Freitag, 19. April 2019

"Ich war anwesend, aber nicht wirklich da" Faulenzen im Job - das unterschätzte Phänomen

Ikone aller Faulenzer: US-Trickserienstar Homer Simpson kombinierte Nichtstun am Arbeitsplatz auf virtuose Weise mit Nichtskönnen

2. Teil: Forscher entdeckt eine Kultur der Verlogenheit

Laut Paulsen finden zwar viele Studien zu dem Thema in den USA statt. Das Problem existiere aber erwiesenermaßen auch in anderen Staaten, wie zum Beispiel in Singapur, in Finnland und auch in Deutschland.

Viele Veröffentlichungen über diese bezahlte Faulenzerei gibt es ohnehin nicht, schreibt der Experte. Und wenn, dann sind es zumeist Erlebnisberichte von Leuten, die selbst über die Jahre zu erfahrenen "Arbeitszeitbummlern" geworden sind.

Wissenschaftler dagegen, so seine Darstellung, sind häufig zu weit von der Realität in Unternehmen oder Fabriken entfernt, um die Lage richtig einschätzen zu können. Sie verlassen sich auf Informationen vom Hörensagen, bei denen das wahre Ausmaß der Faulenzerei vielfach verheimlicht werde, um den Schein zu wahren.

Paulsen füllt insofern offenbar eine wissenschaftliche Lücke. Der Soziologe hat sich der Sache forschend angenommen und ausführliche Interviews mit 40 Menschen geführt, die laut Paulsen die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit privaten Dingen verbracht haben. Die Ergebnisse hat er in dem Buch "Empty Labor" zusammengefasst, dessen Quintessenz er im "Atlantic" beschreibt.

Demnach fand Paulson heraus, dass

  • in der Arbeitswelt, vor allem in Bürojobs, vielfach eine Kultur der Verlogenheit herrscht. Viele Mitarbeiter sehen keinen Sinn in ihrer Arbeit und machen sie lediglich, um ihre Rechnungen bezahlen zu können. Das kann aber selbstverständlich niemand offen aussprechen, denn damit würde er gegen die Regeln verstoßen und nicht zuletzt seine berufliche Existenz gefährden.
  • sich Menschen in weniger anspruchsvollen Jobs oft nicht ausgefüllt fühlen. Sie flüchten dann in Tätigkeiten, die sie stärker befriedigen. Paulsen erzählt beispielsweise von einem Archivar, der nebenbei eine Magisterarbeit schreibt, oder einem Fahrkartenschaffner, der in jeder sich bietenden Minute Musik komponiert.
  • speziell in größeren Organisationen Mitarbeiter zum Teil gar nicht faulenzen wollen - sie haben nur einfach zu wenig zu tun. Der eingangs erwähnte öffentliche Angestellte aus Menden etwa stellte, nachdem sein Fall in den überegionalen Medien gelandet war, in einem Interview klar, die Sache sei zum Teil falsch wiedergegeben worden: Er habe die Arbeit keineswegs vermieden. Seine Abteilung sei jedoch nach und nach gewachsen und seine Aufgaben seien an andere vergeben worden - bis für ihn irgendwann nichts mehr zu tun war. "Ich habe meine Dienste immer angeboten", sagte er, "aber keiner wollte sie."

Einen Grund dafür, dass das Problem nicht ausgelasteter Mitarbeiter häufig unentdeckt bleibt, liefern die Arbeitgeber laut Paulsen indes selbst. Wer sich an seinen Vorgesetzten wendet, um auf den Mangel aufmerksam zu machen, so der Wissenschaftler, schieße damit häufig ein Eigentor. Denn anstatt mehr Aufgaben zu bekommen, sei die Folge nicht selten, dass die Arbeitszeit des Betroffenen reduziert werde.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung