On the record-Konferenz der TU Dortmund Der starke zweite Mann der Deutschen Bank: "Am Ende bleibt nicht genug übrig"

Die Deutsche Bank will künftig wieder mehr auf Stabilität und Geschäfte mit Privat- und Firmenkunden setzen. Das bekräftigte Marcus Schenck, Finanzvorstand der Deutschen Bank, auf der Konferenz 'On the record' der TU Dortmund.
Von Karen Grass
Marcus Schenck: "Normale Bank bedeutet, dass wir nicht mehr dauernd Kosten in Milliardenhöhe für Rechtsstreitigkeiten haben und keine hohen Rückstellungen mehr für Restrukturierungsmaßnahmen brauchen"

Marcus Schenck: "Normale Bank bedeutet, dass wir nicht mehr dauernd Kosten in Milliardenhöhe für Rechtsstreitigkeiten haben und keine hohen Rückstellungen mehr für Restrukturierungsmaßnahmen brauchen"

Foto: Valentin Dornis

Dortmund - Die Deutsche Bank befindet sich in einer schwierigen Situation: Seit der frühere Vorstandschefs Anshu Jain nach dem vernichtenden Votum der Anleger bei der Hauptversammlung im Mai gehen musste, steckt das Unternehmen im Umbruch. Unter dem neuen Chef John Cryan geht es jetzt nicht mehr um eine möglichst hohe Eigenkapitalrendite, sondern vor allem darum, in den kommenden drei Jahren eine harte Kernkapitalquote von 12,5 Prozent zu erreichen.

Die Bank hatte die neue Strategie erst Ende Oktober preisgegeben, nach fast sechs Monaten der Funkstille. Cryan zeigte sich bei diesem Termin erstmals der Öffentlichkeit als Chef von Deutschlands größtem Geldhaus - kurz nachdem er einen radikalen Umbau der Konzernspitze initiiert hatte. Cryan sprach auf der Pressekonferenz klare Worte, nannte die Performance seines Hauses "ein absolut enttäuschendes Ergebnis" und lenkte dann den Blick auf die neue Strategie 2020. Es werde hart, hatte sein Finanzvorstand Marcus Schenck ergänzt. Doch wenn alles gut laufe, könne die Deutsche Bank in einigen Jahren eine "normalere Bank" sein.

Nur: Was macht eine normale Bank in Zeiten von starker Regulierung, immer weniger rentablen Geschäftsfeldern und zunehmender Konkurrenz durch Schattenbanken aus?

Institut für Journalistik, TU Dortmund

Abschied von hohen Rückstellungen und Rechtskosten

"Normale Bank bedeutet, dass wir nicht mehr dauernd Kosten in Milliardenhöhe für Rechtsstreitigkeiten haben und keine hohen Rückstellungen mehr für Restrukturierungsmaßnahmen brauchen", sagte Schenck am Freitag während der Konferenz für Entscheider aus Politik und Wirtschaft der TU Dortmund. Und auch das werde nicht einfach, denn man habe viele künftige Herausforderungen unterschätzt. So seien jetzt etwa hohe IT-Investititonen nötig, um die Vorgaben der Regulierungsbehörden zu erfüllen, erläuterte Schenck.

Nach den Plänen seines Chefs John Cryan soll die Bank einfacher und schlanker werden, also auch effizienter. Während sie im September für einen Euro Gewinn 1,10 Euro aufwenden musste, sollen es bis 2018 zunächst 70 und bis 2020 nur noch 65 Cent sein. Das will die Bank erreichen, indem sie 200 Filialen und rund 9000 Stellen abbaut, aus dem Geschäft in Ländern wie Argentinien oder Mexiko aussteigt, ihre IT-Systeme wieder eingliedert und erneuert und auf hochriskante Investmentgeschäfte verzichtet.

"Kostenstruktur ist nicht akzeptabel"

Die Eigenkapitalquote der Deutschen Bank  soll von 3,5 auf 5 Prozent steigen. Bis 2017 soll es keine Dividende für die Aktionäre geben, insgesamt sollen pro Jahr 3,8 Milliarden Euro eingespart werden. "Wir haben eine Kostenstruktur, die im Wettbewerbsvergleich nicht akzeptabel ist. Wir brauchen Umsatz, müssen aber auch die Kosten in den Griff bekommen. Wir haben Ineffizienzen, die wir aufräumen müssen", sagte Schenck während der Konferenz der TU Dortmund.

Viele fragen sich jedoch, ob die Minimal-Kommunikation, wie Cryan sie momentan betreibt, der bessere Weg ist. Kann ein Unternehmen wie die Deutsche Bank so überhaupt arbeiten? "Wir sind in einer Phase, wo wir einfach mal unsere Arbeit machen müssen", sagte Schenck dazu.

Gespannt wird erwartet, ob mit dem neuen Konzernsprecher Jörg Eigendorf ab Frühjahr auch der Neustart in der Kommunikation kommt. Eigendorf soll den "angemessenen Dialog" mit Journalisten und der Öffentlichkeit gestalten, sagte Schenck: "Nur so werden wir es schaffen, Vertrauen wieder herzustellen."

Eine Vertrauensoffensive wäre keine triviale Maßnahme, denn zuletzt lief zwar das Alltagsgeschäft stabil, doch dem Bankhaus fielen diverse Skandale wie der Libor-Skandal auf die Füße. Hinzu kamen zuletzt Ermittlungen wegen mutmaßlicher Manipulation von Devisenkursen und des Gold- und Silberpreises. Um all die Rechtsstreitigkeiten zu stemmen, hat die Bank jetzt nochmals ihre Rückstellungen auf 4,8 Milliarden Euro erhöht, allein im dritten Quartal kam eine Milliarde hinzu.

"Nicht alles in diesem Haus ist schlecht. Wir haben hohe Kosten für Rechtsstreitigkeiten, aber auf der Umsatzseite sind wir nach wie vor eines der stärksten Häuser", stellte Schenck klar. "Wir sind auf Kundenseite gut unterwegs. Das Problem ist, was auf der Umsatzseite reinkommt, davon bleibt wegen der Rechtsstreitigkeiten am Ende zu wenig übrig."

Um die Kontrolle zurückzugewinnen, baute Cryan jüngst die Konzernspitze um: Das erweiterte Führungsgremium, genannt Group Executive Committee, und 10 von 16 Vorstandsausschüssen werden aufgelöst. Künftig ziehen Leute wie Marcus Schenck die Strippen - der Finanzchef trat wie John Cryan im Frühjahr in den Vorstand ein.

Dabei sucht Schenck nie den leichtesten Weg: Er wechselte einst von der Unternehmensberatung McKinsey zu Goldman Sachs und trieb dort das Investmentgeschäft voran. Zur Hochzeit des Segments wechselte Schenck als Finanzvorstand zum Energiekonzern Eon - und kehrte 2013 zu Goldman Sachs zurück. Von dort ging es zur Deutschen Bank - Konzerne mit großen Baustellen üben offenbar einen starken Reiz für Schenck aus.

Karen Grass ist freie Journalistin und Absolventin des Instituts für Journalistik an der TU Dortmund. Von der Konferenz "On the record" berichtet sie im Auftrag des Lehrstuhls für wirtschaftspolitischen Journalismus.

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