Freitag, 13. Dezember 2019

Crash-Gefahr, Impeachment, Handelskrieg Globale Konjunktur - stell Dir vor, alles wird gut

Stahlindustrie: Kein Crash, sondern allmähliche Entlüftung

Crash-Gefahr, Handelskrieg, Populismus: Die Unsicherheiten für unseren Wohlstand sind so groß wie lange nicht. Wie wäre es zwischendurch mal mit etwas Positivem?

An schlechten Nachrichten herrscht wahrlich kein Mangel. Politik, Finanzmärkte, Spannungen: Wer die Welt mit wachem Auge betrachtet, kann überall Unsicherheitsfaktoren erkennen. Und das Zerstörungspotenzial ist enorm.

Der Nationalpopulismus hat viele Länder fest im Griff - mit dem heraufziehenden Handelskrieg als krassem Symptom.

Den USA, wo die Ermittler Präsident Donald Trump immer mehr bedrängen, steht eine Verfassungskrise ins Haus.

In Mittel- und Osteuropa sind populistische Regierungen, die sich offen gegen EU-Recht stellen, inzwischen die Norm - darunter in Italien, dessen Regierung droht, die Zahlungen an den EU-Haushalt einzustellen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Auch die Gefahr eines chaotischen EU-Ausstiegs Großbritannien ist längst nicht gebannt - mit dem Zerfall des Binnenmarkts als möglicher Folge.

Die Notenbanken - voran die amerikanische Federal Reserve, die Europäische Zentralbank (EZB) folgt im Schlepptau - versuchen, den Krisenmodus zu verlassen und die globale Geldschwemme abzuschöpfen. Ein Großexperiment mit dem Potenzial, einen weltweiten Finanzcrash auszulösen.

Besser als befürchtet

Der Türkei ist auf dem Weg ins Desaster, andere Schwellenländer müssen sich zumindest auf Finanzkrisen gefasst machen.

Im Nahen Osten droht sich der Konflikt mit dem Iran zuzuspitzen. Ein weiterer Anstieg des Ölpreises könnte die Folge sein.

Unsicherheit, wohin man schaut - und Deutschland ist hochgradig anfällig.

Diese Woche wird einigen Aufschluss darüber geben, inwieweit sich die dunklere weltwirtschaftliche Lage bereits auf Deutschland auswirkt: Montag gibt's Neuigkeiten zur Stimmung in den Unternehmen, Mittwoch zur Laune der Verbraucher, Donnerstag zur Lage auf dem Arbeitsmarkt und zur Inflation.

So schockierend viele Meldungen sein mögen: Es könnte auch ganz anders kommen. Denn Unsicherheit schließt die Möglichkeit ein, dass sich viele Gefahren am Ende nicht materialisieren. Stell dir vor, alles wird gut!

Worte sind nicht gleich Taten. Nicht jeder lautstarken Drohung folgt eine entsprechende Handlung. Nicht jeder Konflikt eskaliert bis zum großen Knall.

Kein großer Crash, sondern allmähliche Entlüftung

Nehmen wir den Handelskrieg: Bislang wird nur ein kleiner Teil des globalen Warenaustauschs mit Sonderzöllen belegt. Bislang laufen die Verhandlungen darüber weiter, zwischen den USA und China, zwischen den USA, Mexiko und Kanada. Andere Regionen sprechen über eine weitere Liberalisierung, darunter die EU und China. Die Erwartung, dass einige Gespräche zum Erfolg führen, ist keineswegs abwegig - sondern wahrscheinlich.

Oder die Notenbanken: Die Zinswende vollzieht sich so sachte, dass Verwerfungen in den großen Volkswirtschaften bislang ausgeblieben sind. Fed, EZB und Co. bleiben berechenbar. Sie folgen ihren eigenen Ankündigungen, vermeiden Überraschungen, sodass sich alle allmählich auf teureres Geld einstellen können. Das hat bisher funktioniert, es könnte auch weiterhin klappen.

Die Fed lässt sich nicht von Trumps Angriffen auf ihre Unabhängigkeit kirremachen, sondern bleibt stoisch auf Kurs. Der EZB gelingt bis zum Jahresende ein Ausstieg aus dem Anleiheaufkaufprogramm, ohne eine erneute Staatsschuldenkrise auszulösen. Wo es innerhalb der Eurozone Probleme geben sollte, steht der Rettungsschirm ESM bereit.

Die heraufziehende Krise in den Schwellenländern, ausgelöst durch den nun teureren Schuldendienst auf Dollar-Basis, entlädt sich ganz allmählich, nicht in einem großen Knall. Die Türkei bleibt ein isolierter Einzelfall. China, eine der am höchsten verschuldeten Volkswirtschaften der Welt, gelingt ein sanfter Ausstieg aus der Schuldenwirtschaft.

Kein Weg zurück - aber mehrere Wege nach vorn

In Europa überwiegt trotz lautem Verbal-Populismus der Pragmatismus. Italien bleibt im Euro, Griechenland wurschtelt sich durch, Polen und Ungarn geben sich kompromissbereiter als in der Vergangenheit.

In Großbritannien gibt es in diesem Positivszenario ein zweites Referendum, das den Brexit rückgängig macht. Eine Entwicklung, die der europäischen Integration unerhörten Auftrieb gäbe. Denn es würde klar: Die Verbindungen innerhalb Europas sind doch so stark, dass sie sich letztlich nicht trennen lassen. Für die EU gibt keinen Weg zurück - nur verschiedene Wege nach vorn.

Im Nahen Osten hält das dauerhafte Patt zwischen Saudis und dem Iran. Das Säbelrasseln der Mullahs weicht einem pragmatischeren Kurs, was sich wiederum die US-Regierung als Erfolg ihrer Sanktionen zuschreiben kann. Syrien ist nicht frei, aber zumindest kann allmählich der Wiederaufbau beginnen. Der Ölpreis bleibt stabil und relativ niedrig.

Die guten Nachrichten helfen, den weltwirtschaftlichen Aufschwung zu stabilisieren, mit positiven Folgen gerade für Deutschland. Einer Fortsetzung des zweiten deutschen Wirtschaftswunders bis weit ins nächste Jahrzehnt steht nichts im Wege. Alles Schönfärberei?

Schwarz oder Weiß - oder Fifty Shades of Grey?

Ein solches Best-Case-Szenario ist gar nicht so abwegig. Klar, es kann auch ganz anders kommen. Alles kann schiefgehen: Ein globaler Finanzcrash führt zur Verarmung weiter Bevölkerungsschichten, zu Nationalismus, Abschottung, Wettrüsten und womöglich Krieg. Natürlich ist ein Worst-Case-Szenario möglich. Aber es ist alles andere als unausweichlich. Und dann gibt es ja noch viele Abstufungen dazwischen.

Vielleicht sind die Bürger klug genug zu erkennen, dass die Populisten mit ihren Feindbildern und unerfüllbaren Erwartungen letztlich nichts zu bieten haben. Vielleicht sind die Verfassungen der westlichen Länder, zumal der USA, stark genug, der Aushöhlung staatlicher Institutionen zu widerstehen. Vielleicht sind die globalen Verbindungen inzwischen so vielfältig und so stark, dass sie sich letztlich nicht mehr kappen lassen. Vielleicht sind die Finanzmärkte so mächtig, dass sie populistischen Politikern ihre Grenzen aufzeigen.

Das Bild, das wir uns von der Zukunft machen, ist immer unsicher. Und meist ist das Ergebnis weder Schwarz noch Weiß, sondern irgendeine Schattierung von Grau.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung