Bieterstreit um Norwegian wirbelt Luftverkehrsmarkt auf Das sind die größten Billigfluglinien Europas

Norwegian-Maschine hebt in Stockholm ab

Norwegian-Maschine hebt in Stockholm ab

Foto: Johan Nilsson/ dpa

Die Air-Berlin-Pleite war wohl nur der Auftakt zur Neuordnung des europäischen Luftverkehrsmarkts. Mit dem Billigflieger Norwegian steht eine der größten Airlines des Kontinents vor dem Verkauf, nach dem britisch-spanischen IAG-Konzern zeigt auch die Lufthansa Interesse. "Es steht eine weitere Konsolidierungswelle an", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr der "Süddeutschen Zeitung". "Das heißt, dass wir auch mit Norwegian in Kontakt stehen."

Norwegian-Chef und -Großaktionär Bjørn Kjos erklärt zwar, er selbst finde einen Verkauf zu früh, "weil wir noch nicht die Ernte eingefahren haben". Zugleich kokettiert er aber, es gebe noch "mehrere weitere" Kaufinteressenten für das rasant expandierte Unternehmen. Norwegian arbeitet zugleich an einer Allianz mit Easyjet, um die Flugnetze der beiden Billigflieger zu verknüpfen und so den etablierten Konzernen endgültig den Rang abzulaufen. Die mischen inzwischen jedoch ihrerseits den Low-Budget-Markt auf, wie unsere Übersicht zeigt.

Transavia

Transavia-Flugzeug in Paris-Orly

Transavia-Flugzeug in Paris-Orly

Foto: REUTERS

Transavia ist die Nummer acht der größten Billigfluggesellschaften in Europa. Die niederländische Gesellschaft wurde seit 2005 als Budget-Ableger von KLM ausgebaut und schnell auch auf dem französischen Markt etabliert. Inzwischen experimentiert der Mutterkonzern Air France-KLM mit mehreren Marken wie der zu Air France gehörenden Hop oder der neu gegründeten Joon, die offiziell zum "Labor" für personalisierte Flugangebote ausgerufen wurde.

Gegen die interne Billigkonkurrenz wehrt sich jedoch die Belegschaft von Air France. Der Tarifstreit hat schon etliche Streiktage gekostet. Im Mai trat Konzernchef Jean-Marc Janaillac zurück, weil sein Gehaltsangebot in einer Urabstimmung abgelehnt wurde. Vorerst sortiert sich der Konzern unter einer kollektiven Führung neu.

Passagiere 2017: 14,8 Millionen

Umsatz: 1,44 Milliarden Euro

Gewinn: 81 Millionen Euro (Betriebsergebnis)

Flotte: 73 Flugzeuge

Flugziele: 114

Pegasus

Verunglücktes Pegasus-Flugzeug in Trabzon, Januar 2018

Verunglücktes Pegasus-Flugzeug in Trabzon, Januar 2018

Foto: AP

Das Flugzeug, das im Januar die Landebahn im türkischen Trabzon am Schwarzen Meer verpasste, lieferte spektakuläre Bilder - nicht die beste Werbung für Pegasus, auch wenn der Zwischenfall glimpflich ausging. Das Unternehmen, das zur Esas-Holding der türkischen Milliardärsfamilie Sabanci gehört, hat sich einen besseren Start ins Jahr versprochen:

"Das echte Wachstum wird 2018 beginnen", hatte CEO Mehmet Nane angekündigt. Vor allem der Staatsairline Turkish Airlines macht Pegasus heftige Konkurrenz, die Mehrzahl der Passagiere wird auf Inlandsflügen gezählt.

Passagiere 2017: 27,8 Millionen

Umsatz: 1,29 Milliarden Euro

Gewinn: 122 Millionen Euro

Flotte: 79 Flugzeuge

Flugziele: 102

Wizz Air

Wizz-Air-Maschine in Budapest

Wizz-Air-Maschine in Budapest

Foto: REUTERS

Zu Milliardenkonzernen aufgestiegene Startups aus Osteuropa sind selten. Die in London registrierte, aber eigentlich aus Ungarn stammende Wizz Air hat es geschafft. Gegründet wurde die Billigfluggesellschaft 2003 von Jozsef Varadi, der zuvor den ungarischen Flag Carrier Malev geleitet hatte. Inzwischen ist Malev eingestellt und Wizzair nennt sich Marktführer in Mittel- und Osteuropa. Varadi steht bis heute an der Spitze.

Passagiere 2017: 28,3 Millionen

Umsatz: 1,95 Milliarden Euro

Gewinn: 275 Millionen Euro

Flotte: 93 Flugzeuge

Flugziele: 144

(Geschäftsjahr 2018, vom 1. April 2017 bis 31. März 2018)

Vueling

Vueling-Flieger nach Landung in Amsterdam

Vueling-Flieger nach Landung in Amsterdam

Foto: Robin Utrecht/ picture alliance / dpa

Ähnlich wie bei Air France-KLM, hat sich im aus British Airways und Iberia gebildeten IAG-Konzern nur die kleinere der beiden Traditionsfirmen früh dem Billigflieger-Trend geöffnet. Die Spanier haben Vueling etabliert, innerhalb der IAG verzeichnet die Fluglinie aus Barcelona das größte Wachstum.

Mit der 2017 neu gegründeten Level für günstige Langstreckenflüge ziehen die Briten jetzt nach. "Wir haben dem Aufsichtsrat im Februar einen Vorschlag unterbreitet, am 17. März den Start verkündet und den Flugbetrieb am 1. Juni aufgenommen", prahlt Konzernchef Willie Walsh. Das sei "beispiellos". Wirklich beschleunigen ließe sich die Expansion mit Norwegian. Knapp 5 Prozent der Aktien der Norweger hat IAG bereits gekauft - blitzte mit zwei Übernahmeangeboten bisher jedoch ab.

Passagiere 2017: 30 Millionen

Umsatz: 2,085 Milliarden Euro

Gewinn: 188 Millionen Euro (Betriebsergebnis)

Flotte: 105 Flugzeuge

Flugziele: 133

Eurowings

Eurowings-Airbus-Flotte

Eurowings-Airbus-Flotte

Foto: Eurowings

Zuletzt machte Eurowings eher negative Schlagzeilen, weil etliche Flüge ausfallen. Airline-Chef Thorsten Dirks schob das Chaos zunächst auf streikende Fluglotsen und Blitzeinschläge. Tatsächlich hat sich die Fluggesellschaft mit ihrem Wachstumstempo einschließlich der Übernahme eines Großteils der Pleite gegangenen Air Berlin wohl übernommen - die Organisation einschließlich des Personals, um die vielen neuen Flüge auch zu bestreiten, kommt hinterher.

Insgesamt kann sich Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr aber freuen, dass sein Plan aufgeht. Die erst seit 2015 zum Angriff auf konzernfremde Billigflieger gebündelten eigenen Billigangebote haben sich in kurzer Zeit etabliert. Auch der resultierende Tarifstreit mit der Kernbelegschaft der Lufthansa  ist weitgehend befriedet. Im vergangenen Jahr verdoppelte sich die Zahl der beförderten Passagiere beinahe. Das reicht für Platz vier unter den größten Billigfliegern Europas - und die Nummer eins unter den Ablegern etablierter Konzerne.

Passagiere 2017: 32,6 Millionen

Umsatz: 4,04 Milliarden Euro

Gewinn: 94 Millionen Euro (Betriebsergebnis)

Flotte: 250 Flugzeuge

Flugziele: 148

(Ergebnisse des Lufthansa-Geschäftsfelds Point-to-Point Airlines, einschließlich Brussels Airlines und Beteiligung an Sun Express)

Norwegian

Norwegian-Chef Bjørn Kjos in Buenos Aires

Norwegian-Chef Bjørn Kjos in Buenos Aires

Foto: REUTERS

Norwegian ist aktuell die einzige unter den großen Billigfluggesellschaften in Europa, die rote Zahlen schreibt. Trotzdem sonnt sich das Unternehmen in Bewunderung für die aggressive Expansion und zugleich hohe Qualität des Angebots. Selbst für den oft exaltiert auftretenden Ryanair-Chef Michael O'Leary waren "die in Oslo wahnsinnig" wegen der massenhaften Bestellung neuer Boeings.

