Großreederei in Not Pleite-Schiffe von Hanjin sollen nach Hamburg flüchten

Hanjin-Containerschiff im Hafen von Busan: Viele sichere Anlegeplätze gibt es für die Frachter der koreanischen Pleitereederei derzeit nicht

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Wird Hamburg zum sprichwörtlich sicheren Hafen für Containerschiffe der insolventen koreanischen Großreederei Hanjin Shipping? Die Pläne der Reederei gehen genau in diese Richtung.

Das Unternehmen, das vergangene Woche als erste Großreederei weltweit in der aktuellen Schifffahrtskrise Insolvenz anmelden musste, befindet sich in einer prekären Situation: Mehrere Dutzend seiner Schiffe sind vollbeladen rund um den Globus unterwegs und finden keine Häfen, die sie Anlaufen können, um ihre Ladung zu löschen.

Einerseits weigern sich Hafenbetreiber, die Fracht zu entladen, weil sie unsicher sind, ob sie dafür auch bezahlt werden. Andererseits drohen Hanjin-Gläubiger die Pötte buchstäblich an die Kette zu legen und ihren Forderungen gegen die Reederei auf diese Weise Nachdruck zu verleihen - ein etwas rüde erscheinendes Vorgehen, das aber in der maritimen Wirtschaft durchaus gang und gäbe ist.

Leidtragende in dieser Situation ist nicht nur die Reederei Hanjin Shipping, immerhin die Nummer eins der Branche in Südkorea und die Nummer sieben in der Welt, der es zusätzlich schwer gemacht wird, aus ihrer wirtschaftlichen Notlage herauszukommen. Probleme bekommen zunehmend vielmehr auch die Hanjin-Kunden, deren Waren sich auf den Schiffen befinden.

Spielzeug, Textilien, Unterhaltungselektronik - die Fracht auf den Containerschiffen von Hanjin dürfte vielfältig sein. Die Hersteller der Produkte jedoch eint der Zeitdruck: Schon jetzt haben sie das Jahresendgeschäft um das amerikanische "Thanksgiving" sowie Weihnachten im Blick und müssen dafür sorgen, dass ihre Angebote in Ländern rund um die Welt im Einzelhandel verfügbar sind. Eine Unterbrechung der Lieferkette wie durch die Hanjin-Pleite kann da sehr schnell sehr teuer werden.

Kein Wunder also, dass Hanjin händeringend nach Lösungen sucht. Immerhin geht es koreanischen Behörden zufolge inzwischen um 79 der insgesamt 141 Schiffe der Reederei, deren Betrieb momentan auf die beschriebene Weise gestört ist.

Zurückhaltende Töne aus dem Hamburger Hafen

Daher also die Idee mit Hamburg: Die Schiffe werden nun um Zuflucht in Häfen ersuchen, deren Regulatorien eine Arrestierung möglichst unwahrscheinlich erscheinen lassen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg mit Verweis auf Aussagen des stellvertretenden koreanischen Finanzministers. Als Beispiele nannte der Regierungsvertreter neben Busan in Südkorea sowie Singapur ausdrücklich auch den Hamburger Hafen.

Ob die Hanjin-Kapitäne mit entsprechenden Anfragen in der Hansestadt Erfolg haben werden, erscheint derzeit allerdings noch unklar. Ein Sprecher der HHLA, die den größten Teil des Güterverkehrs im Hamburger Hafen bewältigt, sagte zu Bloomberg lediglich, man beobachte die Situation aufmerksam. Eurogate, Hamburgs zweitgrößter Container-Terminalbetreiber, informierte seine Kunden per Website: Hanjin-Fracht, so das Unternehmen, werde ausschließlich gegen eine Erklärung zur Kostenübernahme bewegt.

Einen Teilerfolg konnte Hanjin unterdessen bereits in den USA erzielen. Ein Gericht in New Jersey gewährte dem Unternehmen dort einen beantragten Schutz vor Gläubigern, so dass nun zumindest die Möglichkeit besteht, US-Häfen ohne die Gefahr einer Arrestierung anzulaufen. Angesichts der großen Bedeutung der US-Konsumenten als Käufer asiatischer Waren dürfte das einige Hanjin-Kunden ein wenig aufatmen lassen.

Ebenfalls ein Lichtblick: Von Regierungsseite erhält Hanjin Notkredite in Höhe von 100 Milliarden Won (81 Millionen Euro). Zudem verhandele die Hanjin Group, der die Reederei gehört, mit Koreas größter Schiffsbank über weitere Finanzhilfen, wie asiatische Medien berichten.

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Ob die Mittel ausreichen, um die Störungen im Frachttransport zu beheben, ist allerdings unklar. Nach Berichten südkoreanischer Medien benötigt Hanjin Shipping schätzungsweise allein bis zu 600 Milliarden Won, damit die Containerladungen seiner Schiffe gelöscht werden können. Insgesamt drücken das Unternehmen - Stand Ende Juni - nach eigenen Angaben Schulden in Höhe von umgerechnet fast fünf Milliarden Euro. Nach dem Insolvenzantrag von Hanjin in der vergangenen Woche bleibt der Reederei nun Zeit bis zum 25. November, um einen Rettungsplan vorzulegen.

Deutsche Handelsflotte schrumpft um 25 Prozent

Dabei ist die Notlage von Hanjin für die gesamte Schifffahrtbranche ebenso schockierend wie symptomatisch. Wegen des schwachen Seehandels sowie Überkapazitäten steckt die maritime Wirtschaft weltweit seit Jahren in Schwierigkeiten. Das betrifft auch viele deutsche Reedereien.

"Rund drei Viertel der Weltschifffahrt sind in einer schwierigen Situation", sagt Thomas Rehder aus dem Präsidium des Verbands Deutscher Reeder (VDR). "Das betrifft nicht nur die Containerschifffahrt, sondern ebenso Gas- und Öltanker, Massengutfrachter und die Offshore-Förderindustrie."

Während in der Schifffahrt die Krise bereits ins achte Jahr geht, erleben zudem die Werften erst jetzt ihren Einbruch. Sie erhalten weltweit nicht einmal mehr halb so viele Aufträge wie im Vorjahr. Und für die Banken ist die Schiffsfinanzierung schon lange nicht mehr attraktiv; sie fassen die gesamte Branche nur noch mit ganz spitzen Fingern an.

Auch Uwe Beckmeyer (SPD), Maritimer Koordinator der Bundesregierung, sieht die Branche aktuell in "schwerem Wasser". Kein Wunder: Die deutsche Handelsflotte ist mittlerweile von einst 3900 auf weniger als 3000 Schiffe geschrumpft.

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Mit Material von Nachrichtenagenturen
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