Mittwoch, 23. Oktober 2019

Problematische Geschäfte mit Medikamenten Wie Radiologen zusätzlich Millionen kassieren

Teure Ansicht: In einigen Bundesländern fahren radiologische Praxen sechsstellige Extraerlöse durch Kontrastmittel ein, die sie den Krankenkassen mit dem Vierfachen des Einkaufspreises in Rechnung stellen
imago images/blickwinkel
Teure Ansicht: In einigen Bundesländern fahren radiologische Praxen sechsstellige Extraerlöse durch Kontrastmittel ein, die sie den Krankenkassen mit dem Vierfachen des Einkaufspreises in Rechnung stellen

Radiologen verdienen mit 850.000 Euro Reinertrag pro Jahr und Praxis im Schnitt bekanntlich am besten unter den Fachärzten. Das sehen die Vertreter der Branche selbstredend anders: Glaubt man ihren interessengeleiteten Rechnungen im Internet, nagt diese Berufsgruppe schon fast am Hungertuch: Verdienten Radiologen doch weniger als mancher Handwerker, wird dort kolportiert.

Müssen sich die so darbenden Radiologen auf Kosten der Versicherten deshalb ein Zusatzeinkommen der besonderen Art verschaffen?

Zumindest in fünf Bundesländern erwirtschaften sie gehörige Mehreinnahmen dadurch, dass sie für die Behandlung bestimmte Medikamente günstig einkaufen, den Krankenassen und damit der Versichergemeinschaft aber mehr als das Vierfache des Preises dafür in Rechnung stellen.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtet, kaufen Ärzte zum Beispiel in Bayern den Liter Kontrastmittel "Dotograf" der Bayer-Tochter Jenapharm für 760 Euro ein, bekommen ihn aber mit 3900 Euro vergütet. Kontrastmittel werden bei Untersuchungen im Computertomografen (CT) oder Magnetresonanztomografen (MRT) gespritzt, um etwa Krebsherde oder verstopfte Herzkranzgefäße besser diagnostizieren zu können.

200 Millionen Euro "Schaden" für die Krankenkassen

Auf diese Weise ließen sich mit einem einzigen MRT-Gerät Zusatzeinnahmen von 100.000 Euro pro Jahr erzielen. Bundesweit beliefen sich die Verluste für das Solidarsystem der Krankenkassen auf rund 200 Millionen Euro. Auch in den Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen und NRW können Radiologen die Kontrastmittel über Pauschalen abrechnen.

Die SZ stützt ihren Bericht laut eigenen Angaben auf erstmals vorliegende Einkaufsrechnungen von Radiologen und Lieferangeboten von Firmen. Was Radiologen für die Kontrastmittel zahlen, hielten Hersteller, Zwischenhändler und Ärzte bislang geheim - auch und insbesondere vor den Krankenkassen.

Eigentlich sei es Ärzten nicht gestattet, an der Weitergabe von Heilmitteln zu verdienen, sagt der ehemalige Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof Thomas Fischer. Er hält die geschilderte Praxis dem Bericht zufolge für "strafwürdig". Die Pauschalen nützten "weder den Patienten noch den Krankenkassen und dem Solidarsystem. Sie führen zur ungerechtfertigten Bereicherung von Einzelnen, und das ist nicht zu akzeptieren".

Ehemaliger Richter am BGH hält die Praxis für "strafwürdig"

Zugleich bestehe der Verdacht, dass im Massenbetrieb radiologischer Praxen den Patienten mehr Kontrastmittel gespritzt werde als nötig. Das lege ein Vergleich von 28 radiologischen Praxen nahe.

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte dazu auf Anfrage der Zeitung, dass man die Verantwortung bei den Krankenkassen sähe. Die müssten sich an das Wirtschaftlichkeitsgebot halten. Die Krankenkassen in den betroffenen Bundesländern wollten den Bericht nicht kommentieren. Immerhin: In Bayern wolle die AOK versuchen, eine Vergütungsvereinbarung auf "Grundlage von Marktpreisen" zu erzielen.

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