Work-Life-Balance Wenn die Pepsi-Chefin zu Hause die Milch holen muss

Sie ist CEO eines Weltkonzerns, Ehefrau und Mutter: Auf einer Konferenz sprach Pepsi-Chefin Indra K. Nooyi in entwaffnender Offenheit über ihr Leben zwischen Karriere und Familie - und bewies, dass sie ihren Humor noch nicht verloren hat.
"Wir können nicht alles haben": Pepsi-CEO Indra Nooyi über Karriere und Familie

"Wir können nicht alles haben": Pepsi-CEO Indra Nooyi über Karriere und Familie

Foto: Peter Dejong/ AP

Hamburg - So tiefe Einblicke in das Privatleben von Topmanagern gibt es selten. Und noch seltener gibt es sie, wenn es sich bei der Führungskraft um eine Frau handelt, und wenn es um die Vereinbarkeit von Karriere und Familienleben geht.

Indra K. Nooyi, 58, ist seit 2006 Chefin des US-Getränkekonzerns PepsiCo. Zuvor hat die Inderin eine Bilderbuchkarriere hingelegt, mit Stationen beim Pharma- und Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson , bei der Boston Consulting Group sowie bei Motorola . Mehrfach wurde sie von "Forbes" zu den mächtigsten Frauen der Welt gezählt.

Nooyi ist aber auch Ehefrau und Mutter zweier Töchter.

Spitzenkarriere und Privatleben, geht das überhaupt, zumal für Frauen? Das ist in der modernen Gesellschaft heute eine der meistdiskutierten Fragen. Und wer, wenn nicht Pepsi-Chefin Nooyi könnte dazu Erkenntnisse liefern?

Auf einer Konferenz in den USA tat sie es. Nooyi stand David Bradley, Inhaber der US-Zeitschrift "The Atlantic", Rede und Antwort. Dabei gab die Managerin einige überraschend freimütige Einblicke in ihr Privatleben sowie in ihre Sicht der Dinge.

Zwei von Noojis spannendsten Statements aus dem Interview hat die US-Website "Business Insider" wörtlich dokumentiert , und manager magazin online hat sie übersetzt:

"Sie sagte, hol einfach die Milch"

Frage: Eines Tages kommen Sie als Präsidentin des Unternehmens nach Hause, und Ihre Mutter ist nicht beeindruckt. Würden Sie uns die Geschichte erzählen?

Das war etwa vor etwa 14 Jahren. Ich war im Büro. (...) Um 9.30 bekam ich einen Anruf vom seinerzeitigen CEO. Er sagte, Indra, wir werden sich zur Präsidentin ernennen und in den Vorstand aufnehmen ... Ich war überwältigt, denken Sie nur an meinen Hintergrund und meine Herkunft - Präsident eines amerikanischen Kultkonzerns zu sein und im Vorstand. Ich hatte das Gefühl, es sei etwas sehr besonderes passiert.

Also entschied ich mich, obwohl ich viel zu tun hatte, nicht weiter zu arbeiten und stattdessen nach Hause zu fahren, um die gute Nachricht mit meiner Familie zu teilen. Ich komme also gegen 10 nach Hause, fahre in die Garage, und meine Mutter wartet schon auf der Treppe. Ich sagte zu ihr: "Mom, ich habe großartige Neuigkeiten für dich." Sie sagte: "Die können warten. Kannst du losfahren und Milch holen?"

Ich schaute in die Garage und es sah so aus als sei mein Ehemann zu Hause. Ich fragte: "Wann ist er nach Hause gekommen?" Sie sagte: "8 Uhr." Ich sagte: "Warum hast du ihn nicht gebeten, die Milch zu holen?" "Er ist müde." Okay, wir haben Personal im Haus, "warum hast du die nicht gefragt, ob sie die Milch holen?" Sie sagte: "Habe ich vergessen." Sie sagte, hol einfach die Milch. Wir brauchen sie morgen früh. Und wie eine pflichtbewusste Tochter ging ich also los und kam mit der Milch wieder zurück.

Die knallte ich dann auf den Tisch und sagte: "Ich hatte großartige Neuigkeiten für dich. Ich habe gerade erfahren, dass ich Präsident sein werde und im Vorstand. Und alles, was du willst, ist, dass ich Milch hole. Was für eine Mutter bist du?"

Da sagte sie zu mir: "Lass mich dir etwas erklären. Du bist vielleicht Präsident von PepsiCo. Du bist vielleicht im Vorstand. Aber wenn du dieses Haus betrittst, bist du die Ehefrau, die Tochter, die Schwiegertochter und die Mutter. Das alles bist du. Niemand anderes kann diese Rolle übernehmen. Also lass diese verdammte Krone in der Garage. Und bring sie nicht mit ins Haus. Ich habe die Krone nie gesehen."

"Wir können nicht alles haben"

Frage: Glauben Sie, dass Frauen alles haben können (gemeint ist offensichtlich die Verbindung von Karriere und Familienleben, Anm. d. Red)?

