Freitag, 15. November 2019

Thomas Piketty bei Sigmar Gabriel Besuch des Umverteilers

Thomas Piketty (rechts), Wirtschaftminister Sigmar Gabriel: Für die Regierenden spielt weniger eine Rolle, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, sondern vielmehr, ob sie ihnen nützt

Der Besuch von Thomas Piketty kam Wirtschaftsminister Gabriel gelegen. Der ökonomische "Rockstar" setzt auf Umverteilung, um Verschuldung und ungleiche Verteilung von Vermögen zu beenden. Nun kann die Politik mit akademischem Segen in fremde Taschen greifen - statt sich mit starken Lobbygruppen anzulegen. Zum Beispiel mit Rentnern und den Banken.

Berlin - Große Bühne für den von der Financial Times zum "Rockstar" der Ökonomen gekürten Franzosen Thomas Piketty am Freitag in Berlin. Im Wirtschaftsministerium durfte er seine Thesen vortragen und mit dem Hausherrn, Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel diskutieren. Als Berater des französischen Präsidenten François Hollande ist Piketty einer der Köpfe hinter der deutlichen Erhöhung der Spitzensteuersätze in Frankreich - so verwundert es wenig, dass der SPD-Vorsitzende Gabriel voll des Lobes war.

Gabriel sprach zwar die Zweifel an der Theorie von Piketty an. Doch wie bei der rückblickenden falschen Theorie anhaltend fallender Löhne des Sozialdemokraten Ferdinand Lasalle käme es weniger darauf an, dass die Theorie stimmt, als darauf, dass sie die politische Diskussion beeinflusst. Dies sei bei Piketty zweifellos der Fall.

Womit sich die Erkenntnis des italienischen Nationalökonomen Vilfredo Pareto erneut bestätigt, wonach es für die Regierenden weniger eine Rolle spielt, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, sondern vielmehr, ob sie ihnen nützt.

Denn beide, Piketty und Gabriel, blieben mit ihren Argumenten im bestehenden System gefangen: Glauben an die Allmacht des Staates und die Möglichkeit, durch Umverteilung und staatliche Ausgaben Wohlstand zu schaffen. Ein Irrtum, der uns noch teuer zu stehen kommen wird.

Interessante Daten, schwache Theorie

Mit seinem erst vor einigen Wochen auch auf Deutsch erschienenen Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert hat Piketty perfekt den Zeitgeist getroffen. Müde von der ständigen Diskussion um Krise und Sparen können Politik und Öffentlichkeit sich einem anderen Problem zuwenden: den (vermeintlich) unbegrenzt wachsenden Vermögen und vor allem der Ungleichverteilung derselben. Der Ruf nach höheren Steuern und Umverteilung wird lauter, wenngleich die wenigsten das Buch, das in der deutschen Fassung immerhin 816 Seiten hat, gelesen haben.

Pikettys Buch beeindruckt durch eine Fülle an Fakten. Historische Daten werden aufbereitet, um die Entwicklung von Vermögen und Vermögensverteilung über Jahrhunderte nachzuvollziehen - für Großbritannien und Frankreich immerhin zurück bis ins Jahr 1700. Das ist ein großes Verdienst.

Weniger überzeugend ist das theoretische Gebäude, das Piketty auf diesen Daten errichtet. Wenn er feststellt, dass die Einkünfte aus Vermögen schneller wachsen als die Wirtschaft, dann ist das durch die historischen Daten seit 1980 tatsächlich gedeckt. Aber eine daraus abgeleitete "Weltformel", die quasi gesetzmäßig erklären soll, warum die Reichen immer reicher würden, hält einer genaueren Untersuchung nicht Stand.

So betrachtet er die Daten vor Steuern und Transferleistungen. Bezieht man diese Umverteilung mit ein, stellt sich die Entwicklung weitaus weniger dramatisch dar. Zum anderen ist die von ihm angenommene nachhaltige Kapitalverzinsung von vier bis fünf Prozent im Umfeld tiefer Zinsen und aufgeblähter Vermögenspreise völlig illusorisch. Heutige Investoren können froh sein, wenn sie in den kommenden Jahren eine Rendite von zwei Prozent vor Steuern erwirtschaften. Und, drittens: läge die Kapitalrendite wirklich dauerhaft über dem Wachstum der Wirtschaft, müsste die Gewinnquote auf 100 Prozent des BIP steigen. Auch dies ist nicht der Fall.

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