"Brauche dringend zwei Milliarden!" Wie ein aufmerksamer Buchhalter (fast) den Monsanto-Deal verhinderte

Ungeliebtes Monsanto: Auch Buchhalter Schulze wollte der Übernahme durch Bayer keinen Vorschub leisten

Ungeliebtes Monsanto: Auch Buchhalter Schulze wollte der Übernahme durch Bayer keinen Vorschub leisten

Foto: Jean-Christophe Bott/ dpa

Die Meldung ging unter im allgemeinen Brexit-Gejammer und EM-Gestöhne. Aber Schulze - er interessiert sich nun mal nicht für Politik oder Fußball -, hatte die Nachricht von dieser neuen Betrugsmasche sorgsam gelesen. Es handelt sich um den so genannten "Chef-Trick". Ein vermeintlicher Vorstandsvorsitzender meldet sich beim zuständigen Buchhalter und drängt diesen zur umgehenden Überweisung von Firmengeldern auf ein meist ausländisches Konto. Die Sache eile, dulde keinen Aufschub, man kennt das, wenn der mutmaßliche Enkel plötzlich bei Oma anruft. Das FBI berichtet von Milliardenschäden, ganze Volkswirtschaften seien dem Untergang geweiht, sollte der "CEO-Fraud" weiter um sich greifen.

Wachsamkeit und ein Schuss Misstrauen können also nicht schaden im Arbeitsalltag. Und so entspann sich folgender Dialog, der uns, man hat nicht umsonst ein gutes Netzwerk, aus gewohnt zuverlässiger Quelle zugeleitet wurde.

"Schulze?" Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt gehetzt.

"Ja, hier Schulze, Buchhaltung, wer spricht?"

"Mann, erkennen Sie denn meine Stimme nicht? Hier Baumann, ihr Chef..." Schulze hat noch nie mit seinem CEO telefoniert, man ist halt weit weg in Abteilung III, 4.1 von der Konzernspitze.

"Hören Sie zu Schulze: Ich brauche dringend zwei Milliarden Dollar für die Übernahme, umgehend zu senden nach St. Louis an folgende Adresse..."

Schulze denkt: Ha ha, nicht mit mir. "Und alles sicher in kleinen, nicht fortlaufend nummerierten Scheinen," schickt er grinsend über den Atlantik. Ja, er kann manchmal ziemlich witzig sein.

"Machen Sie keinen Quatsch Schulze, die Angelegenheit ist essenziell. Unsere Dealmaker haben sich halt ein bisschen verrechnet, jetzt fehlen zwei Milliarden. Die brauche ich sofort, rapido, klar?"

Um zwei Milliarden verrechnet? denkt Schulze. Das war doch bestimmt der Dr. Meyer, der schnöselige Kollege aus der M&A-Abteilung, der auf den Betriebsfesten immer diese Witze über pedantische Hakelmacher reißt. Obwohl: Vorsicht, ich darf dem vermeintlichen Baumann nicht auf den Leim gehen, bloß nicht ins Grübeln geraten oder gar inhaltlich diskutieren. "Nö", sagt Schulze. "Hatten wir schon mal das Vergnügen?"

Die Stimme am anderen Ende der Leitung wird, rapido, um einige Oktaven höher. "Schulze!!! Ich habe Sie noch nie angerufen, das stimmt, lieber - darf ich doch sagen - Kollege Schulze, aber jetzt ist's wirklich wichtig. Die Amis wollen Bares sehen. Sonst scheitert die Übernahme."

Von Mergers, Akquisitionen und solchem Gedöns hält Schulze ohnehin nichts. Bringt viel zu viel Unruhe in das Unternehmen. Und alles muss neu berechnet werden. Pro-Forma, Ad-Hoc und der ganze SEC-Stress.

"Wie wäre es mit einer Einladung zum nächsten Champions-League-Finale, Schulze?"

"Zwei Milliarden fehlen also," sagt Schulze. "Haben Sie etwa nicht genügend Taschengeld mitgenommen?" Ha, ha, er lacht in sich hinein. Manchmal kann er ganz schön sarkastisch sein. Er legt den Hörer auf. So, das reicht aber jetzt.

Es klingelt erneut. Schulze guckt kurz über die Schulter, ob die Schmidt-Sauerborn nicht wieder durch die Glastür heimlich zu ihm herüber linst, dann hält er den gestreckten Mittelfinger kurz in Richtung Telefon. Schließlich nimmt er doch ab, das permanente Klingeln fällt sonst noch auf. Am Ende denken die Kollegen, er halte ein Nickerchen. Aber dafür ist es noch zu früh.

Die Stimme am anderen Ende klingt ruhig, geradezu gelassen. "Schulze, wie lange sind Sie eigentlich schon dabei, ich meine, in unserem Unternehmen?"

"26 Jahre, 3 Monate, 4 Tage und..." er schaut kurz auf die Uhr - "... 11 Stunden." Vorsicht, guter Versuch. Nähe schaffen und so. Kennt man ja aus Psycho-Krimis.

"Dann wird es langsam Zeit für eine deutliche Gehaltserhöhung, Schulze", säuselt der vermeintliche Baumann. Schulze reagiert nicht, bloß nicht Wackeln.

"Schulze? Sind Sie noch da? Wie wäre es mit einer Einladung zum nächsten Champions-League-Finale? Da sind Sie dabei, auf der VIP-Tribüne. Und: Bringen Sie doch Ihren Sohn gleich mit." Schulze ist passionierter Anti-Sportler. Und: Er hat gar keine Kinder.

"Oder, Schulze, was halten Sie von einem Wellness-Wochenende in einer Drei-Sterne-Pension in Leverkusen-Opladen?" Sicher, das wiederum klingt verlockend, die haben's halt drauf, diese CEO-Gangster. Aber er bleibt hart.

"Kein Interesse", sagt er nur. Er kann ein Gähnen nicht unterdrücken.

"Schulze, wollen Sie etwa unser Unternehmen in den Ruin stürzen?" Die Stimme wechselt wieder ins Falsett. Hat er in der Tat schon mal drüber nachgedacht. Er hat halt diese anarchische Ader.

Die Leitung ist tot. Der andere hat aufgelegt. Dann klingelt es wieder.

"Schulze, Sie sind gefeuert!"

"Jawoll Cheff", schnarrt Schulze, steht auf und schlägt die Hacken zusammen. Ja, er kann manchmal richtig aus sich heraus gehen.

Ganz schön hartnäckig, diese CEO-Betrüger. So, jetzt reicht's aber wirklich. Er legt auf. Wird langsam Zeit für einen Schlummer. Nächste Woche geht er in Urlaub, gottseidank. Da muss man ausgeschlafen sein. Er nimmt, wie immer, genug Bargeld mit. Man möchte ja nicht in unangenehme Situationen geraten.

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