Freitag, 23. August 2019

Industrie wehrt sich gegen Plastikverbote Wie sich die Plastikindustrie zurückmeldet

Anti-Plastik-Kunstwerk in Mailand

Wer das Handwerk der Krisen-PR lernen will, findet derzeit kaum einen besseren Übungsfall als in der Plastikindustrie. In kurzer Zeit hat das Nischenthema Meeresmüll einen zentralen Platz in der Öffentlichkeit bekommen. Weit mehr als 100 Länder versuchen das Problem mit Verboten oder Steuern in den Griff zu bekommen. Die Branche ist in der Defensive.

Geradezu demütig kommt der Branchenverband Plastics Europe daher, dessen deutsche Sektion in einer eigenen Pressemeldung auf den neuen "Plastikatlas" des Umweltverbands BUND und der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung aufmerksam macht. "Industrie nimmt Kritik an - viele Maßnahmen bereits eingeleitet", lautet der Titel. Nicht viel forscher, fleht der Verband der Chemischen Industrie: "Kunststoffe nicht pauschal diskriminieren".

Stolz ist die Industrie auf die von mehreren Konzernen zu Jahresbeginn gebildete "Allianz gegen Plastikmüll in der Umwelt", die Milliarden in besseres Recycling investieren will. Was bleibt ihr auch anderes übrig?

Wie ein Bericht des "Wall Street Journal" (kostenpflichtig) zeigt, beginnt sich die Lobby pro Plastik durchaus wieder zu regen. "Wir haben unseren Einsatz kräftig hochgefahren", zitiert die Zeitung Matt Seaholm, Chef der American Progressive Bag Alliance (APBA), die sich gegen Verbote von Einweg-Plastiktüten wehrt. In großen US-Staaten wie Kalifornien oder New York hat sie schon verloren. In 13 anderen Staaten aber wurden - wie beispielsweise in Florida - lokale Vorschriften per Gesetz für fünf Jahre gestoppt. Bevor man Strohhalmen oder Wegwerfgeschirr den Garaus mache, müssten zuerst sorgfältig die Folgen geprüft werden.

Die Plastiklobby bestreitet nicht, dass ihre Produkte in der Umwelt ernsten Schaden anrichten. Ihr wichtigstes Argument jedoch: Die Alternativen könnten alles noch schlimmer machen. Im texanischen Austin würden seit dem Verbot von Einweg-Plastiktüten 2013 die dickeren Mehrweg-Plastiktüten die Kanalisation verstopfen.

Als Supertrumpf verweist die APBA auf eine Studie des britischen Umweltamts (PDF), derzufolge leichte Plastiktüten im Vergleich am wenigsten Klimaschaden anrichten. Papiertüten müsse man schon - unrealistischerweise - viermal verwenden, Baumwolltaschen sogar 173-mal, um den CO2-Ausstoß auf das Niveau einer Einweg-Plastiktüte zu bringen.

Die Studie stammt aus dem Jahr 2011 und stützt ihre Annahmen auf Daten von 2006, ist aber wirkungsvoll: Die Zahlen kursieren auch schon an deutschen Supermarktkassen. Das Klima riskieren, um die Meere zu schützen? Das Ausspielen verschiedener Umweltziele gegeneinander dürfte zwar wie im Fall der Atomkraft nicht weit führen. Mit dem Säen von Zweifeln lässt sich aber zumindest Zeit gewinnen - vor allem, wenn sie begründet sind und dann auch noch von unverdächtiger Quelle kommen.

So kommentiert auch Plastics Europe den Plastikatlas: Zurzeit werde "der Trugschluss genährt, dass Konsum automatisch nachhaltig wird, wenn man nur die Plastikverpackung weglässt". Oft sei aber das Gegenteil der Fall.

Zur EU-Plastikstrategie hat der Verband den gleichen Ton angeschlagen: Zuerst anerkennen, dass der Meeresmüll eine globale Herausforderung darstellt und inakzeptabel ist; dann Zweifel an der einfachen Lösung einbringen und einen umfassenden Vergleich zur Ökobilanz anderer Produkte verlangen.

Zudem forderte Plastics Europe, das Verbot auf eine Positivliste der zehn am häufigsten am Strand gefundenen Abfallprodukte zu beschränken (was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt). Weitergehende Gesetze der Mitgliedstaaten sollten wegen des EU-Binnenmarkts gestoppt werden. Und das Verursacherprinzip, nach dem die Hersteller der Verpackungen den Schaden bezahlen müssen, wollte der Verband auch nicht. Das intensive Lobbying brachte jedoch nur begrenzten Erfolg.

Eine besondere Rolle spielt der Dax-Konzern Covestro Börsen-Chart zeigen, erst 2015 von Bayer abgespalten mit dem rasch wachsenden Verkauf von Plastik - pardon: "hochwertigen Polymer-Werkstoffen" - als Wachstumsstory. Das Leverkusener Unternehmen stellt zwar vor allem langlebige Produkte beispielsweise für Autos oder Gebäude her, hat also mit dem hauptsächlich kritisierten Einweg-Plastik wenig zu tun. Die Image-Probleme bekommt aber auch Covestro zu spüren.

Das "Handelsblatt" berichtet von einer Reise des Covestro-Chefs Markus Steilemann nach Indien - eines wichtigen Wachstumsmarkts, der aber noch restriktiver als die Europäer die Plastikflut eindämmen will. "Ich habe auf einer Konferenz hier gesagt, dass Plastik das Material des 21. Jahrhunderts ist", sagte der Manager. "Die Menschen haben darauf so reagiert, als wäre ich auf dem falschen Planeten." Ein indischer Geschäftspartner habe gescherzt, Steilemanns "High-Tech"-Visitenkarte aus Plastik dürfe er wohl nicht annehmen.

"Die Welt hat kein Kunststoffproblem", verteidigte sich Steilemann jüngst im "Tagesspiegel"-Interview. "Sie hat ein Problem mit dem Abfallmanagement." Eine "wirklich effektive globale Zirkulärwirtschaft" müsse dringend angegangen werden. Covestro selbst gehe mit gutem Beispiel voran: indem man sogar das Klimagas CO2 selbst als Grundstoff anstelle von Erdöl nutze und so aus der Atmosphäre ziehe. Matratzenschaum und Turnhallenböden auf CO2-Basis sind schon im Handel, viele weitere Produkte sollen folgen.

Nullenergiehäuser, Leichtbau von Fahr- und Flugzeugen - all das sei "kostengünstig ohne Kunststoffe nicht vorstellbar". Die Plastikindustrie will lieber Lösung als Problem sein.

Plastik ist leichter, flexibler, reiner, beständiger und vor allem günstiger als die gängigen Naturmaterialien - diese Vorteile werden reihenweise auch auf Plastik-kritischen Websites aufgezählt.

Die wohl wirksamste Gegenwehr zum Anti-Plastik-Kurs kommt ohnehin nicht von der Industrie selbst, sondern von Endkunden, die den Wandel ablehnen. In Australien kam es zu Tumulten, als eine Supermarktkette Einwegtüten aus dem Sortiment nahm. Und McDonald's erntete mit dem Wechsel zu Papierstrohhalmen in Großbritannien eine Petition mit hunderttausenden Stimmen. Daraufhin blieb die Burger-Kette doch lieber beim Plastik.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung