Mengen, Kosten, Recycling Die zehn wichtigsten Fakten zur Plastik-Plage

Plastikmüll soweit das Auge reicht: Die Aufnahme stammt aus Bangladesch, doch sie steht symbolisch für die Zustände vielerorts auf der Welt.

Plastikmüll soweit das Auge reicht: Die Aufnahme stammt aus Bangladesch, doch sie steht symbolisch für die Zustände vielerorts auf der Welt.

Foto: imago/ZUMA Press
Das Plastik-Problem
Foto: [M] Charlie Abad via Getty Images

Milliarden Tonnen an Plastik wurden bereits produziert, für Verpackungen, als Baumaterial, als Grundstoff für besonders langlebige Produkte und vieles mehr. Doch Plastik vermüllt zunehmend den Planeten und wird zur Gefahr für die Menschheit. Lesen Sie alles über Produzenten, Verbraucher, Lösungsansätze.Weiterleitung zum Thema Plastik 

Plastik hat die Welt im Sturm erobert - und wird nun zunehmend zum Problem für die Menschheit. Milliarden Tonnen des praktischen Werkstoffs wurden in den vergangenen Jahrzehnten produziert und verarbeitet, in Form von Verpackungen, beim Bau von Häusern und Infrastruktur, bei der Produktion zahlloser Güter des täglichen Bedarfs und zu unzähligen weiteren Zwecken.

Doch inzwischen ist klar: Aufgrund seiner Langlebigkeit entwickelt sich Plastik zu einer immer größeren Plage für den gesamten Planeten. Vor allem Flüsse, Seen und Ozeane sind schon heute voll von Plastikmüll, der sich erst nach Jahrzehnten allmählich in seine Bestandteile auflöst, und auch dann noch eine Gefahr für Mensch und Tier darstellt.

manager magazin online hat in den vergangenen Tagen in verschiedenen Texten, Bildern und per Video ausführlich über das globale Plastik-Problem informiert. Zum Abschluss unseres Themenschwerpunkts kommen nun noch einmal die wichtigsten Fakten im Überblick - dies müssen Sie über die Plastik-Plage wissen:

8,3 Milliarden Tonnen Plastik - ein Material mit Vor- und Nachteilen

Einer Studie von US-Forschern zufolge wurden seit Beginn der industriellen Plastikproduktion im großen Stil - das war etwa 1950 - insgesamt 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert und in die Welt gesetzt. Der Vormarsch des Materials gründet sich auf seine ökonomischen und technischen Vorteile: Die Plastikproduktion ist vergleichsweise kostengünstig und das Material ist ungemein vielseitig. Es kann mit großer Härte hergestellt werden, und ist dabei dennoch - etwa im Vergleich zu Metallen - relativ leicht. Plastikscheiben machen einen weiteren Vorzug deutlich: Sie sind klar wie Glas, aber deutlich weniger zerbrechlich.

Auch die Langlebigkeit des Plastiks ist oft ein Vorteil, beim Hausbau etwa oder bei der Produktion von Gütern mit besonders langer Nutzungsdauer. Zum Nachteil wird sie dagegen, wenn Plastik wie so oft in den Abfall gerät.

Der Studie der US-Forscher zufolge beispielsweise werden 2,6 Milliarden Tonnen des bislang produzierten Plastiks bis heute genutzt. Weitere 800 Millionen Tonnen wurden etwa zwecks Energiegewinnung verbrannt. Und ganze fünf Milliarden Tonnen Plastik befinden sich der Studie zufolge im Müll. Das heißt, sie liegen auf Deponien in der freien Natur oder schwimmen im Meer herum, und belasten die Umwelt.

350 Milliarden Euro Umsatz - die Plastikbranche in Europa

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Kunststoff stellt heute einen gewaltigen Wirtschaftsfaktor dar. Das Material, das unter dem gängigen Schlagwort "Plastik" zusammengefasst wird, umfasst in Wahrheit hunderte verschiedener Stoffe, die mit den unterschiedlichsten Zusammensetzungen und Eigenschaften in beinahe allen Bereichen der Wirtschaft zum Einsatz kommen. Grundlage der Produktion ist in der Regel Öl, Gas oder Kohle, wobei der Verband Plasticseurope darauf hinweist, dass lediglich etwa 4 bis 6 Prozent des gesamten europäischen Verbrauchs an Öl und Gas auf die Plastikproduktion entfällt.

Dennoch hängt daran ein gewaltiger Wirtschaftszweig. Allein in Europa beschäftigt die Plastikindustrie in 60.000 Unternehmen - vom Hersteller der Rohmaterialien bis hin zum Recycler sowie zum Anbieter von Plastikverarbeitungsmaschinen - mehr als 1,5 Millionen Menschen, so Plasticseurope. Der Gesamtumsatz der Branche: 350 Milliarden Euro im Jahr 2016.

In Deutschland setzte die Plastikbranche laut Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) im Jahr 2017 insgesamt 63,7 Milliarden Euro um.

95 Prozent weniger Tüten - was Plastiksteuern und -verbote bringen

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Um gegen das Problem mit dem Plastikmüll vorzugehen, erscheint es sinnvoll, etwas gegen Plastiktüten zu unternehmen. Sie werden täglich weltweit zu Millionen eingesetzt und stellen für viele Menschen einen besonders leicht vermeidbaren Berührungspunkt mit Plastik dar. Plastiktüten stehen stark in der Kritik, weil sie in der Regel nur sehr kurz genutzt und danach schnell entsorgt werden.

Ein Verbot von Plastiktüten erließ als erstes Land weltweit im Jahr 2002 Bangladesch. Seither hat das Beispiel Schule gemacht, inzwischen sind Plastiktüten in mehr als 30 Ländern nicht mehr erlaubt. Auch in der Europäischen Union wird ein solches Verbot immer wieder diskutiert, bislang allerdings ergebnislos. Demnächst will die EU vielmehr den Verkauf von Plastik-Utensilien wie Gabeln, Messer, Löffel, Strohhalmen und dergleichen untersagen. In Deutschland gibt es Plastiktüten seit einiger Zeit immerhin nicht mehr kostenlos.

Auch eine Plastiksteuer ist EU-weit im Gespräch. Wie gut so etwas gegen die Nutzung von Plastiktüten helfen kann, zeigt das Beispiel Irlands: Dort sank der Tütenverbrauch seit Einführung einer Plastiktütensteuer um sage und schreibe 95 Prozent.

35 Prozent allen Plastiks steckt in Deutschland in Verpackungen

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Haupteinsatzgebiet des weltweit produzierten Plastiks sind Verpackungen. In Deutschland etwa entfallen 35 Prozent der Plastiknutzung auf diesen Bereich, gefolgt von dem Baugewerbe (23 Prozent) und der Automobilbranche (10,5 Prozent).

Dabei ist ausgerechnet der Einsatz von Plastik für Verpackungen ein volkswirtschaftlicher Albtraum. Nach seiner erst- und meist einmaligen Verwendung verliert das Material 95 Prozent an Wert, wie die Ellen MacArthur Foundation und die Unternehmensberatung McKinsey errechnet haben. Jahr für Jahr summieren sich die Verluste weltweit auf 80 bis 120 Milliarden Dollar.

40 Milliarden Dollar pro Jahr - Plastik bringt riesige volkswirtschaftliche Kosten

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Der Siegeszug des Plastiks beruht auf der Tatsache, dass das Material nicht nur aufgrund seiner Eigenschaften und seiner Haltbarkeit zahlreichen anderen Stoffen überlegen ist. Plastik lässt sich vielmehr auch sehr kostengünstig herstellen, was in der Wirtschaft oft das entscheidende Argument ist.

Der Vorteil mag auf Unternehmensebene der Plastikproduzenten und -verwender gegeben sein. Volkswirtschaftlich sieht die Kalkulation jedoch anders aus.

Laut Ellen MacArthur Foundation und Unternehmensberatung McKinsey gelangen mehr als 30 Prozent aller Plastikverpackungen nicht in einen geordneten Recycling-Kreislauf, sondern werden zu Lasten der Natur anderweitig entsorgt. Durch die Einschränkung der Produktivität vitaler natürlicher Systeme und ähnliche nachteilige Effekte - etwa Emissionen bei der Produktion des Plastiks - entstehen volkswirtschaftliche Kosten, die die Experten auf 40 Milliarden Dollar pro Jahr beziffern. Das sei mehr als der gesamte Gewinn der Plastik-Verpackungsindustrie, heißt es in der Studie.

Ein Müllwagen pro Minute - so viel Plastikmüll landet im Meer

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Jedes Jahr, das haben ebenfalls die Experten von der Ellen MacArthur Foundation und der Unternehmensberatung McKinsey errechnet, gelangen etwa acht Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane, wobei es sich zum weitaus größten Teil wiederum um Verpackungsmüll handeln dürfte. Den Autoren der Studie zufolge ist das gleichbedeutend damit, dass ein Müllwagen pro Minute seine Ladung ins Meer kippt.

Damit nicht genug, so wie es derzeit aussieht, spitzt sich die Situation weiter zu: Wenn sich nichts ändere, werden es 2030 bereits zwei Müllwagen pro Minute sein, und 2050 vier. Schon heute befinden sich Schätzungen zufolge etwa 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren.

54.000 Teile Plastik am Strand - das meiste von Nestlé, Unilever und P&G

Von wem stammt all der Plastikmüll in den Meeren? Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat einen ungewöhnlichen Rechercheweg gewählt, um darauf eine Antwort zu bekommen. Mit einer Hundertschaft an Helfern knöpfte sich Greenpeace einen besonders stark vermüllten Strandabschnitt auf einer Insel vor der philippinischen Hauptstadt Manila vor. Die Aktivisten sammelten dort eigenen Angaben zufolge binnen acht Tagen mehr als 54.000 Stücke Plastikmüll ein und sortierten diese. Die anschließende Auswertung ergab ein Ranking der Hauptverursacher von Plastikmüll zumindest an jenem Strandabschnitt am pazifischen Ozean.

Und siehe da: Mehr als 9000 der gefundenen Plastikmüllteile stammten vom Konsumgüterriesen Nestlé, der damit auf Platz eins der Rangliste der Strandverschmutzer landete. Platz zwei belegte mit Unilever (rund 5900 Teile) ebenfalls ein weltweit agierender Konzern. Mit Procter & Gamble sowie Colgate Palmolive fanden sich zwei weitere Global Player unter den "Top Ten".

Plus 40 Prozent in zehn Jahren - die Plastikproduktion wird weiter steigen

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Ein großer Teil der Weltbevölkerung hat das Plastik-Problem inzwischen erkannt, die Politik versucht dagegen vorzugehen, selbst viele Unternehmen beteuern, sich für einen Rückgang des Einsatzes nicht abbaubarer Materialien einzusetzen, und ihre Aktivitäten stärker an Umweltgesichtspunkten zu orientieren. Gute Aussichten also beim Thema Plastik-Plage?

Wohl kaum. Wie unlängst der britische "Guardian" berichtete, wird der Plastikausstoß der Weltwirtschaft in den kommenden Jahren weiter dramatisch ansteigen. Vor allem Ölkonzerne investieren Milliarden in diese Industrie, schreibt die Zeitung. Firmen wie Exxon Mobile Chemical oder Shell Chemical haben demnach seit 2010 mehr als 180 Milliarden Dollar in neue Plastikfabriken gesteckt, in denen sie künftig Verpackungen, Flaschen, Transportbehälter und ähnliches herstellen wollen. Experten erwarten auf Grundlage dieser Zahlen, dass die Plastikproduktion weltweit in den kommenden zehn Jahren um 40 Prozent steigen wird, so der "Guardian".

7 Prozent - die langfristige, weltweite Recyclingquote ist niedrig

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Helden der Plastik-Ära: Sie unternehmen etwas gegen den Meeresmüll

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Nach Angaben der Industrie liegt die Recycling-Quote für Plastik in Deutschland bei weit mehr als 90 Prozent. Das gilt allerdings ausschließlich für jenes Plastik, das auf dem vorgesehenen Wege entsorgt wird. Nimmt man alle Plastikabfälle hinzu, die im falschen Mülleimer landen oder wild weggeworfen werden, so dürfte die Recycling-Quote hierzulande kaum höher sein als 60 oder 70 Prozent - wenn überhaupt.

Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich allerdings noch vergleichsweise gut im Rennen. Das zeigt auch die Studie der US-Forscher, die eine insgesamt seit den 1950er Jahren produzierte Plastikmenge von weltweit 8,3 Milliarden Tonnen ermittelt haben. Lediglich 600 Millionen Tonnen davon gelangten in einen Recycling-Kreislauf, so die Forscher. Das entspricht einer langfristigen Recycling-Quote von weltweit etwas mehr als 7 Prozent.

450 Jahre bis zur Zersetzung - Plastikmüll gefährdet lange Mensch und Tier

Eines der größten Probleme ist die laufende Vermüllung der Weltmeere. Über 100 Millionen Tonnen Plastikabfall schwimmt bereits in den Ozeanen, und Jahr für Jahr kommen acht Millionen Tonnen hinzu. Schon 2050, so schätzen Fachleute, gibt es im Meer mehr Plastik als Fische.

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Am meisten Plastikabfall gelangt im asiatischen Raum ins Wasser, etwa in China sowie in Indien, wo es vielerorts kaum organisiertes Recycling gibt. Zwei Drittel des Plastiks in den Weltmeeren stammen aus lediglich 20 Flüssen vor allem in Fernost. Als dreckigster Fluss der Welt gilt der Jiangtse in China, über den jährlich 330.000 Tonnen Plastik ins Meer gelangen. Auf Platz zwei liegt der Ganges in Indien.

Zum Vergleich: Über den Rhein schwimmen pro Jahr "lediglich" bis zu 30 Tonnen Kunststoff in den Ozean. Europa ist deshalb aber nicht schuldlos an der Misere: Jahrzehntelang exportierte auch Deutschland tonnenweise Plastikmüll nach China, womit die Volksrepublik jetzt allerdings Schluss macht. Viele der Abfälle entstehen in Fernost zudem, weil der wohlhabende Westen dort günstig produzieren lässt.

Ist das Plastik erst einmal im Wasser, bleibt es dort für lange Zeit. Denn Plastik wird nicht abgebaut, es muss vielmehr langwierig von Wind und Wellen zermahlen werden. Bei einer Plastiktäte dauert das bis zu 20 Jahre, bei einem Becher sogar bis zu 50 Jahre. Besonders lange halten sich Plastikflaschen, die mitunter erst nach 450 Jahren zerkleinert sind.

Gelöst ist das Problem damit allerdings auch dann noch nicht. Als Mikroplastik gelangt das Material über Fische in die Nahrungskette - und wird wiederum zur Gefahr für Mensch und Tier.

Mitarbeit: Wilfried Eckl-Dorna, Maren Hoffmann, Arvid Kaiser, Nils-Viktor Sorge 
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