Druck auf Remdesivir-Hersteller Gilead 10 Dollar oder 4500 Dollar - die Preisfrage des Covid-Heilmittels

Eine Ampulle des Medikamentes Remdesivir für klinische Versuche am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf

Eine Ampulle des Medikamentes Remdesivir für klinische Versuche am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf

Foto: Ulrich Perrey / dpa-Pool / dpa

Gilead Sciences könnte zu den größten Gewinnern der Corona-Krise zählen. Der Börsenwert  des kalifornischen Pharmakonzerns ist seit Jahresbeginn um ein Viertel auf mehr als 100 Milliarden Dollar gestiegen, getrieben vor allem von der Hoffnung auf Remdesivir.

Die von Gilead patentierte Arznei ist die einzige, die bisher in großen kontrollierten Studien einen Nutzen in der Behandlung von Covid-19-Patienten beweisen konnte - wenn auch nur einen bescheidenen. Die National Institutes of Health der USA bestätigten in der vorigen Woche, dass die Behandlungsdauer dank des Mittels um vier Tage verkürzt werden könne. Auf die Sterberate hatte die Arznei jedoch kaum Einfluss.

Dennoch gibt es jetzt einen Run auf das Mittel, zumal die geprüften Alternativen wie Bayers Malaria-Medikament Chloroquin eher enttäuschten. Zumindest solange kein Impfstoff existiert, könnte Remdesivir die beste Hoffnung bieten, die Pandemie ohne weiteren Lockdown in den Griff zu bekommen.

Fotostrecke

China beginnt klinische Tests, Pharmariesen kooperieren: Wer an der Impfung gegen Covid-19 arbeitet

Foto: Gonzalo Fuentes / Pool / Reuters / AP / dpa

Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock nennt den Einsatz von Remdesivir "den größten Fortschritt in der Behandlung des Coronavirus seit Beginn dieser Krise". Die EU-Arzneimittelbehörde EMA weckte Hoffnung auf eine schnelle kommerzielle Zulassung. Selbst unter Chloroquin-Fan Donald Trump setzen die US-Behörden jetzt voll auf Remdesivir.

Gilead hat einen Ruf für die "1000-Dollar-Pille"

Damit wird aber eine andere Frage drängender: Was soll und darf das Heilmittel kosten? Die ersten 1,5 Millionen Dosen für klinische Studien und Notvergabe an Corona-Patienten hat Gilead an Staaten weltweit gespendet. Nach Firmenangaben reicht das bis Ende Mai. Genau jetzt also könnte die Firma beginnen, ihr Patentmonopol auszunutzen.

"Wir werden einen Ansatz verfolgen, der von den Prinzipien der Erschwinglichkeit und des Zugangs geleitet wird", dämpfte CEO Daniel O'Day auf der Hauptversammlung Anfang Mai die Hoffnungen der Aktionäre auf saftige Preise. Die Firma teilte mit, in diesem Jahr einen Milliardenbetrag in die Produktion zu investieren - und, dass sie mit kritischen Blicken der Öffentlichkeit auf ihr Geschäftsmodell und Preispolitik rechne.

Die denkbare Spanne ist weit. Zum Selbstkostenpreis könnte Gilead die Packung für eine zehntägige Remdesivir-Behandlung laut einer Studie des Institute for Clinical and Economic Review  schon für zehn Dollar anbieten. "Kosteneffektiv" wäre laut derselben Studie aber auch ein Preis von 4500 Dollar - das heißt, so groß wäre der volkswirtschaftliche Nutzen des Einsatzes; vereinfacht gesagt, weil jeder Tag, den ein Corona-Patient früher aus dem Krankenhaus entlassen wird, einen Arbeitstag bedeutet.

Doch könnte Gilead tatsächlich eine vierstellige Summe verlangen? Das erinnert an die "1000-Dollar-Pille" Sovaldi gegen Hepatitis C, mit der das Unternehmen 2013 in den kritischen Blick der Öffentlichkeit geriet. Die deutschen AOK warnten, dieses eine Medikament könne ein Viertel des Arzneimittelbudgets der Krankenkassen aufzehren. So kam es dann doch nicht.

Seit vergangenem Jahr befindet sich Gilead im Rechtsstreit mit dem US-Justizministerium um das Patent auf das HIV-Präventionsmittel Truvada, das laut Listenpreis 20.000 Dollar im Jahr kostet. 2,4 Millionen Flaschen jährlich stellt das Unternehmen nun einem staatlichen Programm zur Verfügung - nicht gratis, sondern gegen einen höheren Betrag für die Produktionskosten. Eigentlich aber will der Staat sein eigenes Patent als Truvada-Erfinder durchsetzen, dann hätte Gilead überhaupt keinen Anspruch.

Wie viel Einsatz der Staat für Remdesivir zeigte - und wie wenig der Konzern

Genauso könnte es auch im Fall Remdesivir kommen, und die Story vom Corona-Gewinner Gilead würde zusammenbrechen. "Ohne direkte Staatshilfe wäre Remdesivir wohl auf dem Schrotthaufen erfolgloser Arzneien geblieben", argumentiert der Kongressabgeordnete Lloyd Doggett. Die New York University hat ein Rechtsgutachten erstellt, laut dem der Staat Patentansprüche als Miterfinder anmelden könnte. Die Organisation Public Citizen hat öffentliche Investitionen von mindestens 70 Millionen Dollar in die Remdesivir-Forschung gezählt.

Ein Bericht der "Washington Post"  führt aus, wie viel Einsatz staatliche Stellen für die Entwicklung des Medikaments zeigten - und wie wenig der Konzern. Zwar entwickelte Gilead den Wirkstoff um 2009 selbst (gedacht als Hepatitis-Mittel), gab das Vorhaben aber schnell auf. 2013 holte der damalige Gilead-Forscher Robert Jordan den Stoff ebenso wie einige andere eingemottete Arzneien aus dem Archiv - aber nicht als Teil seines Jobs, sondern als genehmigtes Nebenprojekt ohne kommerzielles Interesse.

Die eigentliche Arbeit und die Kosten übernahmen dem Bericht zufolge mehrere staatliche Institute. Die Idee, auch auf Ebola und andere Viren zu testen, hatte ein Forscher am Center for Disease Control in Atlanta.

"Der Job des Staats ist es, die Industrie erfolgreich zu machen"

Die Wirksamkeit belegten Versuche an Affen in einem Labor der US-Armee. Der entscheidende Aufsatz  in der Zeitschrift "Nature" wurde unter anderem von Sina Bavari verfasst, dem damaligen Forschungsleiter des US Army Medical Research Institute of Infectious Diseases. Ein Patent zu beantragen, sei ihm aber nie in den Sinn gekommen, sagte Bavari nun der "Washington Post". Sowas verderbe nur unnötig die guten Beziehungen. "Der Job des Staats ist es, die Industrie erfolgreich zu machen, und dann haben wir alle etwas davon."

Eine Großstudie während der Ebola-Epidemie im Kongo 2018/2019 wurde von den National Institutes of Health finanziert - auch, nachdem Remdesivir zugunsten anderer, besserer Medikamente aussortiert wurde.

Das Investment könnte sich lohnen, wenn dank der staatlichen Ebola-Forschung jetzt ein Covid-Heilmittel zur Verfügung steht. Aber dank des alleinigen Patents ist Gilead theoretisch in der Preissetzung frei und muss keine Konkurrenz fürchten.

"Es gibt eine einfache und offensichtliche Lösung für dieses Problem", meint der Ökonom Dean Baker  vom Center for Economic and Policy Research in Washington. Der Staat könne das Gilead-Patent auf Remdesivir einfach in die Public Domain stellen. Der Konzern würde mit beispielsweise 10 Prozent entschädigt, sofern dieser nachweisen kann, dass seine eigenen Forschungskosten die der öffentlichen Hand übersteigen. "Gilead erhält einen respektablen Gewinn, und Remdesivir ist billig. Sind alle zufrieden?"

Die Chinesen haben ihre eigene Lösung für das Problem gefunden. Schon im Januar meldete das staatliche Wuhan Institute of Virology ein eigenes Patent auf die Anwendung von Remdesivir gegen Covid-19 an. Das dürfte zwar auf einen Rechtsstreit mit Gilead Sciences hinauslaufen, weil der Konzern schon 2016 ein eigenes Patent in China beantragt hatte. Nur wurde dem Antrag noch gar nicht stattgegeben.