Dienstag, 2. Juni 2020

Umsturz in der Führung Warum Jennifer Morgan den Machtkampf bei SAP verloren hat

Jennifer Morgan: Abschied von SAP - nach nur 6 Monaten an der Doppelspitze
Uwe Anspach/dpa
Jennifer Morgan: Abschied von SAP - nach nur 6 Monaten an der Doppelspitze

Mit ihrer Ernennung war SAP-Grande Hasso Plattner im vergangenen Herbst eine echte Sensation gelungen: Durch die Wahl von Jennifer Morgan zum Co-CEO katapultierte der Aufsichtsratsvorsitzende und Mitgründer seine SAP Börsen-Chart zeigen endgültig an die Spitze der deutschen Wirtschaft. Der Softwarekonzern wurde nicht mehr nur als wertvollstes Unternehmen im Dax gepriesen, sondern auch als das erste mit einer Frau an der Spitze.

SAP galt als echter Vorreiter einer modernen Wirtschaft in Deutschland: Supererfolgreich und doch menschlich, visionär und divers zugleich.

Umso größer fällt der Schock aus, als Plattner die Amerikanerin nun nach gerade mal sechs Monaten Amtszeit wieder aus dem Amt entlässt. Nach 17 Jahren beim Unternehmen, davon zwei Jahren im Vorstand, beendete Plattner Morgans Karriere mit den dürren Worten: "Ich danke Jennifer Morgan dafür, was sie für das Unternehmen, unsere Mitarbeiter und Kunden getan hat."

Morgans Verdienste, etwa um den Erfolg des Cloudgeschäfts, das sie federführend vorantrieb, waren keine weitere Erwähnung wert. Dabei hatte der SAP-Grande das neue Spitzenduo aus Morgan und ihrem Kollegen Christian Klein bei ihrer Amtseinführung noch als Idealbesetzung hochgelobt.

Morgans Abgang hat sich seit Monaten angedeutet

Jetzt soll Klein SAP also alleine führen, als starke, eindeutige Führungskraft durch die harten Zeiten leiten sowie dem Unternehmen langfristig "Wachstum, Innovation und Kundenerfolg" bescheren. Da liegt der Schluss nahe, Morgan sei ein erstes weibliches Opfer der Corona-Krise geworden. Gefeuert, weil ihr als Frau kein Durchsetzungsvermögen, keine ausreichende Härte in den bevorstehenden Jahren des Wiederaufbaus der Wirtschaft zugetraut wurde.

Doch so einfach ist die Sache nicht: Der so überraschend scheinende Abgang von Morgan hatte sich bereits seit Monaten angedeutet. Schon bei der Vorstellung der SAP-Bilanz für das Jahr 2019 hatte die Co-CEO blass gewirkt. Ihr Redeanteil an der einstündigen Veranstaltung lag bei weniger als 10 Minuten. Finanzchef Luka Mucic, dessen Vertrag gerade erst vorzeitig bis 2026 verlängert wurde, hatte damals wie der eigentliche CEO gewirkt. Souverän und mit großer Sachkenntnis beantwortete er Fragen. Auch Klein schlug sich wacker, gab konkret Auskunft zu seinen Plänen. Nur Morgan nutze die Chance zum großen Auftritt nicht, blieb mit ihren Aussagen zum Zukunftsthema "Experience Economy" im Vagen.

Klein profilierte sich früh als Macher

Danach lief es für Morgan zusehends schlechter: Klein profilierte sich mit klaren Ansagen zur Integration der vielen Cloud-Zukäufe als Macher, beglückte damit die Kunden. Um die eigentlich für die Betreuung der Klientel zuständige Morgan wurde es immer stiller. Schon im Februar tönte die Frage in Branchenkreisen immer lauter: Was macht eigentlich Jennifer Morgan? Aus der Zentrale war dazu nur die Standard-Ansage zu hören: Die beiden teilten sich die anfallenden Aufgaben. Morgan kümmere sich um die USA, Klein um Europa.

In Wahrheit geriet die Amerikanerin immer mehr ins Abseits. Isoliert saß sie in den USA, ohne jede Hausmacht. Obwohl seit 2017 im Vorstand, war sie bis zu ihrem Aufstieg ins Führungsduo in Walldorf weitgehend unbekannt geblieben. Danach waren zwar ihr sympathisches Wesen, ihre Fähigkeit zum Zuhören und zum glasklaren Analysieren von Problemen bei Mitarbeitern und Kunden gut angekommen. Aber es folgten keine sichtbaren Aktionen.

…Um Morgan blieb es still

Klein dagegen hatte sich schon als COO einen Namen als kluger Organisator und scharfer Controller gemacht. Gleich nach seinem Amtsantritt stärkte er seine Position und holte seinen technisch versierten Vertrauten Thomas Saueressig ins eigens geschaffene Vorstandsressort Produktentwicklung. Auch mit Technikchef Jürgen Müller kann der künftige Allein-CEO exzellent. Gemeinsam stellte das Dreigestirn eine überzeugende Roadmap für die Produktentwicklung der nächsten Jahre vor - mit klaren Daten, wann welches Element aus dem Cloud-Sammelsurium endgültig in das SAP-Gesamtsystem integriert sein solle.

Selbst die kritische Kundenorganisation DSAG zeigt sich mit dem Aktionsplan von Klein zufrieden. Und was noch wichtiger war: Der ehemalige Werksstudent, aufgewachsen im 20 Kilometer von der Zentrale entfernten Mühlhausen, erwarb sich damit nicht nur immer größeres Wohlwollen von Aufsichtsratschef Plattner. Auch Mitgründer Dietmar Hopp, der noch immer im Hintergrund die Strippen bei SAP zieht, sah sich in seinem Vertrauen zu dem von seinem Aufsichtsrats-Gewährsmann Gerhard Oswald ausgebildeten 39-Jährigen bestätigt.

Doppelspitze war nur ein Modell auf Zeit

Es scheint fast eine Ironie des Schicksals, dass es Morgan gerade in der Corona-Krise gelungen war, wieder etwas stärker ins Blickfeld zu rücken. Mit ihrer Empathie für die Mitarbeiter, ihren menschlichen Aussagen zum Zusammenhalt in harten Zeiten hatte sie zumindest in der Belegschaft wieder mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Doch offensichtlich zu spät. Das Modell Doppelspitze war - so legt es die Pressemitteilung zu ihrem Abgang nahe - von Anfang an nur auf Zeit angelegt.

Die Entscheidung, zum Modell eines alleinigen Vorstandssprechers zurückzukehren, sei eben in der Krise früher gefallen als geplant, steht da. Übersetzt heißt das schlicht: Morgan hat den Machtkampf um die Alleinherrschaft bei SAP verloren.

Mit der Tatsache, dass Morgan eine Frau ist, hat ihr Abschied also herzlich wenig zu tun. Auf das Geschlecht seiner Co-CEOs habe Plattner schon bei deren Auswahl nicht geachtet, heißt es aus seinem Umfeld. Für den Aufsichtsratschef zähle einzig die Leistung. Und bei diesem Vergleich hat Morgan anscheinend nicht überzeugt.


Lesen Sie auch: SAP muss umdenken


So brutal ein dem System Doppelspitze immanentes Rennen um die Führung auch sein mag: Frauen, die in Toppositionen streben, dürfen darin dennoch ein Zeichen der Hoffnung erkennen. Wer die Regeln der Macht beherrscht und Leistung nachweisen kann, der kommt an die und bleibt auch an der Spitze.

Top-Frauen, die beides beherrschen, gibt es in Deutschland genügend. Ob Vonovia-CFO Helene von Roeder, BASF-Vorständin Saori Dubourg oder Douglas-Chefin Tina Müller - sie alle können zwar nicht mehr die erste Dax-Vorstandsvorsitzende werden. Aber das macht ja den CEO-Posten in einem deutschen Topkonzern nicht weniger erstrebenswert.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung