Freitag, 18. Oktober 2019

Was die Landflucht mit Trump und Le Pen zu tun hat Wo sich Frust und Zorn gute Nacht sagen

Donald Trump: Seine Wähler sind meist weit weg von den prosperierenden Städten an den Küsten

Immer mehr ländliche Regionen geraten wirtschaftlich ins Hintertreffen. Das schlägt sich zunehmend auch politisch nieder: Das Reservoir der Rechtspopulisten wächst - und entscheidet Wahlen.

Aus der Idylle entspringt der Zorn. Wo man es eigentlich am wenigsten vermuten sollte, braut sich seit einiger Zeit ein politisches Beben zusammen: Ländliche Regionen entscheiden überraschend Wahlen, überraschen Experten und verändern den Kurs ganzer Nationen. Die Bürger in den Metropolen schauen fassungslos zu.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Wo findet der irrlichternde Donald Trump seine Unterstützer? Vor allem im Mittleren Westen und im Süden, weit weg von den prosperierenden Städten an den Küsten.

Wer stimmt für die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National? Vor allem das erdige, ländliche Frankreich ("la France profonde"), wo die Welt angeblich noch in Ordnung ist.

Warum hat sich eine Mehrheit der Briten gegen die EU-Mitgliedschaft entschieden? Weil die Bürger in den englischen Provinzen, abseits der Weltmetropole London, lieber für sich sein wollen.

Wer verhalf im osteuropäischen Wirtschaftswunderland Polen der nationaltönenden PiS-Partei zum Wahlsieg? Die Bevölkerung außerhalb der großen Städte, wo seither die Demonstrationen gegen den Rechtsruck nicht aufhören.

Wo fährt die AfD in Deutschland ihre größten Wahlerfolge ein? In relativ dünnbesiedelten Regionen Ostdeutschlands.

Die wirtschaftlichen Gegensätze zwischen Stadt und Land werden größer, überall auf der Welt. Jetzt schlagen sich die zunehmenden Differenzen auch politisch nieder.

Junge Leute zieht es in die Städte

Der Trend ist eine indirekte Folge der Globalisierung. In den Großstädten, den Knotenpunkten der Weltwirtschaft, ist die Produktivität viel höher; die Einwohner Londons beispielsweise produzieren pro Kopf fast das Fünffache des britischen Durchschnitts. Zunehmend konzentriert sich das Wirtschaftswachstum auf die Metropolregionen; so entfiel im vorigen Jahrzehnt auf den Großraum Paris rund die Hälfte der Steigerung des französischen Bruttoinlandsprodukts, hat die OECD ermittelt. Entsprechend höher sind dort die Löhne. Entsprechend wohlhabender sind Städter im Durchschnitt. Höher gebildet und zufriedener mit ihrem Leben sind sie obendrein.

So setzt ein selbst verstärkender Effekt ein: Junge, ambitionierte Leute zieht es in die größeren Städte, wo sich ihnen bessere Entfaltungschancen bieten. Auch Investitionen fließen bevorzugt in die Metropolen.

Das flache Land hingegen dünnt aus, ökonomisch und demographisch. Zurück bleiben abstiegsbedrohte Regionen, die sich, wenn es schlecht läuft, zu einer Parallelwelt entwickeln. Wo sich ein Lebensgefühl ausbreitet, das mit der Geist der Städte nur noch wenig gemein hat: ärmer, älter, pessimistischer - und entsprechend empfänglich für populistische Politstrategen.

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