Norwegian-Gründer Kjos, ein ehemaliger Luftwaffenpilot und Amtsrichter, rühmt sich heute "einer der jüngsten und grünsten Flotten der Welt". Auch Langstreckenflieger sind dabei, nach eigenen Angaben bietet Norwegian mehr Routen zwischen Europa und den USA als jede andere europäische Fluggesellschaft. Inzwischen hat die Firma auch Singapur erreicht und einen eigenen Ableger in Argentinien gegründet. Die Profitabilität leidet unter dem hohen Tempo, aber für die nach Wachstum gierenden Wettbewerber ist in Oslo der große Preis zu holen.

Passagiere 2017: 33,1 Millionen

Umsatz: 3,22 Milliarden Euro

Verlust: 107 Millionen Euro

Flotte: 144 Flugzeuge

Flugziele: 150

Easyjet

Easyjet feiert die von Air Berlin gewonnene Basis Berlin-Tegel

Easyjet feiert die von Air Berlin gewonnene Basis Berlin-Tegel

Foto: DPA

Auch Easyjet hat eine markante Gründergeschichte. Heute hat der griechische Reedersohn Stelios Haji-Ioannou, der 1995 Pionierarbeit für den Billigflugtrend leistete, jedoch trotz seines großen Aktienpakets nicht mehr viel im Unternehmen zu sagen.

Die Führung übernimmt seit Ende 2017 Ex-Tui-Manager Johan Lundgren. Vorgängerin Carolyn McCall hat Easyjet als Marktführer im britischen Luftverkehrsmarkt, dem größten Europas, etabliert - aber wiederholt vor drohender Gefahr durch den Brexit gewarnt: Das Geschäftsmodell steht und fällt mit leichtem Zugang zum Kontinent. Aus der Air-Berlin-Konkursmasse hat Easyjet sich ein Kontingent einschließlich einer neuen Basis in Berlin-Tegel herausgegriffen.

Passagiere 2017: 80,2 Millionen

Umsatz: 5,8 Milliarden Euro

Gewinn: 350 Millionen Euro

Flotte: 298 Flugzeuge

Flugziele: 150

(Geschäftsjahr 2017, vom 1. Oktober 2016 bis 30. September 2017)

Ryanair

Ryanair-Flugzeug vor Frankfurter Terminal

Ryanair-Flugzeug vor Frankfurter Terminal

Foto: Andreas Arnold/ dpa
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Ryanairs streitlustiger Chef: Michael O'Learys Weg zum Schrecken der Lüfte

Foto: REUTERS

Die Nummer eins bleibt jedoch Ryanair - im Billigflugsegment unbestritten, je nach Definition sogar im Luftverkehrsmarkt insgesamt. Das irische Unternehmen nennt sich seit 2016 Marktführer auf dem Kontinent. Zählt man statt der einzelnen Fluglinien die Konzernebene, hat sich die Lufthansa dank der Eurowings-Expansion im vergangenen Jahr jedoch wieder an Ryanair vorbeigeschoben.

Ryanair-Chef Michael O'Leary gibt unbeirrt hohes Wachstum vor - weitgehend im Alleingang, sieht man von kleinen Allianzen wie der aus Air Berlin herausgelösten Laudamotion ab. Stolz ist das Unternehmen auch auf den Spitzenplatz im Ranking der niedrigsten durchschnittlichen Ticketpreise. So kompromisslos billig sind die anderen Billigflieger nicht.

Ganz ohne Kompromisse lässt sich das Wachstum in diesem Wettbewerb aber nicht mehr bewerkstelligen, wie massenhafte Flugausfälle wegen Personalmangels 2017 zeigten. Norwegian warb offensiv um Ryanair-Piloten. Jetzt sind auch Gespräche mit Gewerkschaften für O'Leary nicht mehr tabu - gelöst sind die weiterhin für Streiks sorgenden Konflikte jedoch noch nicht.

Passagiere 2017: 130,3 Millionen

Umsatz: 7,15 Milliarden Euro

Gewinn: 1,45 Milliarden Euro

Flotte: 430 Flugzeuge

Flugziele: 216

(Geschäftsjahr 2018, vom 1. April 2017 bis 31. März 2018)