Ich glaube nicht, dass Frauen alles haben können. Ich glaube es einfach nicht. Wir tun so, als hätten wir alles. Wir tun so, als könnten wir alles haben. Ich bin mit meinem Mann seit 34 Jahren verheiratet. Wir haben zwei Töchter. Und jeden Tag musst du dich entscheiden, ob du eine Frau sein willst oder eine Mutter. Tatsächlich musst du diese Entscheidungen sogar mehrmals am Tag treffen. Und du musst eine Menge Leute hinzuziehen, die dir helfen. Bei uns machen das unsere Familien. Wir planen unser Leben peinlich genau, um gute Eltern zu sein. Aber wenn sie unsere Töchter fragen, bin ich nicht sicher, dass sie sagen würden, ich sei eine gute Mutter gewesen. Ich bin nicht sicher. Und ich versuche alle möglichen Techniken, um mit der Situation fertig zu werden.

Ich erzähle ihnen eine Geschichte, die passiert ist, als meine Tochter zur katholischen Schule ging. Jeden Mittwoch hatten sie ein Kaffeetrinken mit den Müttern. Kaffeetrinken für eine berufstätige Frau - wie soll das gehen? Wie bekomme ich Mittwochs um 9 Uhr morgens frei? Ich fehlte also bei den meisten Kaffeetrinken. Meine Tochter kam heim und listete mir alle Mütter auf, die da gewesen waren. "Du warst nicht da, Mom."

Die ersten Male wurde ich von Schuldgefühlen geplagt. Doch dann versuchte ich, das Problem zu lösen. Also rief ich die Schule an und bat um eine Liste der Mütter, die nicht da waren. Als sie also abends nach Hause kam, sagte sie: "Du warst nicht da, du warst nicht da."

Ud ich sagte: "Ah ha, Mrs. Redd war nicht da, und Mrs. Soundso war nicht da. Ich bin also nicht die einzige schlechte Mutter."

Wissen sie, sie müssen etwas dagegen tun, sonst sterben sie vor Schuldgefühlen. Sie sterben einfach vor Schuldgefühlen. Meine Beobachtung, David, ist, dass die biologische Uhr und die Karriere-Uhr nicht zusammen passen. Totaler, vollständiger Konflikt. In dem Moment, in dem du Kinder bekommen musst, musst du auch deine Karriere bauen. Bist du erst im mittleren Management angekommen, brauchen sie dich, weil sie dann Teenager sind. Sie brauchen dich für diese Teenage-Jahre.

Und genau zu der Zeit wird auch noch dein Ehemann zum Teenager, er braucht dich also auch (lacht). Sie brauchen dich auch. Was machst du? Und später brauchen dich auch noch deine Eltern, denn sie werden alt. Wir sind also die Gelackmeierten. Wir haben keine ... wir können nicht alles haben. Verstehen sie? Strategien zur Problembewältigung. Arbeitskollegen mit einbeziehen. Die ganze Familie dazu erziehen, deine erweiterte Familie zu sein.

Das Leiden des Ehemanns

Wissen sie was? Seit ich bei PepsiCo bin, muss ich viel reisen. Und als meine Kinder klein waren, speziell mein zweites Kind, hatte ich genaue Regeln für das Spielen am Nintendo. Sie rief im Büro an, und es war ihr egal, ob ich in China, Japan, Indien oder sonstwo war. Sie rief im Büro an, und der Empfang nahm den Anruf an. "Kann ich meine Mutti sprechen?" Jeder wusste, wenn jemand sagte "Kann ich meine Mutti sprechen", dann ist das meine Tochter. Die Empfangsdame sagte also: "Ja, Tyra, was kann ich für dich tun?"

"Ich möchte Nintendo spielen."

Für den Fall hatte sie eine Reihe von Fragen. "Hast du deine Hausaufgaben fertig?" und so weiter. Ich erzähle das, weil es nur so funktioniert. Sie geht die Fragen durch und sagt dann: "Okay, du darfst eine halbe Stunde Nintendo spielen." Dann schickt sie mir eine Nachricht. "Tyra hat um 5 angerufen. Hier sind die Fragen, die ich mit ihr durchgegangen bin. Ich habe es ihr erlaubt." So ist es reibungslose Kindererziehung.

Aber wenn du das nicht machst, das meine ich ernst, wenn du keine Techniken entwickelst mit deiner Sekretärin, mit dem ganzen Büro, mit allen in deinem Umfeld, dann funktioniert es nicht. Als Mutter zu Hause zu sein, ist schon ein Full-Time-Job. CEO eines Unternehmens zu sein, das sind drei Full-Time-Jobs in einem. Wie kannst du dem allen gerecht werden?

Du kannst es nicht. Die Person, die unter alldem am meisten leidet, ist dein Ehepartner. Da gibt es keine Frage. Wissen sie, Raj sagte immer, weißt du, deine Reihenfolge ist PepsiCo, PepsiCo, PepsiCo, unsere zwei Kinder, deine Mutter, und dann, ganz am Ende der Liste, da komme ich. Das kann man allerdings auf zwei verschiedene Arten sehen (lacht). Du solltest glücklich sein, überhaupt auf der Liste zu stehen. Also beschwer dich nicht (lacht).

Er ist auf der Liste. Sehr sogar. Aber wissen sie (lacht), sorry, David.

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