Samstag, 18. Januar 2020

Tesla-Konkurrent mit geringer Reichweite Wie die US-Behörden den Porsche Taycan schlechtrechnen

Der Porsche Taycan Turbo muss laut US-Tests deutlich früher an die Ladebuchse, als von Porsche versprochen
SPIEGEL ONLINE
Der Porsche Taycan Turbo muss laut US-Tests deutlich früher an die Ladebuchse, als von Porsche versprochen

Porsche verspricht für den Taycan Turbo bis zu 450 Kilometer Reichweite, die US-Umweltbehörde geht nur von 323 Kilometern aus - das wären über hundert Kilometer weniger als beim Tesla Model S. Woran liegt das?

Der Porsche Taycan sollte ursprünglich der Tesla-Jäger Nummer eins werden, die Turboversion startete mit beeindruckenden Werten: Null auf 100 km/h in 3,2 Sekunden und eine Reichweite von 381 bis 450 Kilometern - nach europäischen Standards. Im Verbrauchstest der US-Umweltbehörde EPA enttäuschte der Taycan Turbo jedoch mit einem hohen Energieverbrauch, der zu einer deutlich geringeren Reichweite von 323 Kilometern führte.

Das sorgte vor der Markteinführung in den USA vor allem in der Elektroautoszene für Spott, das Portal "EV Bite" verlieh dem Taycan gar den Titel des schlechtesten verfügbaren Elektroautos der Welt. Die Performance-Version des Tesla Model S P100 Long Range kommt im EPA-Test auf umgerechnet 600 Kilometer.

Doch woran liegt die massive Differenz? Nach Porsche-Angaben sorgen vor allem die andere Prüfzyklen für die stark unterschiedlichen Reichweiten. Während in Europa die Verbräuche neuer Modelle anhand der "Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure", kurz WLTP , gemessen werden, nutzt die Environmental Protection Agency (EPA) der USA ein eigenes Verfahren.

US-Werte sollen Heizung und Klimaanlage miteinrechnen

Beim sogenannten Multi-Cycle-Verfahren der EPA werden Fahrten im Stadtverkehr, aber auch auf dem Highway bei unterschiedlichen Ladezuständen simuliert. Zusätzlich soll der Test den Einfluss der Temperatur und damit auch der Heizung und der Klimaanlage auf den Verbrauch ermitteln, schließlich sollen die EPA-Angaben in sämtlichen Regionen der USA gelten.

"Der WLTP-Zyklus ignoriert Faktoren wie die Klimaanlage, die in die EPA-Werte einfließen", erklärt John German vom International Council on Clean Transportation (ICCT), einem unabhängigen Umweltforscherverbund, der 2015 den Dieselskandal aufdeckte. Im EPA-Test geschieht das bei Elektroautos mit einem auf den Wert 0,7 festgelegten sogenannten "Adjustment Factor", mit dem die Reichweite multipliziert wird. Denn die Reichweite wird, wie auch beim WLTP, auf einem Rollenprüfstand ermittelt - damit Stromfresser wie die Klimaanlage trotzdem berücksichtigt werden, gibt es den Adjustment Factor.

Taycan auf "Porsche-typische" sportliche Fahrweise ausgelegt

Porsche sieht das Problem noch woanders. Für das schwache Ergebnis des Taycan Turbo sorgte dem Hersteller zufolge vor allem die niedrige Höchstgeschwindigkeit im US-Test. Der spiegle im Gegensatz zum WLTP eher "typisch amerikanische Fahrgewohnheiten mit geringen Geschwindigkeiten und niedrigen Lasten wider", erklärte Porsche auf Anfrage.

Der Taycan sei aber bewusst auf hohe Effizienz bei "Porsche-typisch sportlicher Fahrweise" ausgelegt und erreiche deshalb im WLTP-Zyklus, der mit höheren Durchschnitts- und Maximalgeschwindigkeiten gefahren werde, bessere Verbrauchswerte. Im WLTP-Zyklus wird tatsächlich schneller gefahren, dort liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 131 km/h im Vergleich zu 96 km/h im US-Zyklus.

Auch im WLTP schneidet der Taycan schlechter ab

Doch auch im WLTP-Zyklus schneidet der Porsche im Vergleich zur Konkurrenz relativ schlecht ab. Stellt man dem Taycan die Performance-Version des Tesla Model S Long Range im WLTP-Zyklus gegenüber, ist der Unterschied beider Modelle bereits groß. Demnach hat der Tesla eine Reichweite von 610 Kilometern, der Taycan kommt lediglich auf einen Wert von 450 Kilometern.

Noch viel deutlicher fällt der Unterschied der beiden Modelle aber im EPA-Test aus. Der Verbrauch des Taycan Turbo lag im US-Test bei umgerechnet 30,4 kWh auf 100 Kilometern, was einer Reichweite von 323 Kilometern entspricht. Das Tesla Model S Long Range verbraucht für 100 Kilometer nach EPA-Standards nur 19,8 kWh, was wiederum einer Reichweite von 600 Kilometern entspricht. "Das deutet darauf hin, dass Porsche den Wagen entweder nicht für den Test optimiert hat, oder beim WLTP-Test des Wagens nur bestimmte Fahrmodi verwendet wurden", erklärt John German.

Denn beide Tests unterscheiden sich auch hinsichtlich der verwendeten Fahrzeugeinstellungen, so German. Der EPA-Test bezieht auch die unterschiedlichen auswählbaren Fahrmodi in den Test mit ein. Fährt man im Sportmodus, ruft das Fahrzeug deutlich mehr Leistung ab, der Verbrauch steigt. Der WLTP berücksichtigt diesen Mehrverbrauch jedoch nicht, sondern testet die Fahrzeuge nur im normalen Fahrmodus. Auch das sei laut German eine mögliche Erklärung für die unterschiedlichen Ergebnisse.

Test im Porsche-Auftrag ergab höhere Reichweite

Eine weitere Hürde des EPA-Tests: Die Testfahrzeuge müssen so ausgestattet werden, wie sie die meisten Kunden kaufen würden. Da Porsche viele Sonderausstattungen anbietet, die traditionell von vielen Kunden geordert werden, muss das Testfahrzeug damit auch ausgestattet werden. Das erhöht allerdings das Fahrzeuggewicht und damit auch den Verbrauch.

Porsche wollte die geringe Reichweite seines neuen Elektroflaggschiffs offenbar nicht auf sich sitzen lassen und gab ein eigenes Gutachten bei AMCI Testing in Auftrag. Demzufolge kommt der Taycan Turbo im Straßenverkehr Südkaliforniens umgerechnet 442 Kilometer weit - über 100 Kilometer weiter als im EPA-Verfahren. Dieser Test habe jedoch Schwächen, erklärt John German. Denn Angaben zur Temperatur und der Verkehrsdichte würden fehlen. "Moderate Temperaturen und freie Straßen führen in so einem Test jedoch zu stark überhöhten und unrealistischen Reichweiten", so German.

Außerdem wurde der Test im Fahrmodus "Normal" und mit der Klimaanlage im Ecomodus durchgeführt. Dieser Test spiegle deshalb kein typisches Fahrverhalten wider, bilanziert John German, "und führt zu einer sehr optimistischen Reichweitenangabe - insbesondere für einen Sportwagen wie den Porsche".

nef/spon

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