Verpackungen, Hausbau, Auto Wo in der Wirtschaft am meisten Plastik verbraucht wird

Produkte des Konsumgüterkonzerns Nestlé: Verpackungen sind das Haupteinsatzgebiet für Plastik.

Produkte des Konsumgüterkonzerns Nestlé: Verpackungen sind das Haupteinsatzgebiet für Plastik.

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Das Plastik-Problem
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Milliarden Tonnen an Plastik wurden bereits produziert, für Verpackungen, als Baumaterial, als Grundstoff für besonders langlebige Produkte und vieles mehr. Doch Plastik vermüllt zunehmend den Planeten und wird zur Gefahr für die Menschheit. Lesen Sie alles über Produzenten, Verbraucher, Lösungsansätze.Weiterleitung zum Thema Plastik 

Wo in der Wirtschaft kommt eigentlich am meisten Plastik zum Einsatz? Welche Unternehmen sind die größten Verarbeiter und Verbraucher des Materials, ohne das die Welt inzwischen kaum noch vorstellbar scheint, und das aufgrund seiner Langlebigkeit doch vor allem beim Thema Müll- und Abfallentsorgung mittlerweile vielerorts so große Sorgen bereitet?

Das sind scheinbar einfache Fragen, die sich leicht beantworten lassen müssten. Doch ein genauer Blick zeigt: Das Thema ist umfangreich und komplex - und die betroffenen Firmen zeigen sich nicht unbedingt auskunftsfreudig.

Tatsächlich gibt es kaum einen produzierenden Wirtschaftszweig, in dem Plastik heute keine Rolle spielen würde, weder weltweit, noch in Deutschland. Entsprechend gigantisch erscheinen die Mengen des Kunststoffs, die bereits in die Welt gesetzt wurden.

Insgesamt etwa 8,3 Milliarden Tonnen Plastik wurden seit den 1950er Jahren rund um den Globus bereits produziert, haben US-Forscher in einer Studie herausgefunden. Lediglich 2,5 Milliarden Tonnen davon befinden sich demnach noch im Einsatz, während beinahe fünf Milliarden Tonnen auf dem Müll landeten oder inzwischen im Meer herumschwimmen dürften. Die Recyclingquote, so die US-Studie aus dem vergangenen Jahr, beträgt weltweit über den langen Zeitraum betrachtet nur etwas mehr als 7 Prozent.

Und die Einsatzgebiete? Nach Angaben der US-Forscher wurden mehr als 40 Prozent und damit der weitaus größte Teil des weltweit bisher produzierten Plastiks für Verpackungen verwendet, gefolgt von der Baubranche, Textilien sowie Konsum- und anderen Produkten. Allein 2015 entstanden der Untersuchung zufolge weltweit 146 Millionen Tonnen an Plastikverpackungen - und 141 Millionen Tonnen an Plastikverpackungsmüll.

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Verpackung, Bau, Auto und Co: Diese Branchen verarbeiten am meisten Plastik

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Die größten Verarbeiter und Verbraucher von Plastik, so scheint es, dürften sich also dort finden lassen, wo am meisten Plastikverpackungen benutzt werden. Auch Marktdaten aus Europa und Deutschland legen diese Vermutung nahe. Dem Branchenverband PlasticsEurope zufolge beispielsweise erzielte die gesamte Plastik-Industrie innerhalb der EU - von der Produktion über die Verarbeitung bis zum Recycling - allein im Jahr 2016 einen Gesamtumsatz von 350 Milliarden Euro.

Warum die Baubranche zweitgrößter Plastikverbraucher ist

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Etwa 50 Millionen Tonnen Plastik wurden demnach europaweit in jenem Jahr verarbeitet, und zwar mit etwa 40 Prozent wiederum zum größten Teil zu Verpackungen. Die Baubranche sowie die Autoindustrie folgen mit 20 sowie 10 Prozent.

In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: Einer Studie zufolge, die verschiedene Branchenverbände 2015 in Auftrag gegeben hatten, landeten rund 35 Prozent der hierzulande in jenem Jahr verarbeiteten etwa zwölf Millionen Tonnen Plastik in Verpackungen. Auf das Baugewerbe entfielen knapp 23 Prozent der verarbeiteten Menge, gefolgt von der Automobilbranche (10,5 Prozent), dem Bereich Elektro und Elektrotechnik (6 Prozent) sowie Haushaltswaren, Spielzeugen, Möbeln und anderen.

Was das wiederum in Euro und Cent bedeutet, zeigen Zahlen des Gesamtverbandes Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) mit Sitz in Bad Homburg. Demnach setzte die Plastikbranche hierzulande im vergangenen Jahr insgesamt 63,7 Milliarden Euro um, was einem Plus von fast 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. 14,75 Milliarden Euro davon entfielen auf die Verpackungsindustrie, und mit 20,1 Milliarden Euro bemerkenswerter Weise der höhere Betrag auf die Baubranche.

Dennoch: Wichtigstes Einsatzgebiet für Kunststoff in Deutschland wie in Europa ist die Verpackung, wie auch Michael Herrmann, Sprecher von PlasticsEurope, gegenüber manager magazin online bestätigt. "Dabei geht es nicht nur um Verpackungen etwa für empfindliche Lebensmittel, für Arzneimittel oder für medizinische Gegenstände wie Spritzen, bei denen die Verpackung für Sterilität sorgt, sondern auch um den Schutz technischer Güter", so Herrmann.

Der Verbandssprecher hebt die Bedeutung der Plastikverpackung insbesondere im Lebensmittelbereich hervor. "Man geht heute davon aus, dass in Europa ein bis 2 Prozent der Lebensmittel verderben, bevor sie den Verbraucher erreichen", sagt er. "In Entwicklungsländern sind es bis zu 50 Prozent."

Auch die Tatsache, dass die Baubranche in Sachen Kunststoffnachfrage auf Platz zwei liegt, kann Herrmann erklären: "Hier werden aus unterschiedlichen Kunststoffen etwa Kabelummantelungen, Rohre in verschiedensten Dimensionen und Durchmessern, Isolierungen für Dächer und Wände, Kunststoffprofile, aus denen wiederum Fenster entstehen, und vieles mehr gefertigt", sagt er.

Dabei liege die Nutzungsdauer im Baubereich bei 30 bis 50 und mehr Jahren, so der Fachmann. "Die Verwendung von Kunststoff für Produkte und die Produktion von Plastikmüll haben also per se wenig miteinander zu tun", so Herrmann, der in dem Zusammenhang auch auf die in Deutschland hohe Recyclingquote von mehr als 90 Prozent verweist.

Die gilt allerdings nur in Bezug auf jenen Müll, der ordnungsgemäß entsorgt wird. Inklusive all jener Abfälle, die auf Irrwegen ihrem Ende entgegensehen, dürfte auch in Deutschland die Recyclingquote kaum mehr als 60 oder 70 Prozent betragen - wenn überhaupt.

Bleibt weiterhin die Frage: Welche Unternehmen verarbeiten und verbrauchen nun tatsächlich am meisten Plastik? Weder den Geschäftsberichten von Konzernen noch deren Websites ist dazu Stichproben zufolge in der Regel viel Konkretes zu entnehmen. Von PlasticsEurope oder vom GKV waren auf Anfrage ebenfalls keine unternehmensspezifischen Informationen zu bekommen.

Greenpeace wählt einen anderen Rechercheweg

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Verpackung, Bau, Auto und Co: Diese Branchen verarbeiten am meisten Plastik

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"Die Schwierigkeit liegt darin, dass Kunststoffe praktisch überall eingesetzt werden", so Herrmann. "Wen sollte man nennen? Adidas  , BMW  , Mercedes, Airbus , Schüco? Alle setzen Kunststoff in großem Maße ein. Der WM-Ball: 100 Prozent Kunststoff, der Pkw heute 15 Prozent Kunststoff."

Auch Unternehmen, die manager magazin online direkt angeschrieben und um Auskunft über ihren Plastikverbrauch gebeten hat, halfen kaum weiter. Der Spielzeughersteller Lego zum Beispiel: Verweist in einem Statement auf seine Investitionen in die Entwicklung neuer, nachhaltiger Rohstoffe sowie auf die anstehende Markteinführung erster Lego-Elemente aus pflanzlichem Kunststoff.

Das in Verpackungen verwendete Plastik, so Lego weiter, sei 2018 reduziert worden. Darüber hinaus könnten zu dem Thema jedoch keine weiteren Informationen geteilt werden.

Ähnlich sind die Reaktionen führender Konsumgüterhersteller, die allein aufgrund des umfangreichen Einsatzes von Plastikverpackungen in der Branche ebenfalls zu den großen Verarbeitern des Kunststoffs gehören dürften. Weder Nestlé , Unilever  oder Procter & Gamble , noch Henkel  oder Beiersdorf  beantworteten Fragen von manager magazin online zur exakten Größenordnung des bei der Produktion und Verpackung eingesetzten Plastiks, zum Anteil der Aufwendungen für Plastik am Gesamtumsatz oder zu den Haupteinsatzbereichen für Plastik von Seiten des Unternehmens.

Die Konzerne beteuern allerdings, dass ihnen das durch den Plastikausstoß entstehende Müllproblem bewusst sei, und verweisen auf Programme und Investitionen, mit denen sie eigenen Angaben zufolge bereits dagegen vorgehen.

Ausschließlich Henkel konnte mit einer Zahl dienen: Insgesamt beliefen sich die Verpackungsmaterialien von Henkel im Jahr 2017 auf rund 871.000 Tonnen, heißt es in einer Mail des Unternehmens. Davon entfielen 52 Prozent auf Plastik, 40 Prozent auf Papier, 7 Prozent auf Metall und 1 Prozent auf Glas.

Wer bei der Frage nach den großen Verbrauchern von Plastik - und damit grundsätzlich auch den großen Verursachern von Plastikmüll - weiterkommen will, muss also offenbar andere Wege der Recherche beschreiten. Das hat die Umweltorganisation Greenpeace getan .

Mit einer Hundertschaft an Helfern knöpfte sich die Organisation im vergangenen Jahr einen offenbar besonders stark vermüllten Strandabschnitt auf einer Insel vor der philippinischen Hauptstadt Manila vor. Die Greenpeace-Leute sammelten dort eigenen Angaben zufolge binnen acht Tagen mehr als 54.000 Stücke Plastikmüll ein und sortierten diese. Die anschließende Auswertung ergab ein Ranking der Hauptverursacher von Plastikmüll zumindest an jenem Strandabschnitt am pazifischen Ozean.

Und siehe da: Mehr als 9000 der gefundenen Plastikmüllteile stammten vom Konsumgüterriesen Nestlé, der damit auf Platz eins der Rangliste der Strandverschmutzer landete. Platz zwei belegte mit Unilever (rund 5900 Teile)ebenfalls ein weltweit agierender Konzern. Und auch Procter & Gamble sowie Colgate Palmolive fanden sich unter den "Top Ten".

Damit ist die Frage nach den größten Verarbeitern und Verbrauchern von Plastik zwar nach wie vor nicht abschließend beantwortet. Es gibt aber zumindest weitere, ernstzunehmende Hinweise darauf, wo man diese wohl zu vermuten hat.

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