Gott ist Gerüchten über seinen Tod entgegengetreten". So mystisch begann ein Artikel, den die Journalisten, die ihre Abneigung gegenüber dem Schrillen und Lauten wie eine Monstranz vor sich hertragen, demütig in der Rubrik "Kurze Meldungen" verbargen. Gott wurde zwar gefettet, fand sich aber in einer lockeren Abfolge nur an Nummer drei wieder, hinter Richard Gere (wurde mit 70 noch Vater) und dem Wiener Opernballaballa Richard "Mörtel" Lugner (heuer dient ihm das Model Elle Macpherson als Stütze).

Womöglich haben die "FAZ"-Verantwortlichen die himmlische Tragweite der Gott-News nicht erkannt. Jedenfalls hätte so mancher leibhaftige Magazinmacher aus dieser Verkettung von Gerücht und Dementi, sozusagen auf der allerobersten Führungsebene, eine veritable Titelstory zusammenfabulieren lassen. Mehr Fallhöhe geht eigentlich gar nicht.

Vielleicht hat die FAZler auch das Wissen darüber verschreckt, was Spekulationen alles anrichten können, sofern man sie zu exaltiert kommuniziert. Hier mal eine gruselige Auswahl:

  • Der Fußballmanager Uli Hoeneß verbreitet das Gerücht, Borussia Dortmund gebe es gar nicht. Alles Einbildung, nichts als eine Favre Morgana. Die Bayern entdecken wieder ihr Mir-san-einzigartig-Gefühl und putzen fortan alles weg. Schon als Tabellendeuter hatte Hoeneß sich ja seine eigene Wirklichkeit herbeiphilosophiert, als er wider die Tordifferenz-Arithmetik behauptete, sein Verein stünde an Platz zwei, die Existenz der besser dastehenden anderen Borussia (aus Mönchengladbach) schlichtweg ignorierend.
  • Um den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko doch noch zu verhindern, transportieren die US-Demokraten die Spekulation, Mexiko sei gar kein selbstständiger Staat, gehöre vielmehr als Nr. 51 längst zu den USA. Wozu also eine Mauer? Schließlich mussten die Deutschen ihre auch wieder abreißen. Manche verbreiten gar die böse Fama, Donald Trump sei Gerüchten über seine Existenz entgegengetreten. Seine Amtsübernahme mithin nichts als: Fake!
  • Den jüngsten Fehlschlag der Nasa macht ein lanciertes Geraune ungeschehen. Der Marsroboter Opportunity hatte sich ja schon länger nicht mehr gemeldet, war deshalb abgeschrieben worden. Doch der war gar nicht zum Mars unterwegs, sondern auf dem Weg in die deutsche Milchstraße, von Kanne zu Kanne. Seitdem steckt er im Funkloch. Spekulation Nummer zwei: Mit 5G wird alles gut, und der Roboter sendet dann wieder.
  • Das Verteidigungsministerium zündet die Vermutungsgranate, der Schiffstorso, an dem vor Tagesschau-Publikum immer irgendwer herumschweißt, sei gar nicht die Gorch Fock. Die kreuzt längst unter vollen Segeln - im Bermuda-Dreieck.
  • Die Russen zerstreuen die Sorgen vor Nord Stream 2 mit allerlei Mutmaßungen. "Wir hatten nie die Absicht, eine Gaspipeline zu errichten," heißt es in Moskau. Die Rohre sollen vielmehr später mit Kaviar gefüllt werden, zum Weiterverkauf am Timmendorfer Strand. Das würde dort die einseitige Abhängigkeit von den stark preisschwankungsanfälligen Krabbenbrötchen verringern, wäre also eindeutig im EU-Interesse.
  • Ach ja, die EU. Die will, wie man im Berlaymont gerüchteweise hört, Recyclingquoten für IS-Kämpfer verbindlich festschreiben. Von 30 Prozent ist die Rede. Der Rohstoff soll bei NGOs wiederverwertet, also dem gesellschaftlichen Friedfertigkeitskreislauf wieder zugeführt werden. Andere wiederum halten das für eine typische Brüsseler Quotenspinnerei.

Der Diesel ist den Gerüchten über sein drohendes Ableben übrigens erfolgreich entgegengetreten. Jedenfalls glaubt die deutsche Elite wieder an eine Zukunft des allmächtigen Selbstzünders, nachdem sie bei der letzten Allensbach-Umfrage noch gegenteiliger Auffassung gewesen ist.

Und: Was sagt Gott eigentlich dazu? Oha, die "FAZ" hat sich gemeldet: Unsereins hätte sich da wohl auf eine falsche Fährte begeben. Was? Ist Gott am Ende doch tot, das Dementi, man kennt das vielfach aus dem Wirtschaftsleben, also keinen Pfifferling wert? Nein, nein, bei Gott handele es sich in Wahrheit um einen gegen das Insektensterben ansingenden ("Biene Maja") Schlagersänger mit Vornamen Karel. Ihm ginge es, nach einer Atemwegserkrankung, wieder gut. Darauf habe der Mann hinweisen wollen.

Gottseidank! Alles andere wäre auch zu spooky gewesen. Konnte ja nicht stimmen. Haben wir uns eigentlich gleich gedacht. Also bitte!

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung