Sonntag, 18. August 2019

Gigantomanie Pimp my Containerschiff

Riesen der Meere: Die größten Containerschiffe der Welt
DPA

Das Wetteifern der führenden Reedereien der Welt lässt die Containerschiffe immer größer werden. Ein genauer Blick auf die Daten offenbart jedoch: Nicht alle Frachter sind tatsächlich so groß, wie behauptet. Es wird gemogelt.

Hamburg - Es gab einmal eine Zeit, da wurde in der Schifffahrt gepokert. Um die Konkurrenz zu bluffen, gaben die Reedereien nicht die wahre Kapazität ihrer Schiffe an, sondern eher eine nach unten korrigierte.

Das ist aber Vergangenheit. Seit einigen Jahren machen immer neue Meldungen über im Bau befindliche immer größere Containerschiffe die Runde. Wie es scheint, kann die Tragfähigkeit gar nicht groß genug sein. Ähnlich wie Städte und Länder um das höchste Gebäude der Welt konkurrieren, wetteifern auch die führenden Linienreedereien rund um den Globus darum, wer den größten Pott besitzt.

Wie der Brancheninformationsdienst "Alphaliner" beobachtet hat, geht es dabei allerdings nicht immer ganz mit rechten Dingen zu. Vielmehr ist aus der Pokerpartie mittlerweile offenbar so etwas wie ein Wettstreit der Prahlerei geworden: Die Kapazitätswerte der Schiffe steigen und steigen - und verlieren dabei mitunter auch gerne mal den Bezug zur Realität.

Dabei dreht sich alles um eine Kennzahl, die gemeinhin die Größe eines Containerschiffs angibt, nämlich die TEU-Zahl (TEU steht für "Twenty-foot Equivalent Unit", also einen Standardcontainer).

Jonglieren mit fiktiven Stellplätzen

Laut "Alphaliner" ist es unter Reedereien inzwischen gang und gäbe, bei der Berechnung der TEU-Zahl großer Containerschiffe zu mogeln. So beziehen die Schiffseigner in die offizielle Angabe der Tragfähigkeit der Frachter offenbar regelmäßig auch Containerstellplätze mit ein, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

"Alphaliner" berichtet etwa über die Reederei CSCL, die die Tragfähigkeit von fünf derzeit im Bau befindlichen Riesencontainerschiffen jüngst kurzerhand von 18.400 TEU auf 19.000 TEU nach oben gesetzt habe - und zwar ohne dass irgendetwas an den Bauplänen verändert worden sei (siehe Grafik links).

Ebenso habe die chinesische Werft CSSC kürzlich mitgeteilt, dass drei Containerriesen, die derzeit für CMA CGM gebaut würden, nun nicht mehr je 16.000, sondern plötzlich 17.859 Standardcontainer befördern könnten. Auch in diesem Fall wurde an den Abmessungen der Schiffe nichts geändert, wie "Alphaliner" bemerkt.

Dem Informationsdienst zufolge handelt es sich bei der zusätzlichen Kapazität um eine rein theoretische Höherbewertung des Stauraums auf Deck. An der tatsächlichen Transportfähigkeit der Schiffe ändere sich dadurch nichts. Ohnehin sei zu berücksichtigen, dass auf Deck, also oberhalb der Laderäume, aus Stabilitätsgründen zum größten Teil nur leere Container transportiert werden könnten.

Dafür, dass es sich bei einem Teil der offiziell angegebenen Schiffskapazität in TEU lediglich um Zahlenkosmetik handelt, sprechen auch andere Daten. So ist nach Angaben von "Alphaliner" die Tragfähigkeit der Welt-Containerschiffsflotte gemessen in TEU 2013 um 5,7 Prozent gestiegen. Gemessen in dwt, einem anderen Maß für die Kapazität von Frachtschiffen, betrug das Plus aber nur 4,9 Prozent.

Zwar nimmt die Relation zwischen dwt und TEU seit Jahrzehnten ab, schreiben die Experten (siehe Grafik links). Diesmal erscheine der Rückgang jedoch übertrieben. Der Grund sei, dass der größte Teil der Kapazitätsausweitung auf dem Jonglieren mit fiktiven Containerstellplätzen beruhe, die naturgemäß niemals tatsächlich genutzt werden könnten.

cr

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