Freitag, 22. November 2019

19 Stunden nonstop im Flugzeug  Qantas probt Weltrekordflüge - unter ärztlicher Aufsicht

A380 von Qantas: Die australische Airline will bald nonstop von London und New York nach Australien fliegen.

Die australische Airline Qantas macht ernst: Schon länger verfolgt das Unternehmen sein "Project Sunrise", in dessen Rahmen es Nonstop-Flüge von der Ostküste Australiens, also von Brisbane, Sydney oder Melbourne, bis nach London sowie New York anbieten will. Jetzt will Qantas drei Probeflüge durchführen, und zwar auf den Strecken New York/Sydney sowie London/Sydney. Auf diesen Testflügen will Qantas Daten sammeln und die Auswirkungen derart ultra-langer Flugreisen auf das Bordpersonal sowie Passagiere erforschen, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.

Laut Qantas werden die drei Testflüge, die im Oktober, November sowie Dezember stattfinden sollen, mit neuen Boeing 787-9-Maschinen ("Dreamliner") durchgeführt, deren Jungfernflüge zu diesem Zweck kurzerhand umgewidmet würden. Es werde das erste Mal sein, das eine kommerzielle Fluggesellschaft nonstop von New York nach Sydney fliege, heißt es in der Mitteilung. Die Strecke von London nach Sydney wurde den Angaben zufolge bisher erst einmal von einer Airline ohne Zwischenlandung geflogen, und zwar ebenfalls von Qantas im Jahr 1989, zum Dienstbeginn der Boeing 747-400 ("Jumbo-Jet").

Qantas taxiert die Dauer beider Flugstrecken auf etwa 19 Stunden. Die Nachrichtenagentur Bloomberg gibt in einer Übersicht indes eine Flugdauer von 20 Stunden und 20 Minuten für den Flug von London nach Sydney und von 18 Stunden und sieben Minuten für den Flug von New York nach Sydney an, wobei Bloomberg als Quelle wiederum auf Qantas verweist.

Um das Gewicht der Maschinen auf den Testflügen möglichst gering zu halten, will Quantas mit jeweils maximal 40 Personen an Bord starten, inklusive der Crew, wobei es sich bei den Passagieren vor allem um Mitarbeiter des Unternehmens handeln soll. Auf diese Weise solle auch sichergestellt werden, dass der Treibstoff für die lange Strecke ausreiche, so die Airline.

Ein entspannter Betriebsausflug dürfte allerdings keiner der drei geplanten Probeflüge werden. Laut Qantas sollen die Fluggäste in der Kabine tragbare technische Geräte mit sich führen. Damit sollen Daten etwa zum Schafverhalten, zum Konsum von Speisen und Getränken, zur physischen Aktivität und Bewegung innerhalb der Kabine sowie zur Nutzung des Bord-Entertainments gesammelt werden. Qantas hat sich zu dem Zweck eigens die Unterstützung von Medizinern und anderen Experten der Universität Sydney gesichert, die auf diese Weise auch Informationen über die Auswirkungen des Langzeitfluges auf Gesundheit, Wohlbefinden und die innere Uhr der Flugzeuginsassen erhalten wollen.

"Ultra-lange Flüge werfen viele Fragen auf zum Komfort und dem Wohlbefinden der Fluggäste", sagt Qantas-CEO Alan Joyce. Diese Flüge würden Daten von unschätzbarem Wert liefern, um Antworten darauf zu bekommen.

Laut Joyce sind Nonstop-Flüge von der australischen Ostküste nach London oder New York die letzte noch nicht überwundene Grenze in der Fliegerei. Keine Airline habe sich damit bislang so intensiv befasst wie Qantas.

Geht alles gut, will Qantas nach Angaben Bloombergs im Jahr 2022 Linienflüge auf beiden Strecken anbieten. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist aber noch offen, denn noch müssen einige Hürden überwunden werden. Ein Beispiel dafür sind die jetzt geplanten Probeflüge, ein anderes die Auswahl des Flugzeugtyps, der letztendlich auf der Ultra-Langstrecke eingesetzt werden soll.

Qantas zufolge haben sowohl der europäische Flugzeugbauer Airbus mit dem Modell A350 als auch US-Konkurrent Boeing mit der 777X jeweils Maschinen im Angebot, die die fragliche Distanz bewältigen könnten. Eine Entscheidung für eines der beiden Modelle soll im Dezember 2019 fallen, so die Airline. Allerdings meldete Boeing erst kürzlich Probleme bei seinem neuen Modell 777X. Wegen Schwierigkeiten mit den Triebwerken müssten Auslieferungen verschoben werden, teilte das US-Unternehmen vor wenigen Tagen mit.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Passend dazu äußert sich Qantas-CEO Joyce insgesamt mit eher gedämpftem Optimismus: "Es gibt viel Enthusiasmus für das 'Project Sunrise", so Joyce laut Mitteilung. "Aber es ist kein Selbstläufer." Letztendlich handele es sich um eine wirtschaftliche Entscheidung, und die müsse ökonomisch Sinn ergeben, so der Airline-Chef.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung