Heiner Thorborg

Rentenalter Alle bekloppt - außer Gabriel

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Von Heiner Thorborg
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Wie länger arbeiten möchte, sollte dies über 67 hinaus tun dürfen - dann aber auch mehr Rente beziehen

Wie länger arbeiten möchte, sollte dies über 67 hinaus tun dürfen - dann aber auch mehr Rente beziehen

Foto: Stephan Scheuer/ picture alliance / dpa
Heiner Thorborg
Foto: Manuel Fischer

Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Die Bundesbank ist bekloppt, findet Sigmar Gabriel - denn unsere Währungshüter haben vorgeschlagen, das gesetzliche Rentenalter allmählich auf 69 Jahre anzuheben. Dann allerdings sind auch die Tschechen und Finnen von geistiger Schwäche befallen. Und erst die Portugiesen! Denn die - und noch sieben andere Nationen innerhalb der Europäischen Union - haben Gesetze, die den regulären Rentenbeginn weit nach hinten über das 65. Lebensjahr hinaus verschoben haben. Am weitesten gehen die Dänen: Die dürften sich im Jahr 2050 erst mit 72 Jahren regulär aufs Altenteil zurückziehen.

Wir müssen froh sein, dass Sigmar Gabriel lediglich Wirtschaftsminister ist und nicht Finanz- oder Außenminister, denn in Ämtern mit Außenwirkung kann man mit Massenbeleidigungen im Sinn von "alle sind blöd - außer ich!" großen Schaden anrichten. Wenn jedoch der BuWiMi ungefähr ein Drittel der EU als 'bekloppt' bezeichnet, kann man ihn getrost in freier Wildbahn belassen, ist er doch eher harmlos und fällt im Ausland kaum auf.

Gabriel hat gesagt, auf Ideen wie die Rente mit 69 könnten nur Banker der Zentralbank kommen: "Leute mit hohem Einkommen, geringer körperlicher Belastung, einer hohen Lebenserwartung und sehr großen Renten." Richtige Menschen, also Verkäuferinnen, Krankenschwestern oder Facharbeiter fänden sie - wie gesagt - 'bekloppt'.

Das muss bezweifelt werden, können doch auch Nicht-Banker rechnen. Die deutsche Bevölkerung altert, immer weniger Junge müssen also immer mehr Alte finanzieren - das weiß inzwischen nun wirklich jeder. Um die Alterssicherung für die arbeitende Bevölkerung bezahlbar zu machen, muss etwas passieren. Derzeit liegt das Rentenniveau (das ist das Verhältnis zwischen einer Standardrente und dem Durchschnittseinkommen der Erwerbstätigen im selben Jahr) bei 47,8 Prozent. Laut Bundesbank könnte eine Altersgrenze von 69 das Rentenniveau bei etwa 44 Prozent stabilisieren - aber auch das nur, wenn der Beitragssatz von derzeit 18,7 auf 24 Prozent steigen würde.

Wenn eine Lebenserwartung von 100 Jahren und mehr für ein heute geborenes Kind keine Zukunftsmusik mehr ist, sondern quasi medizinische Grundversorgung, wird es zur unbezahlbaren Illusion, Mitte 20 nach der Uni mit dem Arbeiten anzufangen und mit Mitte 50 schon wieder den Ausstieg zu planen. Überlegenswert ist daher der gemeinsame Vorschlag des Gesundheits- und Finanzministeriums: Das Renteneintrittsalter könnte nicht mehr starr vorgeschrieben, sondern an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Und die steigt ungefähr um 2,5 Jahre pro Dekade.

Gartenarbeit alleine macht nicht alle glücklich

Wohl wahr, wer Schicht- und Nachtarbeit leisten muss, kann längere Arbeitszeiten nicht immer verkraften. Doch so arbeiten nur rund 15 Prozent der Deutschen. Die anderen 85 Prozent sitzen mehrheitlich in einem Büro. Zudem verdrängen die Gewerkschaften, die regelmäßig für die Frühverrentung breiter Bevölkerungsschichten trommeln, dass es jede Menge Senioren gibt, die gerne arbeiten und bei guter Gesundheit keinen Grund sehen, damit aufzuhören, nur weil sie 60 oder 65 werden. Das zeigen auch die Zahlen: 2013 gingen mehr als 30 Prozent der 60- bis 65-Jährigen einem sozialversicherungspflichtigen Job nach.

Männer, die mit 65 aufhören, haben statistisch gesehen noch eine Lebenserwartung von etwa 20 Jahren. Sollen die alle nur Rosen pflegen, Enkel hüten und Fußball schauen? Es kann doch nur darum gehen, individuelle Regelungen zuzulassen. Flexibilität beim Rentenbeginn ist das richtige Stichwort, denn Gartenarbeit alleine macht nicht alle glücklich.

Vor allem gilt es, Abstand von der unter Betriebsräten und Unternehmen weit verbreiteten Haltung zu nehmen, dass für Menschen über 55 keine Weiterbildung mehr lohnt. Schließlich sind an den Unis viele Senioren, die aus reiner Begeisterung noch ein Studium absolvieren oder eine Dissertation schreiben. Wenn den Unternehmen wegen mangelnder Geburtenraten die Jungen ausgehen, macht es doch nur Sinn, die Älteren weiterzubilden und länger zu beschäftigen.

Wer länger arbeitet, sollte am Ende auch eine höhere Rente bekommen

Insgesamt wäre ein unbürokratischer Ansatz der gesündere: Wer körperlich fit ist und arbeiten will, sollte das auch dürfen. Wer Mitte 50 nur noch Golf spielen mag, ebenfalls. Allerdings nicht einseitig zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung. Die Kosten müssen auch vom Individuum mitgetragen werden - und umgekehrt muss gelten: Wer länger arbeitet, sollte am Ende auch eine höhere Rente bekommen. Dafür ließe sich für Herrschaften über 63 die Arbeitslosenversicherung abschaffen.

So haben Schweden, Polen, Letten und Italiener bereits ein System, in dem die Beschäftigten ihr Rentenalter frei wählen können und dann eine geringere oder höhere Rente bekommen, abhängig von ihren Einzahlungen. Bei uns dagegen übertrumpfen sich die Politiker vom intellektuellen Format eines Sigmar Gabriel mit Vorschlägen, das Rentenniveau bei 45 oder sogar 50 Prozent einfach festzuschreiben. Das ist ungefähr so hilfreich, wie gesetzlich festzuschreiben, dass Gletscher bei steigenden Temperaturen nicht mehr abschmelzen dürfen. Nach Gabriel die Sintflut.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.